Die Frau sah auf die Uhr und antwortete: „Mir reichen dreißig Sekunden.“
— Drei Minuten — überzeuge mich, mich nicht scheiden zu lassen! — Oleg lehnte sich theatralisch in seinem Stuhl zurück und warf das Smartphone in die Mitte des Küchentisches.

Anna trocknete sich ruhig die Hände an einem Waffelhandtuch ab.
Auf dem hellen Display standen drohend die roten Ziffern des Timers still.
— Die Zeit läuft, Anja.
Los, erzähl mir, warum ich in dieser Ehe bleiben sollte.
Gemütlichkeit gibt es hier sowieso nicht, und das Abendessen hast du wieder verdorben.
Das Fleisch ist zu trocken, ich kaue darauf herum wie auf einer alten Schuhsohle.
Zwanzig Jahre lang spielte er dieses Spiel.
Sobald etwas nicht nach seinem Drehbuch lief — vom nicht gebügelten Hemd bis zu ihrem Wunsch, sich einen neuen Mantel zu kaufen — zog der Mann sein Hauptargument hervor.
Die Erpressung mit der Scheidung war sein liebstes Mittel der Kontrolle.
Früher bekam Anna Angst.
Sie begann hektisch zu werden, schlug vor, schnell Rührei zu braten, sah ihm in die Augen und versprach, alles wieder in Ordnung zu bringen und besser zu werden.
Oleg liebte solche Momente.
Er fühlte sich wie der Herr der Lage, wie ein strenger, aber gerechter Richter.
Doch an diesem Abend schien die Luft in der Küche dichter geworden zu sein.
Anna rannte nicht zum Herd.
Sie stand einfach am Spülbecken und sah den Mann an, der am Tisch saß.
— Bist du taub geworden? — warf er gereizt hin, als er ihre Ruhe bemerkte.
— Eine Minute ist schon um.
Ich ziehe schon morgen aus.
Ich lasse dir diese Zwei-Zimmer-Wohnung, leb hier allein, und ich beginne ein neues Leben.
Ich finde eine, die wenigstens kochen kann.
Na los, sag, dass du alles verstanden hast, solange ich noch nett bin.
Er berauschte sich an seiner Macht.
In seinem Weltbild brauchte seine Frau mit ihren achtundvierzig Jahren niemand mehr.
Wohin sollte sie schon ohne ihn gehen?
Wer würde die Hälfte der Nebenkosten zahlen und sie am Wochenende zur Datscha fahren?
Anna sah auf die rasch schwindenden Sekunden.
Zwei Minuten.
Ein einziger Moment — und es war, als fiele ihr eine Binde von den Augen.
Sie sah vor sich nicht mehr einen furchteinflößenden Mann, von dessen Entscheidung ihr Schicksal abhing, sondern einfach einen alternden, selbstgefälligen Menschen in einem ausgeleierten T-Shirt.
Einen Menschen, der sich jahrelang von ihrer Angst vor dem Alleinsein genährt hatte.
Und plötzlich kam die Erkenntnis: Sie hatte überhaupt keine Angst mehr.
Der Schmerz, der sich jahrzehntelang angesammelt hatte, war irgendwohin verflogen und hatte ausschließlich kalter Nüchternheit Platz gemacht.
— Ich brauche keine drei Minuten, — sagte sie mit einer ruhigen, völlig fremden Stimme.
— Mir reichen dreißig Sekunden.
Oleg grinste zufrieden.
— Na dann.
Überrasch mich.
Anna drehte sich um und ging in den Flur.
Wenige Augenblicke später kam sie zurück und hielt eine gewöhnliche blaue Plastikmappe in der Hand.
Sie legte sie direkt vor ihren Mann und schob den Teller mit dem halbfertigen Abendessen zur Seite.
— Mach auf.
Oleg runzelte die Stirn, der Spaß verschwand langsam aus seinem Gesicht.
Er zog an dem Plastikverschluss.
Er holte einige ausgedruckte Blätter mit Stempeln heraus.
Seine Augen glitten über die Zeilen: „Klage auf Auflösung der Ehe“, „Teilung des während der Ehe erworbenen Vermögens“…
— Ich habe nicht vor, dich von irgendetwas zu überzeugen, — sagte Anna selbstsicher.
— Lass uns scheiden.
Sofort.
Ich habe alles schon im Frühjahr vorbereitet.
Ich habe nur darauf gewartet, dass auch der letzte Tropfen Mitgefühl für dich in mir verschwindet.
Heute ist das passiert.
Der Mann saß mit offenem Mund da.
— Was sind das für Papiere?
Welche Vermögensaufteilung? — presste er hervor und schleuderte die Blätter weg.
— Bist du noch bei Verstand?
Ohne mich gehst du mit deinem Hungerlohn doch zugrunde!
— Ich habe schon im Oktober eine Beförderung bekommen.
Ich habe es nur nicht gesagt, weil du mich gezwungen hättest, dieses Geld für dein neues Auto zurückzulegen.
Oleg versuchte zu lächeln, aber es wirkte unbeholfen und jämmerlich.
Langsam dämmerte ihm, dass vor ihm ein völlig anderer Mensch stand.
Nicht mehr die ängstliche und bequeme Frau, die er über all die Jahre geformt hatte.
— Na schön! — fuhr er plötzlich hoch, versuchte das Gesicht zu wahren und hob die Stimme.
— Dann lassen wir uns eben scheiden!
Die Wohnung wird verkauft, und das Geld teilen wir durch zwei!
Ich werde ja sehen, was für eine Bruchbude du dir von diesen paar Groschen kaufen kannst.
Genau da lächelte Anna kaum merklich.
— Welche Wohnung, Oleg? — fragte sie sanft.
— Diese hier?
Hast du vergessen, dass wir in einer Wohnung leben, die mir meine Großmutter ein Jahr vor unserer Hochzeit geschenkt hat?
Nach dem Gesetz unterliegt geschenktes Eigentum nicht der Teilung.
Das ist ausschließlich meine Wohnung, du bist hier nur gemeldet, und der Anwalt hat bereits den Antrag auf deine Abmeldung vorbereitet.
Oleg blinzelte.
Sein Blick wanderte von der blauen Mappe zu seiner Frau.
— Und das Auto, das wir letztes Jahr auf Kredit gekauft haben, — fuhr Anna fort, — wurde während der Ehe angeschafft.
Da der Kredit jedoch auf deinen Namen läuft, verzichte ich großzügig auf jeden Anspruch auf das Auto.
Zahl es selbst ab, es gehört ganz dir.
— Warte… — seine Stimme verlor jede Sicherheit und wurde von Ratlosigkeit ersetzt.
— Und wo soll ich jetzt mitten in der Nacht hin?
Auf dem Tisch ertönte ein scharfer, durchdringender Piepton.
Der Timer.
Die drei Minuten waren um.
Anna nickte in Richtung Flur.
— Deine Sachen sind schon gepackt.
Drei Sporttaschen stehen an der Eingangstür.
Ich habe sie gepackt, während du im Zimmer Fußball geschaut hast.
Und ja, ich habe vor einer halben Stunde deine Mutter angerufen.
Ich habe ihr die freudige Nachricht überbracht, dass ihr geliebter Sohn in sein Kinderzimmer zurückkehrt.
Sie hat das Sofa schon bezogen und wartet auf dich.
Der Ton des Timers zerriss die Luft der Küche.
Oleg saß da und starrte auf das Display des Smartphones, doch seine Finger gehorchten ihm nicht, um auf die Stopptaste zu drücken.
Alles um ihn herum war zusammengebrochen.
Nicht der Timer war stehen geblieben.
Sein bequemes Leben war stehen geblieben.
Anna ging zum Herd, schaltete die Kochplatte ein und stellte den Wasserkocher darauf.
Vor ihr lag ein ganzes Leben, in dem sie nie wieder jemand auf Zeit setzen würde.







