„Nimm deine Lumpen zusammen mit deiner Maman und haut ab!“

Schwiegermutter und Ehemann wollten heimlich alles auf sich umschreiben lassen.

— Gena, wag es ja nicht, mir zu sagen, dass du davon nichts gewusst hast!

Nina stand mitten im Wohnzimmer und hielt irgendwelche Papiere in den Händen.

Ihr Gesicht glühte, ihre Augen glänzten vor Wut und vor Tränen, die sie noch nicht geweint hatte.

Sie bemerkte nicht einmal sofort, dass ihr Mann die Wohnung betreten hatte — so sehr war sie von dem eingenommen, was sie gerade in der Schublade der alten Kommode entdeckt hatte.

— Kein Wort als Antwort? — ihre Stimme überschlug sich fast.

— Unterlagen zur Umschreibung der Wohnung!

Auf den Namen deiner Mutter!

Hier ist sogar schon der vorläufige Stempel des Notars drauf!

Gena blieb in der Tür stehen, die Tasche mit den Lebensmitteln hing noch immer über seiner Schulter.

Er sah seine Frau an, dann die Papiere in ihren Händen, und etwas zuckte in seinem Gesicht.

Keine Schuld, nein — eher die Verwirrung eines Menschen, den man früher als geplant auf frischer Tat ertappt hatte.

— Nin, warte… das ist nicht das, was du denkst.

— Nicht das? — sie kam näher und hielt ihm die Blätter direkt vor die Nase.

— Hier steht schwarz auf weiß: Schenkungsvertrag!

Meine Wohnung, die ich von Oma Vassa bekommen habe, soll plötzlich an Susanna Iwanowna übergehen!

Begreifst du überhaupt, was das bedeutet?

Gena stellte die Tasche auf den Boden und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht.

In diesem Moment sah er älter aus als seine achtunddreißig Jahre — müde, erschöpft, in die Enge getrieben.

— Mama wollte sich nur absichern, — begann er leise.

— Sie hat Probleme mit ihrer Wohnung, die Nachbarn haben sie überflutet, eine Renovierung ist nicht möglich…

Sie dachte, sie könnte sich vorübergehend hier anmelden, die Unterlagen regeln lassen…

— Sich vorübergehend anmelden ist das eine, eine Schenkung ist etwas völlig anderes! — Nina spürte, wie in ihr alles zu kochen begann.

— Deine Mutter will mir das Einzige wegnehmen, was ich habe!

Das, was mir Oma hinterlassen hat!

Sie wandte sich zum Fenster, um ihre Gefühle unter Kontrolle zu bringen.

Draußen wurde es dunkel — der Winterabend brach schnell herein, die Straßenlaternen leuchteten bereits entlang der Straße.

Nina erinnerte sich an Oma Vassa, an ihre warmen Hände, an den Duft von Apfelkuchen in der Küche jener alten Wohnung.

Vassa war vor drei Jahren gestorben und hatte Nina diese Zweizimmerwohnung im Zentrum hinterlassen.

Damals war das ihre Rettung gewesen — sie und Gena hatten zur Miete gewohnt, das Geld hatte nie gereicht.

Und dann — eine eigene Wohnung.

Eine echte, mit Papieren, mit Geschichte.

— Deine Mutter hat mich nie gemocht, — sagte Nina, ohne sich umzudrehen.

— Vom ersten Tag an.

Weißt du noch, wie sie mich bei eurem Familienessen empfangen hat?

Sie musterte mich von oben bis unten und sagte: „Nun ja, Genotschka, in der Not frisst der Teufel Fliegen.“

Damals habe ich geschwiegen, ich dachte — das wird sich schon einrenken.

— Mama ist eben so… schroff, aber sie meint es nicht böse, — versuchte Gena sie zu verteidigen, aber sogar für ihn selbst klangen seine Worte nicht überzeugend.

Nina drehte sich um.

In ihren Augen tanzten Funken des Zorns.

— Nicht böse?

Drei Jahre lang hat sie an unserer Ehe gesägt!

Mal deutet sie an, dass ich eine schlechte Hausfrau bin, mal sagt sie, dass wir keine Kinder haben, weil mit mir offenbar „etwas nicht stimmt“.

Und jetzt das hier! — sie schüttelte erneut die Papiere.

Gena trat einen Schritt auf sie zu und streckte beschwichtigend die Hände aus.

— Nin, ich habe wirklich nicht gedacht, dass das so weit geht.

Mama hat gesagt, sie wolle sich nur mit einem Juristen beraten, herausfinden, wie man eine vorübergehende Anmeldung regelt…

— Und du hast ihr geglaubt? — in Ninas Stimme lag etwas wie bitteres Lachen.

— Susanna Iwanowna tut nie etwas einfach so.

Sie handelt immer nach Plan.

Und dieser Plan beinhaltet offensichtlich, mich vollständig von hier zu verdrängen.

Im Flur war das Geräusch einer sich öffnenden Tür zu hören.

Beide erstarrten.

Auf der Schwelle erschien Susanna Iwanowna höchstpersönlich — groß, mit markanten Gesichtszügen, in einem dunklen Mantel und einer Mütze, unter der graue Haare hervorlugten.

Hinter ihr tappte Onkel Wiktor herein, Genas Bruder, ein kleiner Mann mit einem ständig schuldbewussten Gesichtsausdruck.

— Oh, ich sehe, das Geheimnis ist gelüftet, — sagte die Schwiegermutter, ohne sich auch nur zu bemühen, zu grüßen.

Sie nahm die Mütze ab und hängte den Mantel an die Garderobe, als befände sie sich in ihrem eigenen Haus.

— Nun ja, Nina, früher oder später wäre das ohnehin herausgekommen.

— Wie konnten Sie es wagen! — Nina trat auf sie zu.

— Wie konnten Sie es überhaupt wagen, in meine Sachen zu gehen und Papiere ohne mein Wissen auszufertigen!

Susanna Iwanowna warf ihr einen kalten Blick zu.

— Meine Liebe, das ist die Wohnung meines Sohnes.

Er ist hier gemeldet, er lebt hier.

Und ich habe als seine Mutter jedes Recht, mich um seine Zukunft zu kümmern.

— Das ist meine Wohnung! — Ninas Stimme klirrte.

— Meine, von meiner Großmutter!

Ihr Sohn ist hier gemeldet, weil ich ihn nach unserer Hochzeit hier habe anmelden lassen!

— Eine Nebensache, — winkte Susanna Iwanowna ab.

— Du und Gena seid verheiratet, also ist das gemeinschaftlich erworbenes Eigentum.

Und ich sorge nur dafür, dass im Fall der Fälle alles in der Familie bleibt.

— Im Fall der Fälle?! — Nina spürte, wie es in ihr kalt wurde.

— Planen Sie etwa schon unsere Scheidung?

Onkel Wiktor räusperte sich und trat verlegen von einem Fuß auf den anderen.

— Susanna, vielleicht sollte man das nicht so sagen…

Die beiden lieben sich doch…

— Schweig, Viktor, — schnitt die Schwiegermutter ihm das Wort ab.

— Dich hat niemand gefragt.

Nina drehte sich zu ihrem Mann um.

— Hörst du, was deine Mutter sagt?

Hast du überhaupt vor, irgendetwas zu meiner Verteidigung zu sagen?

Gena stand da und hatte den Kopf gesenkt.

Das Schweigen dauerte quälend lange.

Schließlich hob er die Augen.

— Mama, du bist wirklich zu weit gegangen.

Man hätte erst mit mir reden müssen und dann mit Nina…

— Mit mir? — fiel Nina ein.

— Das heißt, ihr hättet das also trotzdem besprochen?

Hinter meinem Rücken?

Einfach zu einer für euch bequemeren Zeit?

— Nina, reg dich nicht so auf, — die Stimme von Susanna Iwanowna war ruhig und kalt wie Eis.

— Du bist jung und dumm.

Du verstehst nicht, wie das Leben funktioniert.

Wohnungen muss man richtig regeln, damit es später keine Probleme mit Steuern oder mit dem Erbe gibt…

— Nimm deine Lumpen zusammen mit deiner Maman und haut ab! — schrie Nina und wandte sich ihrem Mann zu.

— In meiner Wohnung hat niemand das Recht, das Sagen zu haben!

Hörst du?

Niemand!

Es entstand Stille.

Sogar Susanna Iwanowna verlor für einen Augenblick die Sprache.

Onkel Wiktor starrte schuldbewusst auf den Boden.

Gena wurde blass.

— Meinst du das… meinst du das ernst? — murmelte er.

— Absolut, — Nina spürte, wie ihre Hände zitterten, aber ihre Stimme blieb fest.

— Ich werde dir und deiner Mutter nicht erlauben, diesen Betrug durchzuziehen.

Schon morgen fahre ich zu einem Anwalt und werde klären, was das für Papiere sind und wie man sie annullieren kann.

Susanna Iwanowna schnaubte verächtlich.

— Ein Anwalt wird dir nicht helfen, Kindchen.

Genas Unterschrift steht schon darunter.

Er ist mit der Umschreibung einverstanden.

Nina drehte sich langsam zu ihrem Mann um.

In diesem Moment sah sie ihn völlig anders — nicht den Gena, in den sie sich vor fünf Jahren verliebt hatte, nicht den fröhlichen, unbeschwerten Mann, der sie ins Kino eingeladen und ihr Blumen geschenkt hatte.

Vor ihr stand ein Mann, der sie verraten hatte.

Der Dokumente unterschrieben hatte, ohne ein Wort zu sagen.

— Stimmt das? — fragte sie leise.

Gena nickte, ohne aufzusehen.

Nina ließ sich auf das Sofa sinken.

Ihre Beine gaben einfach nach — als würde sich ihr Körper weigern, das Geschehen zu glauben.

Die Papiere glitten ihr aus den Händen und flogen fächerförmig über den Boden.

Sie starrte sie an, ohne sie wirklich zu sehen, ihre Gedanken rasten chaotisch durcheinander.

— Wann? — presste sie hervor.

— Wann hast du das unterschrieben?

Gena trat von einem Fuß auf den anderen und schob die Hände in die Taschen seiner Jeans.

— Vor zwei Wochen.

Mama sagte, das sei nur eine Formalität, es sei für ihre Anmeldung nötig…

— Eine Formalität, — wiederholte Nina, und in ihrer Stimme lag Hohn.

Susanna Iwanowna ging ins Zimmer, ließ sich im Sessel nieder und schlug die Beine übereinander.

Sie benahm sich wie die Hausherrin, die gekommen war, um mit einer unfähigen Dienstmagd abzurechnen.

— Nina, du bist doch ein kluges Mädchen, — begann sie in gönnerhaftem Ton.

— Lass uns wie Erwachsene reden.

Ich habe wirklich Probleme mit meiner Wohnung.

Die Nachbarn von oben haben einen Wasserschaden verursacht, meine Einzimmerwohnung in der Partisanskaja-Straße hat sich in einen Sumpf verwandelt.

Die Versicherung hat die Zahlung verweigert, sie sagten — Verschleiß der Leitungen.

Ich bin zweiundsechzig Jahre alt, wo soll ich Geld für eine Grundsanierung hernehmen?

— Und deshalb haben Sie beschlossen, mir meine Wohnung wegzunehmen? — Nina hob den Kopf.

— Nicht wegzunehmen, sondern vernünftig umzuschreiben, — korrigierte die Schwiegermutter sie.

— Die Wohnung bleibt in der Familie.

Du verschwindest doch nicht, du wirst weiterhin hier wohnen.

Ich werde nur die Eigentümerin.

— Und dann werfen Sie mich bei der ersten passenden Gelegenheit hinaus, — beendete Nina den Satz für sie.

— Was für eine Paranoia, — seufzte Susanna Iwanowna.

— Viktor, hörst du das?

Das ist sie also, die moderne Jugend.

Kein Vertrauen, kein Respekt vor den Älteren.

Onkel Wiktor nickte unbeholfen und fühlte sich sichtlich fehl am Platz.

Er zog eine Zigarettenschachtel aus der Tasche, drehte sie in den Händen und steckte sie wieder weg.

— Susanna, vielleicht sollte man wirklich alles in Ruhe besprechen? — wagte er einzuwerfen.

— Die beiden sollen selbst entscheiden…

— Schweig, wenn Erwachsene reden, — schnitt die Schwiegermutter ihm das Wort ab.

Nina stand vom Sofa auf.

In ihr zerbrach etwas endgültig — nicht mit einem Krachen, sondern leise, fast unmerklich.

Als wäre der letzte Faden, der sie noch mit dieser Familie verbunden hatte, gerissen.

— Verlassen Sie mein Haus, — sagte sie gleichmäßig.

— Sofort.

— Wie redest du mit meiner Mutter! — zum ersten Mal im ganzen Gespräch erhob Gena die Stimme.

— Begreifst du überhaupt, dass…

— Was?! — Nina trat auf ihn zu.

— Dass ich schweigen und demütig darauf warten soll, bis ihr mich ausnehmt?

Bis dein Mütterchen mir alles wegnimmt, was ich habe?

— Niemand nimmt dich aus! — Gena kochte nun ebenfalls über.

— Du übertreibst immer alles!

Ständig machst du aus dem Nichts eine Hysterie!

— Aus dem Nichts? — Ninas Stimme brach.

— Du hast hinter meinem Rücken Dokumente unterschrieben!

Du wolltest meine Wohnung deiner Mutter geben!

Und das ist nichts?

Im Flur knallte erneut eine Tür.

Tante Lilja erschien, die jüngere Schwester von Susanna Iwanowna, eine füllige Frau um die fünfzig mit Dauerwelle und knallrot geschminkten Lippen.

— Oh, alle sind schon versammelt! — sie brachte Kälte und den Geruch billigen Parfüms mit in die Wohnung.

— Ich komme genau richtig, nicht wahr?

— Lilja, setz dich, — nickte Susanna Iwanowna.

— Unsere Schwiegertochter rebelliert hier gerade.

Tante Lilja warf ihren Pelzmantel ab und ließ sich neben Onkel Wiktor auf einen Stuhl plumpsen.

— Ach, und warum rebelliert sie denn?

Susanna hat doch alles ganz freundlich erklärt…

— Sie wissen also auch Bescheid?! — Nina spürte, wie der Boden unter ihren Füßen nachgab.

— Ihre ganze Familie wusste, dass dieser Betrug vorbereitet wird, und alle haben geschwiegen?

— Was für ein Betrug, um Gottes willen, — schlug Tante Lilja die Hände zusammen.

— Susanna will ihrem Sohn helfen, seine Zukunft absichern.

Und du veranstaltest hier Szenen wie irgendeine…

Sie brach ab, aber Nina verstand alles.

— Wie irgendeine Fremde, nicht wahr? — vollendete sie den Satz.

— Für Sie war ich immer eine Fremde.

Von Anfang an.

Ich erinnere mich, wie Sie auf der Hochzeit getuschelt haben, Gena hätte jemand Besseren finden können.

— Na ja, du verstehst doch selbst, — Tante Lilja breitete die Arme aus.

— Du kommst aus einer einfachen Familie, hast kaum Bildung, arbeitest als Verkäuferin in einem Laden…

— Es reicht! — brüllte plötzlich Gena.

Alle verstummten und starrten ihn an.

Er fuhr sich durch die Haare und lachte nervös.

— Hört auf, sie zu erniedrigen.

Mama, Lilja, das geht zu weit.

Susanna Iwanowna hob eine Augenbraue.

— Bist du endlich wach geworden?

Oder hat sie dich völlig gezähmt?

— Ich habe ihn nicht gezähmt, — sagte Nina leise.

— Ich habe einfach geliebt.

Eine Pause entstand.

Onkel Wiktor räusperte sich, Tante Lilja starrte auf ihr Handy.

Susanna Iwanowna sah ihren Sohn abwartend an.

— Gena, — rief Nina.

— Sag mir die Wahrheit.

Wolltest du das wirklich tun?

Oder hat Mama dich gezwungen?

Er antwortete nicht sofort.

Er stand mit dem Rücken zum Fenster, die Schultern angespannt.

Schließlich atmete er aus.

— Ich dachte, das sei ein Ausweg.

Mama hat wirklich Probleme, und bei uns beiden… — er stockte.

— Du weißt doch selbst, wie es bei uns in letzter Zeit war.

Streit, Schweigen.

Ich bin nicht sicher, ob wir noch lange durchhalten.

Da war es.

Der wahre Grund.

Nina nickte, als würde sie ihre eigenen Vermutungen bestätigen.

— Das heißt, du planst bereits die Scheidung, — stellte sie fest.

— Und du willst dich absichern, damit die Wohnung an deine Familie geht.

— Ich plane sie nicht! — rief Gena.

— Aber nur für alle Fälle…

— Für alle Fälle hast du also beschlossen, mich über den Tisch zu ziehen, — beendete Nina den Satz für ihn.

— Verstanden.

Sie ging ins Schlafzimmer, zog eine Sporttasche aus dem Schrank und begann, die Sachen ihres Mannes einzupacken.

T-Shirts, Jeans, Socken — alles flog ungeordnet in die Tasche.

Gena lief hinterher.

— Was machst du da?

— Ich packe deine Sachen, — antwortete sie, ohne sich umzudrehen.

— Du ziehst zu Mama, wenn sie deine Unterstützung so sehr braucht.

— Nin, sei nicht dumm!

Das ist doch unser Zuhause!

— Nein, — sie drehte sich um.

— Das ist mein Zuhause.

Und morgen gehe ich zum Anwalt, um herauszufinden, wie man diese Dokumente annulliert.

Und wenn das nicht geht, werde ich Anzeige bei der Polizei erstatten.

Betrug — so nennt man das.

Susanna Iwanowna erschien in der Schlafzimmertür.

— Das wirst du nicht wagen!

Wir sind Familie!

— Sie sind nicht meine Familie, — Nina warf das letzte Hemd in die Tasche und drückte sie Gena in die Hände.

— Meine Familie war Oma Vassa.

Sie hat mir diese Wohnung hinterlassen, damit ich ein Zuhause habe, damit ich geschützt bin.

Und Sie wollen mir das Letzte nehmen.

— Du dramatisierst wie immer, — schnaubte die Schwiegermutter.

Nina zog den Reißverschluss der Tasche zu und drückte sie ihrem Mann in die Arme.

— Morgen bis Mittag will ich Sie alle aus dieser Wohnung haben.

Sonst rufe ich die Polizei.

Tante Lilja keuchte aus dem Flur:

— Sie meint das wirklich ernst?

— Absolut, — bestätigte Nina.

Gena stand mit der Tasche in den Händen da, verwirrt und leer.

Er öffnete den Mund, versuchte etwas zu sagen, doch die Worte blieben ihm im Hals stecken.

Schließlich brachte er hervor:

— Nina, lass uns trotzdem normal reden.

Ohne Schreie, ohne Drohungen.

— Reden? — sie lächelte spöttisch.

— Worüber sollen wir reden, Gena?

Darüber, wie du zwei Wochen lang geschwiegen hast?

Wie du nach Hause gekommen bist, mich vor dem Schlafengehen geküsst hast und wusstest, dass du die Papiere längst unterschrieben hattest?

Über Vertrauen?

Über Liebe?

Er senkte den Kopf.

Susanna Iwanowna presste verächtlich die Lippen zusammen.

— Siehst du, Sohn, ich habe dir doch gesagt — mit ihr kann man sich nicht verständigen.

Ein scheußlicher Charakter, sie sieht immer alles als Angriff.

— Und Ihnen, Susanna Iwanowna, sage ich überhaupt nichts mehr, — sagte Nina ruhig.

— Denn alles, was ich von Ihnen denke, passt nicht in die Grenzen des Anstands.

Onkel Wiktor räusperte sich und wich zur Tür zurück.

— Vielleicht sollten wir wirklich gehen, Susanna?

Und die beiden klären das allein…

— Bleib stehen, — befahl die Schwiegermutter, doch in ihrer Stimme lagen bereits nervöse Töne.

Offenbar hatte sie mit so viel Gegenwehr nicht gerechnet.

Nina zog ihr Handy heraus und öffnete die Kontaktliste.

— Ich habe die Nummer eines guten Anwalts.

Eine Bekannte von der Arbeit hat ihn mir empfohlen, als ihr Bruder Probleme mit einer Immobilie hatte.

Ich rufe jetzt an und frage, ob er mich morgen früh empfangen kann.

— Du bluffst, — sagte Susanna Iwanowna, doch ihre Stimme zitterte.

— Finden Sie es heraus, — Nina wählte die Nummer.

Nach dem dritten Klingeln wurde abgehoben.

Eine männliche, sachliche Stimme meldete sich.

— Hallo, ich höre.

— Guten Abend.

Mein Name ist Nina Fjodorowa.

Sie haben Katja Ryschowa in einer Wohnungsangelegenheit beraten.

Sie hat mir Ihre Nummer gegeben.

Ich habe eine dringende Situation — einen Versuch der rechtswidrigen Umschreibung einer Wohnung.

Sie sprach klar und ohne Emotionen und sah dabei der Schwiegermutter direkt in die Augen.

Diese wurde blass.

— Ja, ich verstehe.

Morgen um neun Uhr?

Ausgezeichnet.

Ich bringe alle Dokumente mit.

Vielen Dank.

Nina steckte das Telefon zurück in die Tasche.

— Gut, das ist vereinbart.

Und jetzt bitte ich alle, meine Wohnung zu verlassen.

Tante Lilja sprang auf und griff nach ihrem Pelzmantel.

— Susanna, lass uns von hier verschwinden!

Ich wollte mich da wirklich nicht hineinziehen lassen, ehrlich.

Du bist selbst schuld, man hätte zuerst menschlich mit ihr reden müssen.

— Halt den Mund, Lilja, — zischte die Schwiegermutter, stand aber auf.

Gena stand noch immer mitten im Zimmer.

Sein Gesicht war grau, seine Augen stumpf.

— Nin, — rief er leise.

— Ich wollte dich wirklich nicht verletzen.

Mama hat nur gedrängt und gesagt, so wäre es für alle besser…

— Besser für alle oder besser für sie? — fiel Nina ihm ins Wort.

— Du bist ein erwachsener Mann, Gena.

Du bist achtunddreißig Jahre alt.

Aber du hast bis heute nicht gelernt zu unterscheiden, wo Fürsorge ist und wo Manipulation.

— Ich liebe dich, — stieß er verzweifelt hervor.

Nina erstarrte.

Sie sah ihn lange an.

— Wenn du mich lieben würdest, hättest du diese Papiere nicht unterschrieben.

Liebe bedeutet, einen Menschen zu schützen und ihn nicht bei der ersten Gelegenheit zu verraten.

Susanna Iwanowna zog ihren Mantel an und wandte sich Nina zu.

— Du wirst das noch bereuen.

Anwälte sind teuer, Gerichtsverfahren ziehen sich hin.

Und du hast kein Geld.

— Ich werde welches finden, — antwortete Nina kurz.

— Ich werde etwas verkaufen oder einen Kredit aufnehmen.

Aber diese Wohnung bleibt meine.

— Stolze Gans, — schnaubte die Schwiegermutter.

— Stolz bringt niemanden weiter.

— Und Niedertracht etwa? — konterte Nina.

Susanna Iwanowna drehte sich um und ging in den Flur hinaus.

Tante Lilja tappte hinterher, Onkel Wiktor warf Nina noch einmal einen schuldbewussten Blick zu und trottete ihnen nach.

Es blieben nur Gena und Nina.

Er stellte die Tasche auf den Boden.

— Ich gehe nicht einfach so, — sagte er stur.

— Das ist auch mein Zuhause.

— Du hast deine Wahl getroffen, als du deine Unterschrift gesetzt hast, — antwortete Nina.

— Geh zu deiner Mutter.

Sie soll dich bemitleiden, dir etwas zu essen geben und dir erzählen, wie schlecht ich bin.

— Nina…

— Geh, Gena.

Bitte.

Er blieb noch eine Minute stehen, dann nahm er die Tasche und ging langsam zum Ausgang.

An der Tür drehte er sich um.

— Ich komme zurück.

Wir werden alles besprechen, wenn du dich beruhigt hast.

— Nicht nötig, — sagte Nina müde.

Die Tür schloss sich.

Das Klicken des Schlosses klang wie ein letzter Akkord.

Nina lehnte sich mit dem Rücken an die Wand und glitt langsam zu Boden.

Erst jetzt, als sie allein war, erlaubte sie sich, loszulassen.

Ihre Hände zitterten, ihr Atem ging unregelmäßig.

Sie sah sich um.

Die Wohnung, die Oma Vassa mit so viel Liebe eingerichtet hatte.

Der alte Buffetschrank mit den Kristallgläsern, das Sofa mit den bestickten Kissen, die Fotos an den Wänden.

Jeder Gegenstand bewahrte die Erinnerung an gütige Hände, an eine warme Stimme, an einen Menschen, der sie niemals verraten hätte.

— Danke, Oma, — flüsterte Nina in die Leere.

— Danke, dass du mir diesen Ort hinterlassen hast.

Ich werde ihn nicht hergeben.

Ich verspreche es.

Draußen fiel Schnee.

Die Stadt wurde still und bereitete sich auf den Schlaf vor.

Nina stand auf, ging in die Küche und setzte den Wasserkocher auf.

Ihre Hände zitterten noch immer, aber in ihrem Inneren entstand eine seltsame Klarheit.

Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte sie das Gefühl, auf festem Boden zu stehen.

Morgen würde das Gespräch mit dem Anwalt stattfinden.

Danach vielleicht ein Gerichtsprozess.

Ein Kampf.

Aber sie war bereit.

Denn das war nicht nur eine Wohnung.

Das war ihr Leben, ihre Geschichte, ihre Wurzeln.

Und niemand — weder die Schwiegermutter noch der Ehemann noch ihre ganze Sippschaft — wird ihr das wegnehmen, was ihr von Rechts wegen gehört.

Der Wasserkocher kochte.

Nina machte sich Tee und setzte sich ans Fenster.

Sie schaute auf die Schneeflocken, die im Licht der Laternen tanzten, und spürte zum ersten Mal seit Monaten etwas, das Frieden ähnelte.

Zwei Monate später stand Nina im Flur desselben Notars, bei dem Gena die verhängnisvollen Papiere unterschrieben hatte.

Nur hielt sie jetzt ein ganz anderes Dokument in den Händen — den Gerichtsbeschluss über die Ungültigerklärung der Schenkungsurkunde.

Der Anwalt hatte sich als fähig erwiesen.

Er hatte sofort darauf hingewiesen, dass Ninas Unterschrift auf dem Vertrag gefälscht worden war.

Ein Gutachten bestätigte es — die Unterlagen waren mit Verstößen erstellt worden, die Zustimmung der Eigentümerin war nicht eingeholt worden.

Das Gericht stellte sich auf Ninas Seite.

— Das war’s, — sagte der Notar und setzte den letzten Stempel.

— Die Wohnung gehört vollständig Ihnen.

Keine Belastungen.

Nina trat auf die Straße hinaus.

Der Frühling begann bereits, seine Rechte geltend zu machen — der Schnee schmolz, von den Dächern tropfte es, in der Luft lag der Geruch von Frische und Erneuerung.

Sie zog ihr Handy heraus.

Eine ungelesene Nachricht von Gena: „Mama hat gesagt, dass du Klage eingereicht hast.
Nina, ist das das Ende?“

Sie sah auf den Bildschirm und dachte nach.

Dann schrieb sie kurz: „Ja.
Die Scheidungsunterlagen bekommst du per Post.
Viel Glück.“

Sie schickte die Nachricht ab.

Sie blockierte die Nummer.

In ihrer Tasche vibrierte das Handy — ein Anruf von ihrer Freundin Katja.

— Na, hast du gewonnen? — erklang die fröhliche Stimme am anderen Ende.

— Gewonnen, — lächelte Nina.

— Die Wohnung gehört mir.

— Hurra!

Heute Abend feiern wir!

Ich habe schon Champagner gekauft!

Nina lachte.

Zum ersten Mal seit langer Zeit — ehrlich und leicht.

Sie ging die Straße entlang, und mit jedem Schritt wurde es leichter.

Vor ihr lag ein neues Leben.

Ohne Manipulationen, ohne Verrat, ohne die falschen Lächeln von Susanna Iwanowna.

Die Wohnung von Oma Vassa war bei ihr geblieben — als Erinnerung daran, dass wahre Liebe keine Opfer und keine Abmachungen verlangt.

Nina blieb an der Ampel stehen und hob das Gesicht zur Sonne.

Warme Strahlen glitten über ihre Haut.

— Ich habe es geschafft, Oma, — flüsterte sie.

— Alles wird gut.

Und zum ersten Mal seit vielen Monaten glaubte sie wirklich daran.