Doch als der Oberst ihre Dokumente öffnete, wurde es still in der Dienststelle.
— Steig vom Moped ab, Schönheitchen, du bist jetzt genug gefahren, — Major Semjonow stieß mit seinem dicken Finger verächtlich gegen den Rückspiegel, sodass dieser kläglich klirrte und nur noch an einer Schraube hängen blieb.

Inna stellte langsam den Ständer aus.
Der Motor des alten Rollers hustete noch ein paarmal und verstummte dann, wobei er die heiße Juliluft mit dem Geruch von überhitztem Öl und verbranntem Gummi füllte.
Über der Straße flimmerte die Luft.
Der Asphalt unter ihren Füßen wirkte weich wie Knetmasse, und der Beifuß am Straßenrand war so dicht mit Staub bedeckt, dass er grau geworden war.
Sie war nur für ein paar Tage in ihre Heimat gekommen — zur Hochzeit ihrer Jugendfreundin.
Um nicht das Auto aus der Stadt mitzuschleppen, hatte sie sich von ihrem Bruder dieses klappernde Gefährt geliehen.
Jeans, ein schlichtes T-Shirt mit verblichenem Aufdruck, die Haare unter dem Helm zu einem festen Knoten gebunden.
Ein ganz gewöhnliches Mädchen, wie es auf den hiesigen Straßen Hunderte gab.
Major Semjonow, ein Mann mit einem Gesicht in der Farbe roher Roter Bete und kleinen, verschwommenen Äuglein, kam breitbeinig auf sie zu.
Sein hellblaues Uniformhemd war unter den Achseln dunkel vom Schweiß, und der oberste Knopf schien jeden Moment von seinem aufgedunsenen Hals abzuspringen.
— Papiere, — brummte er, ohne sich auch nur vorzustellen.
Inna nahm den Helm ab und wischte sich mit der Handfläche über die Stirn.
— Hör mal, Chef, etwas höflicher wäre schon angebracht.
Nach dem Gesetz müsstest du dich zuerst vorstellen.
Und da drüben … warum hast du überhaupt den Spiegel kaputtgemacht?
Der Major war für einen Moment verblüfft.
Er war es gewohnt, dass die Fahrer hier, dreißig Kilometer vom Kreiszentrum entfernt, beim Anblick seines Schlagstocks hektisch ihre Taschen abklopften und sich einschmeichelnd lächelnd verhielten.
Und hier erhob irgendein spindeldürres Mädchen auf einem Moped die Stimme.
— Erzähl du mir noch etwas von Gesetzen, — grinste er schief und entblößte dabei seine vom Rauchen verfärbten Zähne.
— Hier bin ich das Gesetz.
Verstanden?
Warum bist du ohne Helm gefahren?
— Ich habe ihn abgenommen, als ich an den Straßenrand gefahren bin, — antwortete Inna ruhig.
— Ach ja?
Mir kam es eher so vor, als schon einen Kilometer vorher.
Und das Tempo … du bist gefahren wie zu einem Brand.
Sergeant, — er nickte einem schmächtigen Jungen zu, der sich gelangweilt am Streifenwagen herumdrückte, — schreib ein Protokoll.
Schreib dieser Klugscheißerin alles auf, was geht!
Soll sie mal bei uns sitzen und über das Leben nachdenken.
Ihre Zunge ist eindeutig zu lang.
Sergeant Paschka, dessen Gesicht den äußersten Grad von Mattigkeit wegen der Hitze ausdrückte, trottete zum Wagen, um Formulare zu holen.
— Die Schlüssel vom Fahrzeug gibst du jetzt her, — Semjonow streckte seine Hand mit den kurzen, wurstartigen Fingern aus.
— Gebe ich nicht, — Inna steckte die Schlüssel in die Tasche ihrer Jeans.
— Es gibt keinen Grund, das Fahrzeug festzusetzen.
Wo ist das Radargerät?
Wo ist die Videoaufzeichnung?
Der Major wurde noch röter im Gesicht.
Er machte einen scharfen Schritt nach vorn und versuchte, das Mädchen an der Schulter zu packen, doch Inna wich geschickt aus.
— Setz dich ins Auto, — presste er zwischen den Zähnen hervor.
— Wenn du nicht selbst einsteigst, helfen wir nach.
Wir hängen dir Widerstand gegen einen Beamten im Dienst an, und dann ist es bis zum Strafverfahren nicht mehr weit.
Diese Mädchen haben wirklich jegliche Angst verloren.
Zwanzig Minuten später saß Inna schon im staubigen Innenraum eines UAS-Geländewagens.
Die ganze Fahrt bis zur Dienststelle erzählte der Major dem Sergeanten Geschichten darüber, wie er „solche Stadtgören“ schnell an ihren Platz stelle.
In der Dienststelle roch es nach Chlor, alten Papieren und gebratenen Zwiebeln — offenbar hatte jemand im Bereitschaftsraum zu Mittag gegessen.
— Steck sie in die vierte, — warf Semjonow dem Diensthabenden zu.
— Soll sie unten im Keller mal frische Luft schnappen.
Morgen früh sehen wir dann weiter, wer sie ist und woher sie so frech kommt.
Inna wurde in eine enge Zelle gestoßen.
Die schwere eiserne Tür schlug mit einem widerwärtigen Quietschen zu und schnitt das Licht aus dem Flur ab.
Das einzige schmale Fensterchen unter der Decke war mit dichtem Spinnweben überzogen, durch die kaum graues Licht drang.
In der Ecke saß auf einer harten Bank eine ältere Frau.
Ihre Hände, von einem Netz blauer Adern überzogen, zitterten leicht, und ihre Augen waren vom langen Weinen rot.
— Warum haben sie dich hergebracht, mein Kind? — fragte sie leise und rückte ihr verblichenes Kopftuch zurecht.
— Wahrscheinlich wegen der Wahrheit, — Inna setzte sich neben sie.
— Und Sie, Valentina Iwanowna?
Die Frau hob erstaunt den Blick.
— Woher kennst du meinen Namen?
— Ich habe auf der Liste beim Diensthabenden die Namen der Festgenommenen gesehen, — Inna berührte sanft ihre Hand.
— Erzählen Sie, was passiert ist.
Die alte Frau schluchzte wieder auf.
— Ach, Unglück, mein Mädchen … meinen Enkel, Mischka, haben sie gestern mitgenommen.
Sie sagten, er habe ein landwirtschaftliches Lager ausgeraubt.
Aber mein Mischka würde doch nicht einmal einer Fliege etwas zuleide tun!
Er war den ganzen Abend bei mir und hat den Zaun repariert.
Am Morgen kamen diese … haben den Jungen gepackt.
Und der Ermittler, so ein Sokolow, sagt: „Schreib, Oma, das Haus meinem Neffen als Schenkung um, dann lassen wir Mischka frei.
Wenn nicht, fährt dein Enkel weit weg und für lange Zeit.“
Ich habe angefangen zu schreien und zu bitten …
Da haben sie mich hier eingesperrt.
Sie sagen, solange ich nicht unterschreibe, komme ich nicht raus.
Inna hörte zu, und in ihrem Inneren zog sich alles vor eisiger Wut zusammen.
Das eine war ein grober Major auf der Straße, und etwas ganz anderes war offener Raub an schutzlosen alten Menschen unter dem Schutz von Schulterstücken.
— Unterschreiben Sie nichts, — sagte sie fest.
— Das hier wird bald vorbei sein.
— Ach, mein Kind, wie soll das vorbei sein?
Hier sind sie Götter.
Wer wird für uns eintreten?
Etwa drei Stunden vergingen.
Im Flur war plötzlich irgendein ungewöhnlicher Lärm zu hören.
Jemand fluchte laut, Türen knallten, schnelle, entschlossene Schritte waren zu hören.
Normalerweise floss das Leben in dieser verschlafenen Dienststelle träge dahin, und jetzt war es, als hätte man ein Wespennest aufgestochen.
Die Zellentür flog so abrupt auf, dass sie gegen die Wand schlug.
In der Tür stand Oberst Roschkow, der Leiter der Gebietsverwaltung, der zu einer unangekündigten Kontrolle gekommen war.
Sein Gesicht drückte äußerstes Unverständnis aus.
Hinter seinem Rücken schimmerte der kreidebleiche Major Semjonow.
— Was ist das hier für eine Ungeheuerlichkeit? — Roschkow ließ den Blick durch die Zelle schweifen.
— Warum befinden sich Zivilpersonen in der Arrestzelle ohne ordnungsgemäß ausgefertigte Festnahmeprotokolle?
Major Semjonow stotterte und versuchte, seine Gedanken zusammenzubekommen.
— Genosse Oberst … also … das ist so eine Randaliererin von der Straße!
Widerstand … gibt keine Dokumente her …
Inna erhob sich langsam von der Bank.
Sie steckte die Hand in die innere Geheimtasche ihres Rucksacks, den man ihr hatte bei sich behalten lassen, und zog ein kleines Büchlein mit rotem Einband heraus.
— Major, Sie wollten meine Dokumente doch so unbedingt sehen.
Lesen Sie, — sie reichte den Ausweis dem Oberst.
Roschkow öffnete den Dienstausweis, überflog die Zeilen mit den Augen und erstarrte für einen Moment.
Seine Augenbrauen wanderten nach oben.
In der Dienststelle trat augenblicklich eine solche Stille ein, dass man draußen in den Büschen einen Spatz schrill zwitschern hörte.
— Inna Andrejewna? — der Oberst sah das Mädchen an und richtete dann seinen schweren Blick auf den Major.
— Semjonow, begreifst du überhaupt, WEN du in den Keller gesteckt hast?
Das ist eine Kontrolle aus der Hauptverwaltung der Inneren Sicherheit.
Genau der Dienststelle, die deinetwegen gekommen ist.
Major Semjonow öffnete den Mund, konnte aber kein Wort hervorbringen.
Sein Gesicht wechselte von Rote-Bete-Farbe zu grauem Erdton.
Seine Beine begannen sichtbar zu zittern, und er lehnte sich schwer mit der Schulter an den Türrahmen.
— Genosse Oberst, — Innas Stimme klang kalt und klar.
— Es geht nicht um meine Person.
Hier in der Zelle sitzt eine Frau, der dieser Major und sein Komplize, ein Ermittler, das Haus wegnehmen wollen, während sie ihren Enkel eingesperrt halten.
Veranlassen Sie sofort die Freilassung von Michail und lassen Sie alle Akten zum Lagerdiebstahl herausholen.
— Wird sofort erledigt, Natalja Igorewna! — Roschkow drehte sich zum Diensthabenden um.
— Schlüssel!
Sofort alle freilassen!
Semjonow und den Ermittler Sokolow in Handschellen.
Waffen abgeben!
In der Dienststelle brach ein echter Sturm los.
Aus den Büros liefen erschrockene Mitarbeiter heraus.
Der Ermittler Sokolow, genau der mit dem Muttermal auf der Wange, versuchte durch das Fenster im Erdgeschoss zu entkommen, doch direkt in den Brennnesseln wurde er von den Begleitkräften gefasst, die mit dem Oberst gekommen waren.
Als die stählernen Armbänder an Major Semjonows Handgelenken einrasteten, begann er plötzlich fein zu zittern.
— Das ist ein Irrtum … Ich wusste es nicht … Wir wollten doch nur … — murmelte er, aber niemand hörte ihm zu.
Valentina Iwanowna wurde unter den Armen aus der Zelle geführt.
Als sie sah, wie ihr Mischka aus dem benachbarten Gebäudeflügel geführt wurde — lebendig, wenn auch blass — sank sie einfach zu Boden und begann zu weinen.
Inna trat zu ihr, hockte sich daneben und legte den Arm um ihre schmalen Schultern.
— Es ist vorbei, Oma.
Niemand wird Ihr Haus mehr anrühren.
Und Ihr Enkel ist bei Ihnen.
Eine Woche später war die Bezirksdienststelle fast vollständig aufgelöst.
Es stellte sich heraus, dass eine Gruppe von „schwarzen Schafen in Uniform“ jahrelang Einheimische erpresst hatte.
Manche wurden eingeschüchtert, anderen legte man verbotene Dinge unter.
Major Semjonow verriet in der Hoffnung auf eine mildere Strafe alle — sowohl die Vorgesetzten als auch diejenigen, die ihm auf der Straße geholfen hatten.
Inna saß auf der Hochzeit ihrer Freundin.
Ringsum dröhnte Musik, die Gäste riefen „Bitter!“, und auf dem Tisch standen Teller mit hausgemachten Pasteten.
Mischka — genau der Junge aus der Dienststelle — trat zu ihr.
— Vielen Dank, — sagte er verlegen, trat von einem Fuß auf den anderen und hielt ihr einen Strauß wilder Kamillen hin.
— Oma hat gesagt, wenn Sie nicht gewesen wären, säße ich jetzt nicht hier.
Kommen Sie uns besuchen, Oma hat Kuchen gebacken und wartet schon die ganze Zeit.
Inna lächelte und nahm die Blumen.
Ihr herber, leicht bitterer Duft erinnerte sie an jene staubige Straße und daran, dass im Leben die Gerechtigkeit manchmal doch die Oberhand gewinnt.
Auch wenn man dafür einfach nur rechtzeitig auf einem alten Moped am falschen Ort sein muss.







