Hier schien die Zeit nicht den Zeigern der Uhr zu gehorchen — sie wurde von den Kirchenglocken, dem Wechsel der Jahreszeiten und den stillen, fast unmerklichen Traditionen gemessen, die sich über Jahre in das Leben der Einheimischen eingeflochten hatten.
Für Galina Stepanowna war dieser vertraute Rhythmus längst zu einer Falle geworden, deren Wände mit perfekt gewaschenen Fliesen und auf Hochglanz poliertem Parkett ausgelegt waren.

Heute wurde sie fünfundfünfzig.
Sie wachte noch vor der Morgendämmerung auf — um fünf Uhr morgens, wie sie es sich über viele Jahre angewöhnt hatte.
Die Gewohnheit, früher als alle anderen aufzustehen und als Letzte ins Bett zu gehen, war bereits ein Teil von ihr geworden.
Sie ging in die Küche.
Im Haus herrschte eine dichte Stille, fast greifbar.
Auf dem Tisch lag eine Einkaufsliste und ein ausführlicher Plan für die Zubereitung der Festtagsgerichte.
— Kohlrouladen — zwei Sorten, mit Fleisch und fleischlos, bei Gevatterin Oksana ist Fastenzeit, — murmelte sie leise, während sie die Punkte überprüfte.
— Olivier-Salat, Salat mit Krabbenstäbchen, Sülze… Kuchen: „Wyschywanka“ mit Mohn, Honigtorte und Kirschkuchen…
Sie hielt bei dem Wort „Kirschkuchen“ inne.
Das war ihr Lieblingsdessert — zarter Biskuit, die leichte Säure der Beeren und eine feine Creme.
Einst hatte ihre Mutter ihr schon in der Kindheit beigebracht, ihn zuzubereiten.
Aber Bohdan…
Er konnte Kirschen nicht ausstehen.
— Warum sich damit abmühen? — sagte er immer.
— Back lieber eine „Napoleon“-Torte, mit mehr Creme.
Galina holte eine Tüte mit Kirschen aus dem Gefrierfach.
Ihre Hände griffen wie von selbst danach…
doch ihr Herz zog sich zusammen.
Langsam legte sie die Beeren wieder zurück.
Heute würde es wieder eine „Napoleon“-Torte geben.
So, wie Bohdan sie mochte.
Sogar an ihrem eigenen Geburtstag traf sie eine Entscheidung nicht zu ihren Gunsten.
Diese Erkenntnis stach schmerzhaft in ihr Herz, doch sie seufzte nur schwer und schaltete den Ofen ein.
Gegen acht Uhr morgens kam Bohdan laut stampfend in die Küche.
In einem ausgeleierten Unterhemd, unrasiert, sah er aus, als wäre er gerade von einer schweren Reise zurückgekehrt.
Er grüßte nicht einmal — er öffnete einfach den Kühlschrank.
— Galja, wo ist die Wurst, die wir gestern gekauft haben? — fragte er, ohne seine Frau anzusehen.
— Ich habe sie für die Soljanka aufgehoben, Bohdan, — antwortete sie leise und schälte weiter Möhren.
— Für Soljanka?
Wer isst im März denn Soljanka?
Gib sie her.
Er nahm den Behälter heraus, holte die Wurst heraus und begann, sie direkt über dem sauberen Tisch zu schneiden.
Krümel fielen auf die gerade erst abgewischte Oberfläche.
In Galina zog sich wieder etwas schmerzhaft zusammen — gestern hatte sie eine ganze Stunde gebraucht, um diesen Tisch vollkommen sauber zu bekommen.
— Bohdan, ich habe doch gerade erst aufgeräumt… — versuchte sie zu lächeln, aber das Lächeln geriet schwach.
— Fang jetzt nicht an, — winkte er kauend ab.
— Übrigens, heute kommen Sergej und Oksana vorbei.
Ich habe gesagt, dass wir ein Fest haben.
Galina erstarrte.
— Sergej?
Schon wieder?
Aber es ist doch mein Jubiläum…
Ich wollte einfach nur zu zweit sein… oder Olena mit den Kindern einladen…
— Ach hör doch auf!
Welche Olena?
Die hat immer irgendwelche Sachen zu tun.
Und Sergej ist der Gevatter!
Er bringt Fleisch mit und macht Schaschlik.
Für dich wird es doch einfacher sein.
„Einfacher…“, dachte sie bitter.
Zweiunddreißig Jahre hatte sie neben diesem Mann gelebt.
Sie kannte jedes seiner Worte, jede Gewohnheit, jede Stimmung.
Doch plötzlich begriff sie — sie kannte ihn überhaupt nicht.
Und noch erschreckender war — er hatte nicht einmal versucht, sie kennenzulernen.
Für ihn war sie kein Mensch, sondern eine Funktion.
Eine Ehefrau, die kocht, bügelt und immer zustimmt.
— Du hast mich nicht einmal gefragt, ob ich Sergej überhaupt sehen will… — ihre Stimme zitterte.
— Galja, fang jetzt nicht mit deinen Hysterien an! — antwortete er gereizt.
— Es ist doch ein Feiertag.
Leute kommen.
Es wird lustig.
Was willst du in deinem Alter denn noch?
„Ganz bestimmt nicht das…“, dachte sie.
Schweigend schnitt sie weiter Möhren und spürte, wie jeder Schnitt des Messers ein Stück ihres eigenen Lebens wegzunehmen schien.
Dieser Tag hatte gerade erst begonnen, doch in der Luft lag schon etwas Unvermeidliches…
Bis zum Mittag hatte sich die Küche in eine echte Front verwandelt: Dampf, der Geruch von gebratenen Zwiebeln, kochende Töpfe.
Alles war wie immer — und zugleich irgendwie fremd.
Bohdan war in die Garage gefahren und hatte einen Berg schmutzigen Geschirrs hinterlassen.
Er hatte nicht einmal daran gedacht, es abzuwaschen.
Und wie immer tat Galina es.
Sie spülte, räumte auf, wischte ab — mit einer seltsamen Ruhe.
Nicht mit weiser, sondern mit entschlossener Ruhe.
Mit der Ruhe eines Menschen, der bereits alles entschieden hat.
Gegen drei Uhr ging sie sich umziehen.
Auf dem Bett lag ein dunkelblaues Kleid — seidenweich, mit Stickerei.
In ihm hatte sie sich einmal schön gefühlt.
Heute zog sie es wieder an.
Zum ersten Mal seit vielen Jahren sah sie sich nicht als „Mama“ oder „Ehefrau“, sondern als Frau.
— Nun, Galina Stepanowna… bist du bereit? — sagte sie leise zu ihrem Spiegelbild.
Es gab keine Antwort.
Aber sie wurde auch nicht gebraucht.
Am Abend erfüllte sich das Haus mit Lärm.
— Geburtstagskind!
Wo sind die Gläser? — dröhnte Sergejs Stimme.
Die Gäste waren gekommen.
Lachen, Gespräche, der Duft von Fleisch…
— Galja, alles Gute zum Jubiläum! — sagte Oksana und ging sofort in die Küche.
— Oh, da ist aber wenig Sülze…
Galina stand abseits und sah zu, wie ihr Haus wieder fremd wurde.
— Mama, wo sind die Teller? — fragte die Tochter Julja.
— Leg das Kind im Schlafzimmer hin, — antwortete Galina ruhig.
— Aber dort ist doch die Tagesdecke hell…
— Alles ist in Ordnung.
Sie trat ins Wohnzimmer.
Bohdan hob уже sein Glas zum Trinkspruch:
— Freunde!
Zweiunddreißig Jahre zusammen!
Meine Galja ist Gold wert!
Alles liegt auf ihr!
— Ich möchte einen Toast ausbringen, — sagte sie plötzlich.
Alle verstummten.
— Zweiunddreißig Jahre lang war ich bequem, — begann sie.
— Ich habe gekocht, ertragen, mich angepasst…
Aber heute habe ich verstanden — in diesem Haus gibt es keinen Platz für mich.
Es gibt Platz für Essen, Gäste, Gewohnheiten…
aber nicht für mein wahres Ich.
— Galja, was ist denn mit dir? — lachte Bohdan nervös.
— Zum ersten Mal bin ich nüchtern, — antwortete sie ruhig.
— Und ich verstehe: Um sich selbst zu finden, muss man das verlassen, was einen unglücklich macht.
Sie hob ihr Glas.
— Ich trinke auf mich.
Auf die Frau, die endlich frei geworden ist.
Sie trank aus und ging hinaus.
Im Schlafzimmer wartete bereits ihre vorher gepackte Tasche auf sie.
Als sie zur Tür zurückkehrte, fragte Bohdan verwirrt:
— Wohin gehst du?
— Die Torte steht im Kühlschrank.
„Napoleon“.
Deine Lieblingstorte, — sagte sie ruhig.
— Und ich beginne, mein eigenes Leben zu leben.
Sie öffnete die Tür.
Die Nachtluft roch nach Freiheit.
Und sie ging.
Vorwärts — in ein neues Leben, in dem sie endlich sie selbst geworden war.







