Lena drehte sich zu ihrem Mann um.
„Das ist meine Wohnung, mein Tisch, und deine Mutter vergleicht meine Torte mit Napoleons Torte von ebenjener Soja!“

„Die Böden sind aber etwas trocken geworden, Lenotschka.
Bei Soja ist die Torte immer im Mund zergangen, richtig fluffig war sie.
Und diese hier muss man mit Mühe kauen.
Verzeih meine Offenheit.“
Nadeschda Nikolajewna schob den Dessertteller geschniegelt von sich weg und tupfte sich demonstrativ mit einer Papierserviette die Lippen ab.
Ihr Gesicht drückte tiefste Enttäuschung aus, als hätte man ihr kein selbstgebackenes Dessert, sondern ein Stück Pappe serviert.
Lena erstarrte mit der Metallpalette in der Hand.
Die Gereiztheit, die sie den ganzen langen Abend hartnäckig in sich unterdrückt hatte, drohte nun unkontrolliert nach außen zu brechen.
Zwei Tage lang hatte sie nach schweren Schichten in ihrer eigentlichen Arbeit am Herd gestanden, um für Olegs fünfunddreißigsten Geburtstag einen prächtigen Tisch zu decken.
Sie hatte selbst Fleisch in einer aufwendigen Marinade gebacken, fünf Arten komplizierter Salate geschnitten, diese verdammte Torte zusammengesetzt und sich dabei streng an das Rezept gehalten.
Und das alles nur, um wieder einmal den Namen seiner ersten Frau zu hören.
„Mama, na ja, das Dessert ist doch in Ordnung, nur das Rezept ist eben anders“, antwortete Oleg träge und stocherte mit der Gabel in seiner Portion herum.
„Obwohl ja, bei Soja hatte die Creme immer irgendeine besondere Note.
Nicht ganz so süß, oder so.“
Am großen rechteckigen Tisch verstummten plötzlich alle.
Olegs drei Freunde und ihre Frauen widmeten sich gleichzeitig dem Studium des verschnörkelten Musters auf der Tischdecke.
Niemand wollte sich in familiäre Auseinandersetzungen einmischen.
Lena legte die Palette langsam auf den Rand des Tisches.
Sie sah ihren Mann an, der nicht einmal zu ihr aufblickte und weiter ungerührt kaute.
„Das heißt, ihr sitzt jetzt allen Ernstes an meinem Tisch und besprecht die Kochkünste der Frau, von der Oleg sich vor fünf Jahren hat scheiden lassen?“ fragte Lena laut und betont deutlich.
Nadeschda Nikolajewna japste empört auf und lehnte sich an die Stuhllehne zurück, als spiele sie den Gipfel beleidigter Würde.
„Ach, warum fängst du denn gleich wegen nichts an?
Ich habe nur meine objektive Meinung gesagt.
Willst du deinem eigenen Mann den Feiertag verderben?
Du bist immer gleich bis zum Äußersten angespannt, man darf kein Wort sagen.
Wir sind doch unter uns, eine Familie, was ist daran schon so schlimm?“
„Genau, Len“, verzog Oleg unzufrieden das Gesicht und schob seinen Teller grob in die Mitte des Tisches.
„Warum fängst du vor den Gästen an?
Mama hat sich einfach an ein altes Rezept erinnert.
Sojas Torte ist zarter, du übertreibst einfach!“
„Ich übertreibe?“
Lena drehte sich scharf zu ihrem Mann um.
„Das ist meine Wohnung, mein Tisch, und deine Mutter vergleicht meine Torte mit Napoleons Torte von ebenjener Soja!“
Oleg warf gereizt die zerknüllte Serviette hin.
„Hör auf, billige Szenen zu machen.
Entschuldige dich bei Mama.
Sie ist ein älterer Mensch und hat das Recht zu sagen, was sie denkt.“
Entschuldigen?
Lena sah den Mann an, mit dem sie in den letzten drei Jahren den Alltag geteilt hatte, und es war, als sei ein trüber Schleier von ihren müden Augen gefallen.
All die Jahre hatte sie sich aufgerieben, um in den Augen seiner Verwandten perfekt zu werden.
Sie kaufte der Schwiegermutter regelmäßig teure Aufenthalte in einem Erholungsheim, ertrug ihre ständigen Besuche ohne vorherigen Anruf und schloss die Augen vor den dauernden spitzen Bemerkungen.
Nadeschda Nikolajewna fand immer einen Grund, die neue Schwiegertochter zu piesacken.
Mal hingen Lenas Vorhänge angeblich nicht richtig, mal arbeitete sie zu viel, mal verdiente sie mehr als ihr Mann und verletzte damit seine männliche Würde.
Und Oleg schwieg immer.
Oder, was noch schlimmer war, er bat Lena, klüger zu sein und die Launen seiner Mutter einfach zu ignorieren.
Lena trat schweigend an den Tisch, nahm entschlossen die große Glasschale mit den Resten des Festdesserts.
„Wohin trägst du das?“ fragte Nadeschda Nikolajewna erstaunt und reckte den Hals.
„Ich habe doch nicht gesagt, dass man es überhaupt nicht essen kann.
Morgen geht es schon, wenn man es einweicht.“
Lena trat an die Küchenzeile, drückte mit dem Fuß auf das Pedal des Mülleimers unter der Spüle und wischte mit einer scharfen Bewegung die ganze Torte direkt in den schwarzen Müllbeutel.
„Bist du völlig krank?“
Oleg sprang vom Stuhl auf und hätte ihn beinahe umgeworfen.
Die Gäste drückten sich erschrocken in ihre Plätze.
Eine der Ehefrauen der Freunde starrte nervös auf den Bildschirm ihres Handys und sah demonstrativ weg.
„Ich bin vollkommen gesund“, antwortete Lena in ruhigem Ton.
Sie kehrte gelassen an den Tisch zurück, nahm den Teller ihres Mannes und schüttete auch dessen Inhalt in den Eimer.
Dorthin flog auch das angebissene Stück der Schwiegermutter.
„Die Feier ist beendet.
Allen Gästen danke für die Gesellschaft, aber Sie müssen jetzt gehen.“
„Was sollen das für wilde Ausfälle sein?“
Die Stimme von Nadeschda Nikolajewna überschlug sich zu einem Kreischen.
Sie erhob sich schwerfällig vom Stuhl und stützte sich auf die Tischplatte.
„Wie kannst du es wagen, dich uns gegenüber so zu benehmen?
Soja hätte sich eine solche Respektlosigkeit nie erlaubt!“
„Dann gehen Sie eben zu Soja“, sagte Lena und deutete mit der Hand in Richtung Flur.
„Sofort.
Oleg, geh in die Garderobe und hol deine Jacke.
Und vergiss nicht, deine Mutter mitzunehmen.
Morgen reiche ich die Scheidung ein.
Und Sie, Nadeschda Nikolajewna, nehmen Ihren Sohn mit.
Er war schon immer nur Ihrer.“
„Du wirfst mich wegen eines Stücks Teig hinaus?“
Oleg lachte nervös und sah sich nach seinen Freunden um, auf der Suche nach männlicher Solidarität.
Doch Unterstützung blieb aus.
Die Gäste standen bereits hastig vom Tisch auf, murmelten undeutliche Entschuldigungen und schoben sich seitwärts in den Flur.
Niemand wollte Zeuge eines fremden Familienskandals werden.
Eine Minute später fiel die Wohnungstür hinter den Gästen leise ins Schloss.
„Ich werfe dich hinaus, weil du nicht weißt, wie man seine Frau respektiert“, entgegnete Lena ruhig, als sie mit den Verwandten unter vier Augen blieb.
„Du lässt zu, dass man sich in meiner eigenen Wohnung an mir die Füße abtritt.
Pack deine Sachen.
Sofort.
Sonst stelle ich deine Kisten direkt auf den Treppenabsatz.“
„Wir gehen nirgendwohin mitten in der Nacht!“ erklärte die Schwiegermutter und stemmte die Hände in ihre vollen Hüften.
„Das ist auch das Haus meines Sohnes!
Ihr lebt in einer rechtmäßigen Ehe!“
„Die Wohnung habe ich vor der Ehe gekauft“, erinnerte Lena hart und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Also ist Ihr geliebter Sohn hier juristisch nur ein Gast.
Und seine Zeit ist abgelaufen.
Sie haben zehn Minuten, um die Sachen zu packen.
Danach rufe ich die Polizei und melde das unrechtmäßige Eindringen fremder Personen.“
Oleg begriff, dass seine Frau keineswegs scherzte.
Lenas Gesicht war streng, und ihre Augen brannten vor eisiger Entschlossenheit.
Er trat wütend gegen ein Stuhlbein, fluchte durch die Zähne und ging mit schweren Schritten ins Schlafzimmer, um zu packen.
Die nächsten dreißig Minuten verliefen in nervöser Hast.
Oleg stopfte hektisch seine T-Shirts und Hosen in eine große Sporttasche.
Nadeschda Nikolajewna lief hinter ihm her und jammerte durch die ganze Wohnung, was für eine undankbare Frau sie sich ins Haus geholt hätten.
Lena stand in der Schlafzimmertür und überwachte schweigend den Vorgang, damit der baldige Ex-Mann nicht aus Versehen ihre teure Uhr oder Dokumente mitnahm.
Als die Tasche bis zum Rand vollgestopft war, trat Oleg in den Flur.
Er atmete schwer, und sein Gesicht war vor kaum gebändigter Wut verzerrt.
„Das wirst du noch bitter bereuen“, presste er hervor, während er aggressiv in seine Schuhe schlüpfte.
„Du wirst angerannt kommen und um Verzeihung bitten, wenn du allein bleibst.
Wer braucht dich schon mit deinem scheußlichen Charakter?“
„Ganz sicher kein Muttersöhnchen“, sagte Lena und riss die Eingangstür weit auf.
„Du bist frei.“
Die Tür fiel mit einem schweren Klicken ins Schloss.
Lena drehte den Riegel um und atmete tief aus.
In der Wohnung wurde es unglaublich ruhig.
Keine Vorwürfe mehr, keine unzufriedenen Seufzer mehr, keine Gespräche über fremde Frauen mehr.
Lena machte keinen Aufstand und rief auch keine Freundinnen an, um sich über das Leben zu beklagen.
Sie ging in die Küche, sammelte methodisch das ganze schmutzige Geschirr vom Tisch und räumte es in die Spülmaschine.
Sie packte das unberührte Essen in Behälter, wischte die Tischplatte gründlich mit einem feuchten Tuch ab.
Einfaches Aufräumen hatte ihr immer geholfen, ihre Gedanken zu ordnen und die Anspannung abzubauen.
Am Morgen wachte sie durch den Klingelton ihres gewohnten Weckers auf.
Lena öffnete die Augen und streckte sich wohlig im geräumigen Bett.
Zum ersten Mal seit langer Zeit musste sie nicht hektisch aufspringen und zum Herd laufen, um rechtzeitig ein kräftiges Frühstück für den unzufriedenen Ehemann zuzubereiten.
Sie duschte in aller Ruhe, zog ihren Lieblingsmorgenmantel aus Seide an, den Oleg immer dumm und unpraktisch genannt hatte.
Sie schenkte sich ein hohes Glas kühles Wasser mit einer Zitronenscheibe ein und trat ans offene Fenster.
Die Morgensonne beleuchtete hell die erwachende Stadt.
Das Telefon auf dem Küchentisch vibrierte kurz.
Lena nahm das Gerät in die Hand.
Drei verpasste Anrufe von der Schwiegermutter und eine lange Nachricht von Oleg.
„Len, hast du dich jetzt beruhigt?
Ich komme heute Abend vorbei, dann reden wir in Ruhe und ohne unnötige Emotionen.
Gestern hast du vor den Jungs ganz schön übertrieben, aber ich bin bereit, Nachsicht walten zu lassen.
Mach ein ordentliches Abendessen.“
Lena lächelte spöttisch.
Nichts ändert sich.
Er ist immer noch aufrichtig überzeugt, dass sie ihm mit Entschuldigungen hinterherlaufen und versuchen wird, sich seine Zustimmung zu verdienen.
„Komm um acht Uhr abends.
Deine übrigen Koffer mit den Wintersachen werden bei der Concierge im Erdgeschoss stehen.
In die Wohnung lasse ich dich nicht hinein.
Die Scheidungsunterlagen schicke ich per Kurier“, tippte sie schnell.
Ohne auf eine empörte Antwort zu warten, blockierte Lena die Nummern von Oleg und seiner Mutter in allen Kontaktlisten.
Sie nahm einen großen Schluck Wasser.
Vor ihr lag ein unangenehmer gerichtlicher Aufwand mit der Scheidung und der Aufteilung des gemeinsam angeschafften Autos.
Aber in ihr war weder Angst noch das geringste Bedauern über den gemachten Schritt.
Da war nur ein riesiges, alles durchdringendes Gefühl von Leichtigkeit.
Sie hatte sich endlich das Wichtigste zurückgeholt — das Recht, die vollwertige Herrin ihres eigenen Lebens zu sein.
Und niemand wird es je wieder wagen, ihr auf ihrem eigenen Territorium Bedingungen zu diktieren.







