— Oljа, brat doch schnell ein paar Frikadellen, dieser deine Suppe da …
Ich will sie jedenfalls nicht.

Und ich gehe wieder an den Computer! — sagte Sergej, als er seine Frau an der Tür empfing, und rannte sofort wieder zum Computer zurück.
— Ich bin nach einer Zwölfstundenschicht nach Hause gekrochen, mir fallen die Beine ab, und du verlangst, dass ich mich jetzt an den Herd stelle und dir Frikadellen brate, weil du die Suppe von gestern nicht essen willst?
Und du, gesunder Elch, hast den ganzen Tag auf dem Sofa gelegen und nicht einmal deine Tasse hinter dir abgespült!
Ich bin weder deine Dienstmagd noch deine Sklavin, damit ich dich auf den ersten Fingerschnips bedienen soll! — empörte sich Olga und warf die schwere Tasche von der Schulter, die mit einem dumpfen Schlag auf dem staubigen Linoleum des Flurs landete.
Die Tasche rutschte an der Wand hinunter und ließ den Rand eines blauen medizinischen Anzugs hervorschauen, der den Geruch des Krankenhauses aufgenommen hatte — Chlor, Alkohol und fremde Krankheit.
Olga stand in der Tür, lehnte mit dem Rücken am Türrahmen und spürte, wie das Blut in ihren Schläfen pochte.
Ihre Beine in den Winterstiefeln waren so stark angeschwollen, dass sie wie gusseiserne Klötze wirkten, und im unteren Rücken, den sie sich heute beim Umlagern eines schweren Patienten auf der Intensivstation verrissen hatte, pulsierte ein dumpfer, nagender Schmerz.
Aus der Tiefe der Wohnung, die im Halbdunkel der zugezogenen Fenster lag, kam kein einziges Wort des Mitgefühls.
Statt einer Begrüßung waren nur wütende Klicks der Computermaus und unverständliches Gemurmel zu hören.
Die Luft im Flur war stickig und schwer wie eine alte wattierte Decke.
Es roch nach ungewaschener Wäsche, nach gebratenen Zwiebeln, die sich in die Tapeten gefressen hatten, und nach diesem speziellen säuerlichen Mief, der in Männerhöhlen herrscht, in denen selten ein Fenster geöffnet wird.
— Olya, hör doch auf, gleich an der Tür loszunörgeln, ja? — zog Sergej träge, ohne auch nur den Kopf vom Monitor abzuwenden.
Seine Stimme klang dumpf wegen des Kopfhörers, den er auf einem Ohr trug.
— Du erinnerst mich an eine „Druschba“-Kettensäge.
Kaum kommst du rein, fängst du schon an zu sägen.
Ich habe dir auf Russisch gesagt: Diesen Borschtsch esse ich nicht.
Der ist leer, nur Wasser und Kohl.
Ein Mann braucht Fleisch, Eiweiß, damit er Energie hat, und nicht dieses Silofutter.
Olga machte, ohne die Schuhe auszuziehen, ein paar Schritte durch den Flur.
Der Schmutz von ihren Stiefelsohlen blieb als schwarze nasse Flecken auf dem Boden zurück, aber das war ihr egal.
Sie betrat das Wohnzimmer, das ihr Mann stolz „Arbeitszimmer“ nannte, obwohl es in Wirklichkeit ein Stall war.
Die einzige Lichtquelle war hier ein riesiger gebogener Monitor, der bläuliche Reflexe auf Sergejs aufgedunsenes Gesicht warf.
Er thronte in einem Computerstuhl, dessen Bezug längst die Farbe verloren hatte und an manchen Stellen bis auf den gelben Schaumstoff durchgescheuert war.
Er trug ausgeleierte graue Jogginghosen mit ausgebeulten Knien und ein Unterhemd, auf dessen Bauch ein alter rostbrauner Ketchupfleck prangte.
Um ihn herum türmten sich wie eine Festungsmauer leere Tassen mit eingetrockneten Teerändern, zerknüllte Chipstüten und Teller mit angetrockneten Resten irgendwelcher Mahlzeiten.
— Energie? — fragte Olga nach und spürte, wie tief in ihr, irgendwo in der Gegend des Solarplexus, eine dunkle, dichte Wut zu kochen begann.
— Wofür brauchst du Energie, Serschа?
Um mit der Maus zu klicken?
Hast du heute auch nur einmal deinen Hintern vom Stuhl gehoben?
Hast du wenigstens den Müll rausgebracht?
— Ich bin mit etwas beschäftigt, — fauchte er zurück und starrte weiter auf den Bildschirm, wo ein gezeichneter Panzer fuhr.
— Ich entwickle Strategien, leite einen Clan.
Das ist übrigens auch Arbeit.
Intellektuelle Arbeit.
Und überhaupt beobachte ich parallel den Stellenmarkt.
Du glaubst wohl, es macht mir Spaß, zu Hause zu sitzen?
Es ist einfach Krise im Land, normale Fachkräfte werden nicht geschätzt, überall wollen sie, dass man für ein paar Groschen schuftet wie ein Sklave.
— Ich schufte, — sagte Olga leise und blickte auf seinen fetten Hals, der von spärlichen Bartstoppeln bedeckt war.
— Ich war heute zwölf Stunden auf den Beinen.
Ich habe Menschen dem Tod entrissen.
Ich hatte nicht einmal Zeit zu essen, weil wir einen Notfall nach dem anderen hatten.
Und du redest mit mir von Krise?
Du sitzt seit einem Jahr auf meinem Rücken, Sergej.
Seit einem Jahr!
Und du hast auch noch die Dreistigkeit, frische Frikadellen zu verlangen?
Sergej ließ sich endlich dazu herab, sich vom Spiel loszureißen.
Er drückte auf Pause, drehte sich mitsamt dem Stuhl um, der unter seinem Gewicht kläglich quietschte, und sah seine Frau an.
In seinem Blick lag weder Schuld noch Verlegenheit.
Da war nur die Gereiztheit eines Herrn, den lästige Fliegen von einem wichtigen Mahl ablenken.
— Na toll, jetzt geht’s wieder los, — er verdrehte die Augen und kratzte sich demonstrativ unter dem Hemd am Bauch.
— Jemandem das Brot vorzuhalten, das ist wirklich niederträchtig, Olya.
Ich dachte, du stündest über so etwas.
Familie bedeutet Unterstützung und keine Buchhaltung.
Heute arbeitest du, morgen bringe ich Millionen nach Hause.
Aber im Moment unterstützt du mich nicht, sondern machst mir nur das Gehirn kaputt.
Und überhaupt, du bist eine Frau, Gemütlichkeit ist deine Pflicht.
Du kommst von der Arbeit — schalte um, schaffe Atmosphäre.
Und du stehst hier in schmutzigen Stiefeln und stinkst nach Medikamenten.
— Ich stinke nach Medikamenten, weil ich das Geld für diese Chips verdiene, die du in dich hineinstopfst! — Olgas Stimme brach in einen Schrei aus, sank aber sofort wieder zu einem heiseren Flüstern.
— Und für das Internet und für den Strom, den du Tag und Nacht verbrennst.
— Hör auf zu hysterisieren, — verzog Sergej das Gesicht.
— Besser würdest du dich um den Haushalt kümmern, statt das Geld zu zählen.
Da, schau mal den Fernseher an — auf dem Staub kann man mit dem Finger malen.
Und im Bad sind die Handtücher schon nicht mehr frisch.
Ich bin heute hingegangen, um mich zu waschen — es war widerlich, mich daran abzutrocknen.
Du hast den Haushalt völlig verkommen lassen, Olga.
Sie arbeitet sich tot …
Alle arbeiten, aber normale Frauen schaffen es trotzdem, den Mann zufriedenzustellen und die Böden zu wischen.
Er griff nach der Zigarettenpackung, die auf der Tastatur lag, schüttelte eine heraus und zündete sie an, ohne aufzustehen, direkt im Zimmer, wobei er die Asche in eine Getränkedose schnippte.
Der bläuliche Rauch kroch sofort zur Decke und vermischte sich mit dem Schweißgeruch.
— Wird es Frikadellen geben oder soll ich mir von deiner Karte Essen liefern lassen? — fragte er geschäftsmäßig und blies eine Rauchwolke in Richtung seiner Frau.
— Ich habe in zwanzig Minuten einen Kampf, eine Clanschlacht.
Ich muss mich stärken, sonst ist die Reaktion nicht dieselbe.
Und beeil dich bitte, ich habe wirklich Hunger, seit dem Mittag nichts Vernünftiges gegessen, nur trockene Brote.
Olga sah ihn an und erkannte ihn nicht wieder.
Wo war der Mann, den sie geheiratet hatte?
Wo war derjenige, der Blumen schenkte und versprach, sie auf Händen zu tragen?
Vor ihr saß ein Wesen, das auf das Niveau einfachster Bedürfnisse herabgesunken war: essen, schlafen und spielen.
Er begriff nicht einmal mehr, was er sagte.
Für ihn war sie nur noch eine Funktion, ein Haushaltsgerät, das plötzlich angefangen hatte zu versagen.
— Ich gehe jetzt in die Küche, — sagte Olga langsam und spürte, wie die Müdigkeit durch kalte, berechnende Entschlossenheit ersetzt wurde.
— Ich hoffe sehr, Sergej, dass wenigstens das Spülbecken leer ist.
Dass du wenigstens den Berg Geschirr hinter dir abgespült hast, der seit dem Morgen dort steht.
— Ach, geh schon, du halbfertige „Revizorro“, — schnaubte er, wandte sich wieder dem Bildschirm zu und setzte die Kopfhörer auf.
— Sie wird das Geschirr kontrollieren …
Du solltest lieber mal auf dich selbst achten, du siehst aus wie eine blasse Motte.
Ein Mann braucht neben sich eine hübsche Frau und kein zu Tode gehetztes Pferd.
Brat die Frikadellen, hörst du?
Mit Kruste!
Olga antwortete nicht.
Sie drehte sich auf den Absätzen um, hinterließ schmutzige Streifen von geschmolzenem Schnee auf dem Boden und ging in Richtung Küche.
Ihr Herz schlug irgendwo in der Kehle, und ihre Hände, die daran gewöhnt waren, Katheter zu legen und Spritzen zu geben, ballten sich unwillkürlich zu Fäusten.
Sie wusste, was sie in der Küche sehen würde.
Sie wusste es genauso sicher, wie sie die Diagnosen ihrer Patienten kannte.
Und dieses Wissen verbrannte sie von innen stärker als jedes Feuer.
Die Küche empfing Olga nicht mit der Gemütlichkeit eines häuslichen Herdes, sondern mit dem Geruch eines vergorenen Mülleimers, den seit mindestens drei Tagen niemand hinausgebracht hatte.
Sie drückte den Lichtschalter, und das gelbe Licht einer billigen Glühbirne beleuchtete gnadenlos das Ausmaß der Katastrophe.
Das war nicht einfach nur ungewaschenes Geschirr — das war ein Denkmal menschlicher Faulheit und Schweinerei.
Das Spülbecken war bis zum Rand verstopft.
Oben auf den schmutzigen Tellern, die mit eingetrocknetem Fett und Ketchup bedeckt waren, balancierte ein Topf von Nudeln, an dessen Wänden Teigreste fest angetrocknet waren.
Der Abfluss war mit Teeblättern und irgendwelchen Schalen verstopft, sodass trübes rostfarbenes Wasser mit darin schwimmenden aufgeweichten Brotstücken im Becken stand.
Olga trat an die Arbeitsplatte, in der Hoffnung, sich einfach ein Glas Wasser einzuschenken.
Der Durst quälte sie schon die letzten zwei Stunden ihrer Schicht, aber selbst für einen Schluck war keine Zeit gewesen.
Ein sauberes Glas zu finden, erwies sich jedoch als unmögliche Aufgabe.
Alle Tassen standen hier: in manchen war Schimmel am Boden, in anderen schwammen Zigarettenstummel im nicht ausgetrunkenen Kaffee.
Der Tisch war klebrig.
An der Wachstischdecke hingen Krümel, Flecken von süßem Tee und Kreise von heißen Tassen.
Mitten in diesem Stillleben.
Olga überschritt die Küchenschwelle und blieb stehen, spürend, wie sich ein Übelkeit erregender Kloß ihrer Kehle näherte.
Wenn im Zimmer einfach nur Unordnung geherrscht hatte, so herrschte hier eine echte häusliche Katastrophe.
Das Spülbecken schien unter der Last des zu einem Berg aufgehäuften Geschirrs jeden Augenblick zusammenzubrechen.
Schmutzige Teller mit eingetrockneten Rändern, fettige Pfannen, ein Topf mit festgeklebten Nudeln — all das türmte sich zu einer wackligen Pyramide, deren Spitze eine Tasse mit nicht ausgetrunkenem Kefir krönte, der sich bereits in Schichten zu trennen begann.
Aus dem Abfluss zog Moder und Fäulnis.
Auf dem Tisch, der mit einer billigen Wachstischdecke mit Blümchenmuster bedeckt war, gab es keinen einzigen freien Fleck: Krümel, Flecken von süßem Tee, an denen garantiert die Hand kleben bleiben würde, falls man sich darauf abzustützen wagte, und eine offene Dose Sprotten, die einen schweren Fischgeruch verbreitete.
Der Boden unter ihren Füßen machte ein klebriges Schmatzen.
Olga senkte den Blick: Gleich am Eingang hatte sich eine Pfütze von etwas Braunem ausgebreitet und war schon angetrocknet — vielleicht Kaffee, vielleicht Cola.
— Na, warum erstarrst du? — Sergejs Stimme ertönte direkt an ihrem Ohr.
Er war in ausgelatschten Hausschuhen hinterhergeschlurft und hatte offenbar beschlossen, den Kochvorgang zu kontrollieren.
— Etwas mehr Tempo, Olya.
Zeit ist Geld und in meinem Fall Erfahrung im Spiel.
Olga drehte langsam den Kopf.
Ihr Mann stand da, mit der Schulter an den Kühlschrank gelehnt, und stocherte mit einem Zahnstocher im Mund herum, um die Reste seines Tagesimbisses herauszufischen.
Seine Haltung drückte ein Höchstmaß an Entspannung und Erwartung aus.
Er sah seine Frau nicht wie einen Menschen an, der von Zwangsarbeit heimgekehrt war, sondern wie einen kaputten Getränkeautomaten.
— Findest du das normal? — fragte sie leise und deutete mit der Hand auf den Raum der Küche.
— Serscha, du warst doch den ganzen Tag hier.
Du bist hierhergekommen, um Wasser zu trinken, dir Brote zu machen.
War es denn so schwer, wenigstens deine Tasse auszuspülen?
Oder das Brot in die Tüte zu legen, damit es nicht austrocknet?
— Schon wieder fängst du damit an, — verzog Sergej unzufrieden das Gesicht, nahm den Zahnstocher aus dem Mund und schnippte ihn in Richtung des überfüllten Mülleimers.
Der Zahnstocher erreichte sein Ziel nicht und fiel auf den klebrigen Boden.
— Ich habe dir doch schon erklärt: Haushalt ist nichts für mich.
Ich habe eine andere Denkweise, eine strategische.
Ich kann mich nicht an Lappen und Schwämmen vergeuden, das bringt mich aus der Stimmung.
Du bist eine Frau, bei dir sollte das genetisch drinstecken — Nestbau und Gemütlichkeit und so.
Und was haben wir hier?
Man kommt in die Küche und denkt, man wäre in einer Obdachlosenbude gelandet.
Und wer ist daran schuld?
Die Hausfrau.
— Die Hausfrau? — Olga trat zum Tisch und spürte, wie ihre Hände zitterten.
Sie wollte trinken, aber die einzige saubere Tasse stand im oberen Regal, und sie hatte keine Kraft, sich durch die Berge von dreckigem Geschirr zu kämpfen.
— Ich bin hier nicht die Hausfrau, Sergej.
Ich bin der Sponsor dieses Banketts.
Ich bezahle die Lebensmittel, die du vernichtest, ich bezahle das Wasser, das du laufen lässt, und ich soll dann auch noch die Folgen deiner Existenz beseitigen?
Du bist zu einem Schwein geworden.
— Pass auf, was du sagst! — brüllte er und löste sich vom Kühlschrank.
Sein Gesicht überzog sich mit roten Flecken.
— Ich bin dein Mann und nicht irgendein versoffener Nachbar.
Ich habe vorübergehende Schwierigkeiten, eine kreative Krise, und statt Unterstützung machst du mich nur nieder.
Glaubst du, es fällt mir leicht?
In vier Wänden zu sitzen, während du dort mit jungen Ärzten kicherst?
Vielleicht kommst du deshalb so spät nach Hause, weil du dort gar nicht arbeitest, sondern mit dem Schwanz wedelst?
Und dann kommst du nach Hause und lässt deine Wut am Ehemann aus, weil du kein Gewissen hast.
Olga sah ihn mit weit geöffneten Augen an.
Die Müdigkeit, die sich während der Schicht angesammelt hatte, verwandelte sich plötzlich in eisige Ruhe.
Das war genau jener Moment, in dem die Absurdität des Geschehens ihren Höhepunkt erreicht und die Emotionen abgeschaltet werden und kalter Logik Platz machen.
— Ich kichere nicht, — sagte sie langsam und sprach jedes Wort deutlich aus.
— Ich wasche bettlägerige Kranke, Sergej.
Ich wechsle erwachsenen Männern Windeln, die nicht aufstehen können.
Und dann komme ich nach Hause und sehe noch einen erwachsenen Mann, der aufstehen kann, aber nicht will.
Und dem man, wenn man ehrlich ist, auch die Windeln wechseln müsste, weil er alles um sich herum vollgeschissen hat.
— Du … du verwechselst hier wohl die Grenzen! — Sergej trat an den Tisch und baute sich über ihr auf.
Von ihm roch es nach saurem Schweiß und billigem Deodorant.
— Du vergleichst mich mit Behinderten?
Ich bin ein gesunder Mann!
Ich bin das Oberhaupt der Familie!
Es ist nur gerade so eine Phase!
Und du … du bist einfach eine faule Frau, die das Haus verkommen lässt.
Schau dir diesen Tisch an!
Dreck, Krümel!
Ist dir das selbst nicht widerlich?
Er fuhr mit dem Finger über die klebrige Wachstischdecke, verzog angewidert das Gesicht und wischte den Finger demonstrativ an dem Saum von Olgas medizinischem Kittel ab, der über der Rückenlehne eines Stuhls hing.
— Siehst du?
Alles klebt!
Weil du nicht putzt!
Du kommst heim und fällst nur noch ins Bett.
Und ich soll in diesem Schweinestall essen?
Olga blickte schweigend auf den schmutzigen Fleck auf ihrem weißen Kittel.
Das war nicht einfach Schmutz.
Das war eine Ohrfeige.
Eine Ohrfeige für ihre Arbeit, für ihren Beruf, für ihre Versuche, wenigstens irgendeinen Anschein von Familie zu bewahren.
Ihr Blick fiel auf den Teller mit Brot, der am Rand des Tisches stand.
Das Brot war ungleichmäßig geschnitten, bereits etwas angetrocknet, aber durchaus noch essbar.
— Räum das Brot weg, — brummte Sergej, der ihrem Blick gefolgt war.
— Es ist trocken.
Ich esse so etwas nicht.
Kauf einen frischen Laib, weich, und richtige Butter, weil dieser Aufstrich mir nicht durch den Hals geht.
Und überhaupt, beeil dich mit den Frikadellen.
Mir zieht sich schon der Magen zusammen.
— Das Brot ist völlig in Ordnung, — sagte Olga dumpf.
— Iss dieses hier.
— Ich habe gesagt — ich werde es nicht essen! — kreischte Sergej.
Mit einer scharfen Bewegung des Handrückens schlug er gegen den Teller.
Der Teller sprang mit einem Knall hoch, kippte um, zerbrach aber unglücklicherweise nicht, sondern drehte sich nur klirrend auf dem Boden.
Die Brotstücke flogen durch die ganze Küche und landeten im Dreck, im Staub, in jener klebrigen Pfütze am Eingang.
Ein Stück klatschte direkt auf die Spitze von Olgas Stiefel.
— So! — erklärte Sergej triumphierend und sah auf sein Werk.
— Jetzt esse ich es erst recht nicht.
Das ist Müll.
Heb es auf und wirf es weg.
Und in zehn Minuten steht ein ordentliches Abendessen auf dem Tisch, klar?
Lern, eine Ehefrau zu sein, solange ich noch gut bin.
Er drehte sich um, um wegzugehen, überzeugt von seinem vollständigen und bedingungslosen Sieg.
Er war daran gewöhnt, dass Olga schwieg.
Er war daran gewöhnt, dass sie seufzte, das Verstreute aufsammelte und tat, was er sagte, nur damit sie sein Gejammer nicht hören musste.
Aber diesmal war die Stille hinter seinem Rücken anders.
Sie war dicht, elektrisch geladen wie die Luft vor einem Gewitter, wenn sich die Haare auf den Armen aufrichten.
Olga sah auf das Stück Brot auf ihrem Stiefel.
In ihrem Kopf machte etwas mit hellem Klang klick, als wäre eine zu fest gespannte Saite gerissen.
Sie hob langsam den Blick zu dem Topf auf dem Herd.
Genau zu dem mit dem „gestrigen Borschtsch“, der angeblich „Abfall“ war.
Der Deckel auf dem Topf lag schief.
— Bleib stehen, — sagte sie.
Ihre Stimme zitterte nicht.
Sie war tot.
Sergej blieb in der Tür stehen, drehte sich aber nicht um.
— Was noch?
Such das Hackfleisch im Gefrierschrank, ich weiß nicht, wo es da liegt.
— Ich habe es gefunden, — sagte Olga.
— Ich habe alles gefunden.
Sie griff nach den Griffen des Topfes.
Sie waren kalt und fettig-klebrig.
Der Topf war schwer, etwa drei Liter, voll mit dichter, kräftiger Suppe, die sie vorgestern Nacht gekocht hatte, halb tot vor Müdigkeit, damit ihr geliebter Ehemann etwas zu essen hatte.
Olga hob ihn hoch, ohne das Gewicht zu spüren.
Jetzt war das kein Essen mehr.
Das war ein Argument.
Das letzte und das gewichtigste.
Das Gewicht des drei Liter fassenden emaillierten Topfes zog angenehm an ihren Armen.
Olga spürte weder die Schmerzen im verrissenen Rücken noch das Dröhnen in den geschwollenen Beinen.
Alle körperlichen Empfindungen waren abgestumpft und hatten einer seltsamen, klingenden Klarheit im Kopf Platz gemacht.
Sie sah auf den trüben, rötlich-fettigen Film auf der Oberfläche der kalten Suppe, in dem Inseln aus weißem Schweinefett erstarrt waren, und empfand weder Mitleid noch Zweifel.
Es ähnelte einem Zustand des Affekts, aber zeitlich gedehnt, kalt und berechnend.
Olga verließ langsam die Küche.
Im Flur war es dunkel, nur das bläuliche Leuchten aus dem Zimmer ihres Mannes riss Stücke der abgerissenen Tapete und das auf dem Boden liegende Brotstück, das er vom Tisch geschlagen hatte, aus dem Halbdunkel.
Sie stieg darüber hinweg, ohne hinzusehen.
Ihre Schritte waren schwer und sicher wie die eines Henkers auf dem Weg zum Schafott, und die Flüssigkeit im Topf schlug mit dumpfem, schwerem Schwappen gegen die Wände.
Sergej drehte sich nicht einmal um, als sie das Zimmer betrat.
Er war sich seiner Dressur sicher.
Wenn die Frau in die Küche gegangen war und mit Geschirr geklappert hatte, dann war der Prozess in Gang gekommen.
Dann würde es bald etwas Heißes geben, Tee, Sauberkeit.
Er hatte bereits seine riesigen Gaming-Kopfhörer mit Mikrofon aufgesetzt und redete nun lebhaft mit seinen unsichtbaren Gefährten in der virtuellen Schlacht.
— Los, los, drück auf die Mitte! — brüllte er ins Mikrofon und spuckte Speichel auf den Monitor.
— Lecha, deck die rechte Flanke, warum bist du so lahm, ehrlich!
Ich mach sie gleich fertig, muss mich nur mit Energie aufladen, die Frau bringt gerade Essen.
Er saß mit dem Rücken zu ihr da, breitbeinig in seinem Sessel lümmelnd.
Seine Finger liefen mit unglaublicher Geschwindigkeit über die Tastatur — eine teure mechanische mit mehrfarbiger Beleuchtung, die er vor drei Monaten von Olgas Kreditkarte gekauft hatte, mit der Begründung, das sei „eine Investition in den E-Sport“.
Die Tasten klickten rhythmisch und laut wie ein Maschinengewehr.
Dieses Geräusch war im letzten Jahr der Soundtrack ihres Familienlebens gewesen.
Olga trat ganz dicht heran.
Von Sergej ging eine Welle von ungewaschenem Körpergeruch und süßlichem Vape-Geruch aus.
Sie sah seinen Hinterkopf, die spärlichen Haare, die an der verschwitzten Haut klebten, die Falten in seinem Nacken.
Er war völlig vom Spiel eingenommen, vollkommen schutzlos in seiner frechen Gewissheit, dass sich die ganze Welt um seine Wünsche drehte.
— Serscha, — rief sie leise.
Er hörte sie nicht.
Oder tat nur so.
Er drosch weiter auf die Tasten ein und machte mit seinem gezeichneten Panzer eine Kurve.
— Ich hab Hunger, ich kann nicht mehr! — bellte er in den Chat und lachte.
— Mein Weib da draußen trödelt rum wie eine Schildkröte.
Nichts, wir werden sie schon erziehen.
Das war das Signal.
Olga hob den Topf über seinen Kopf und verlagerte den Schwerpunkt leicht nach vorn.
Sie schüttete die Suppe nicht über seinen Kopf — das wäre zu banal gewesen, und danach hätte man zu lange putzen müssen.
Ihr Ziel war für ihn schlimmer und schmerzhafter.
Sie zielte auf das Teuerste, was er hatte.
Auf das, was er mehr liebte als seine Frau, mehr als seine Selbstachtung, mehr als das Leben selbst.
Olga kippte den Topf abrupt.
Eine dichte, dunkelburgunderrote Lawine aus kaltem Borschtsch, der drei Tage im Kühlschrank gestanden hatte, ergoss sich hinab.
Der schwere Strom, in dem Stücke gekochter Roter Bete, Kartoffeln und Fleischfasern umherwirbelten, stürzte mit einem schmatzenden Geräusch direkt auf die leuchtende Tastatur, auf das Mauspad und im Abprall auf Sergejs weite Hose, in den Bereich seines Schritts.
Das Geräusch war überwältigend.
Zuerst kam ein nasser Klatscher, als wäre eine riesige Qualle auf den Asphalt gefallen.
Dann ein Zischen, als die Flüssigkeit in das teure Gerät eindrang.
Die Tastaturbeleuchtung flackerte, überzog sich mit roten Flecken wie in Todesqual und erlosch.
Die fettige Brühe füllte augenblicklich die Zwischenräume der Tasten, überflutete das Mikrofon und lief in braunen Strömen über den Tisch, tropfte auf die Knie des „Panzerspielers“.
Eine Sekunde lang herrschte im Zimmer Stille.
Sergej erstarrte einfach und sah zu, wie Rote-Bete-Saft über seine Hände lief, die auf der Tastatur lagen.
Sein Gehirn weigerte sich, die Information zu verarbeiten.
Das Bild auf dem Monitor bewegte sich noch, der Panzer fuhr, aber die Steuerung war verloren.
Die Wirklichkeit war grob und erbarmungslos in seine virtuelle Welt eingebrochen.
Dann heulte er auf.
Es war kein menschlicher Schrei, sondern das Gebrüll eines verwundeten Tieres, dem man den Schwanz eingeklemmt hatte.
Sergej schoss aus dem Sessel hoch, riss sich die Kopfhörer vom Kopf, die sofort direkt in die Borschtschlache auf dem Tisch fielen.
— A-a-a-a!
Was hast du getan?! — brüllte er, sprang vom Tisch zurück und schüttelte die Hände, von denen fette Spritzer flogen.
— Was hast du angerichtet, du Schlampe?!
Das ist doch eine „Razer“!
Die kostet zwanzigtausend!
Er sah entsetzt auf seinen Tisch.
Das Bild war apokalyptisch.
Der Borschtsch war überall.
Kohl hing am Monitor, ein Stück Fleisch lag verlassen auf der Leertaste, und ein Fettfilm bedeckte alles in einer gleichmäßigen Schicht.
Die Flüssigkeit tropfte bereits auf den Systemblock unter dem Tisch.
Olga stand mit dem leeren Topf in den Händen da und betrachtete das Werk ihrer Hände.
In ihr war es leer und still wie in einer ausgebrannten Steppe.
Keine Angst, kein Bedauern.
Nur Ekel.
— Du wolltest Borschtsch, — sagte sie mit ruhiger, gleichmäßiger Stimme, die sein hysterisches Geschrei übertönte.
— Du hast gesagt, du brauchst Energie.
Iss.
— Bist du krank?!
Bist du wahnsinnig?! — Sergej rannte um den Tisch herum und wusste nicht, wonach er greifen sollte.
Er versuchte, die Tastatur zu packen, sie umzudrehen, die Flüssigkeit herauszuschütteln, aber aus ihr liefen nur Ströme von Rote-Bete-Brühe.
— Du hast meinen Computer übergossen!
Begreifst du, wie viel Geld das kostet?!
Du hast mir das ganze Spiel ruiniert!
Er drehte sich zu ihr um, sein Gesicht war vor Wut verzerrt, seine Augen traten aus den Höhlen.
Auf seiner grauen Hose breitete sich ein riesiger dunkler Fleck aus, sodass er wie ein übergroßes Baby wirkte, das sich eingenässt hatte.
— Ich bringe dich um! — kreischte er und spuckte Speichel.
— Das ersetzt du mir alles!
Jeden einzelnen Kopek!
Gib mir einen Lappen!
Sofort gib mir einen Lappen, du Idiotin!
— Die Futterstelle ist geschlossen, Serscha, — Olga senkte den Topf, und er schlug mit hellem Scheppern auf den Boden.
— Keine Lappen.
Keine Frikadellen.
Und keine neue Tastatur.
Sie sah, wie er die Fäuste ballte, wie sich sein Gesicht mit Blut füllte.
Er war bereit zuzuschlagen.
Zum ersten Mal in ihrer ganzen Ehe sah sie in ihm echte, unverhüllte Aggression, kein faules Gemurre, sondern den Wunsch, zu vernichten.
Aber es war ihr egal.
Sie war zu müde, um sich noch zu fürchten.
Sie war zu müde, um noch bequemes Mobiliar zu sein.
— Hau ab von hier, — zischte er und trat einen Schritt auf sie zu.
— Räum diese Scheiße weg, bevor ich dir diesen Topf auf den Kopf setze!
Sofort!
— Nein, — Olga wich keinen Schritt zurück.
Sie hob das Kinn und sah ihm direkt in die flackernden, rasenden Augen.
— Du haust jetzt von hier ab.
Sofort.
So, wie du dastehst.
Zusammen mit deinem Borschtsch.
— Hast du völlig den Verstand verloren, du Schaf?! — brüllte Sergej und versuchte, die Stücke gekochten Kohls abzuschütteln, die an seinem Unterhemd klebten und jetzt nach unten glitten und fette bordeauxrote Spuren hinterließen.
— Das ist eine Mechanische!
Eine „Razer“!
Begreifst du überhaupt, was du getan hast?
Du überweist mir jetzt sofort Geld für eine neue, genau so eine, hörst du?!
Er griff die Tastatur vom Tisch, aus der in Strömen braune Brühe lief, und schüttelte sie in der Luft.
Aus dem Inneren des Geräts kam ein erbärmliches Glucksen.
Tropfen der fettigen Brühe flogen fächerförmig durch die Luft und trafen die Tapete, den Monitor und Sergejs eigenes Gesicht.
Er sah gleichzeitig erbärmlich und furchteinflößend aus: das Gesicht vor Zorn verzerrt, die Lippen zitternd, und in seinen Augen blanke Panik — nicht darüber, dass die Familie zerfiel, sondern darüber, dass sein Lieblingsspielzeug verreckt war.
— Ich überweise dir gar nichts, — Olgas Stimme klang unnatürlich eben, Metall klirrte darin.
Sie spürte, wie in ihr eine Welle urtümlicher Wut aufstieg, die alle Schranken von Erziehung und Anstand hinwegfegte.
— Ich habe dich ein Jahr lang ernährt.
Ich habe dich angezogen.
Ich habe dieses Internet bezahlt, in dem du dir die Hosen plattgesessen hast.
Und jetzt verlangst du Geld von mir, weil ich deinen Schnuller kaputt gemacht habe?
— Halt die Klappe! — Sergej warf die nasse Tastatur zurück auf den Tisch.
Spritzer flogen in alle Richtungen.
— Du bist dazu verpflichtet!
Wir sind eine Familie!
Wir haben ein gemeinsames Budget, also deins, solange ich nicht arbeite!
Du hast kein Recht, mich rauszuwerfen, ich bin hier gemeldet …
also, ich wohne hier!
Das ist Willkür!
Er versuchte, den Diplomaten zu geben, aber es wirkte erbärmlich.
Sein Blick schoss durch das Zimmer und suchte nach Unterstützung, fand aber nur Dreck, verstreute Socken und Lachen von Borschtsch.
Er war daran gewöhnt, Mitleid zu erpressen, daran gewöhnt, mit Schuldgefühlen zu manipulieren, aber jetzt war er gegen eine Wand gelaufen.
Olga stand mitten im Zimmer, den leeren Topf wie eine Waffe des Proletariats in der Hand, und in ihrer Haltung war nicht der geringste Zweifel.
— Raus, — warf sie kurz hin.
— Was heißt „raus“? — er blinzelte dümmlich.
— Wohin soll ich gehen?
Es ist Nacht!
Bist du verrückt?
Olya, na gut, du bist ausgerastet, kommt vor.
Lass uns runterkommen.
Ich wische alles auf.
Na gut, wenn du willst, wasche ich sogar den Boden.
Später.
Morgen.
Er machte einen Schritt auf sie zu, die schmutzigen Hände mit den Handflächen nach oben vorgestreckt, als wollte er Versöhnung darstellen.
Von ihm roch es nach Schweiß, Vape und jetzt auch noch nach säuerlicher Suppe.
Dieser Geruch traf Olga in die Nase und ernüchterte sie endgültig.
— Ich habe gesagt: Verpiss dich von hier! — brüllte sie so laut, dass Sergej zurückwich und über den Fuß des Sessels stolperte.
Olga wartete nicht, bis ihm ein neues Argument einfiel.
Sie trat vor und packte ihn am Kragen.
Der Stoff seines Unterhemds war nass und widerlich anzufassen, getränkt mit fetter Brühe, doch der Ekel war abgeschaltet.
In Olga erwachte genau jene Kraft, mit der sie hundert Kilo schwere Patienten auf der Intensivstation drehen konnte.
Sie riss ihren Mann zu sich und brachte ihn aus dem Gleichgewicht.
— Was machst du da, du Verrückte?! — kreischte er und versuchte, sich mit den Füßen am Boden abzustützen, aber seine ausgelatschten Hausschuhe glitten über das Linoleum.
— Nimm die Hände weg!
Ich hau gleich zu!
— Versuch es! — stieß sie ihm ins Gesicht.
— Versuch es nur, du Parasit!
Ich zermahle dich zu Staub!
Sie schleifte ihn zum Ausgang des Zimmers wie einen Müllsack.
Sergej, der von dieser Vehemenz völlig überrumpelt war, wehrte sich nur schwach, griff mehr nach Türrahmen und versuchte, nicht hinzufallen.
Er war groß und weich, aber in einem körperlichen Zusammenstoß mit einer rasenden Frau, die nichts mehr zu verlieren hatte, völlig nutzlos.
Sie taumelten in den Flur hinaus.
Sergej blieb mit der Schulter an der Garderobe hängen und riss dabei Jacken herunter.
— Lass mich wenigstens meine Sachen zusammenpacken! — schrie er, jetzt begreifend, dass sie ihn wirklich hinauswarf.
— Mein Handy!
Meinen Pass!
Gib mir meine Jacke, es friert!
Willst du meinen Tod?
— Dein Handy habe ich bezahlt, das bleibt hier als Ausgleich für die Nebenkosten! — schnitt Olga ihm das Wort ab.
— Und deinen Pass brauchst du nicht, du arbeitest ja sowieso nirgends!
Sie schleifte ihn bis zur Eingangstür.
Sergej stemmte sich dagegen, krallte sich an den Wänden fest und hinterließ fettige Spuren auf der Tapete.
Er winselte, fluchte, drohte, aber Olga war unerbittlich.
Sie spürte, wie das Adrenalin die letzten Reste von Müdigkeit verbrannte.
Es war leicht.
Es war ihr egal, was die Nachbarn denken würden, egal, was morgen sein würde.
Das Wichtigste war, ihr Haus von diesem Dreck zu reinigen.
Genau jetzt.
— Olya, mach keinen Unsinn! — heulte er, als sie das Schloss aufschnappen ließ und die schwere Metalltür aufriss.
— Wohin soll ich in Jogginghosen gehen?
Ich werde doch krank!
Meine Mutter bringt mich um, wenn sie das erfährt!
— Dann geh eben zu deiner Mutter! — schrie Olga.
— Soll sie dir Frikadellen braten und dir den Hintern abwischen!
Meine Schicht ist zu Ende!
Mit voller Kraft stieß sie ihn in den Rücken.
Sergej, der mit so einem kräftigen Stoß nicht gerechnet hatte, flog auf den Treppenabsatz hinaus.
Er taumelte ein paar Meter, ruderte mit den Armen, um das Gleichgewicht zu halten, und prallte mit dumpfem Schlag gegen die gegenüberliegende Wand, beinahe auf den Betonboden stürzend.
Seine Hausschuhe flogen davon, und er blieb nur in Socken auf den kalten Fliesen des Hausflurs stehen.
Er sah grotesk aus: in ausgeleierter Hose mit Fleck im Schritt, in einem Unterhemd, bedeckt mit Roter Bete und Kohl, zerzaust und rot.
Die Nachbarin vom oberen Absatz, die gerade den Müll hinausbrachte, blieb mit dem Eimer in der Hand stehen und starrte diese Erscheinung an.
— Das wirst du bereuen! — brüllte Sergej und drehte sich zu ihr um.
Seine Lippen zitterten vor Kränkung und Kälte.
— Du wirst zu mir angekrochen kommen!
Du verreckst allein mit deinen Katzen!
Dich braucht doch niemand, du alte Hysterikerin!
Ich reiche die Scheidung ein!
Ich klage mir die Hälfte der Wohnung ein!
— Dann reich ein, — sagte Olga ruhig.
— Aber verdiene erst einmal das Geld für einen Anwalt, du „Panzerspieler“.
— Gib mir meine Jacke! — kreischte er und machte einen Schritt zur Tür.
— Du Miststück!
Gib mir meine Jacke!
Olga sah ihn ein letztes Mal an.
In diesem Blick lag kein Hass, nur grenzenlose, kalte Verachtung, mit der man auf eine zertretene Kakerlake blickt.
— Die Futterstelle ist für immer geschlossen, Sergej.
Game over.
Sie schlug die Tür mit voller Kraft direkt vor seiner Nase zu.
Das Schloss klirrte, als sie es zweimal umdrehte.
Dann schnappte der Riegel zu.
Von draußen hörte man noch dumpfe Faustschläge und ausgesuchte Flüche, die sich mit kläglichen Bitten mischten, sie möge öffnen, aber diese Geräusche hatten keine Bedeutung mehr.
Olga lehnte sich mit dem Rücken an die Tür und glitt langsam auf den Boden hinunter.
Sie saß im halbdunklen Flur, die Beine ausgestreckt, direkt auf dem schmutzigen Linoleum.
In der Wohnung herrschte Stille, nur unterbrochen vom Brummen des alten Kühlschranks in der Küche.
Es roch nach Borschtsch und nach auf den Boden verschütteter Freiheit.
Ihre Hände zitterten — jetzt schon vom Nachbeben.
Aber es war ein angenehmes Zittern.
Sie sah auf ihre Hände hinab, die immer noch nach Chlor rochen und jetzt ein wenig auch nach Roter Bete.
Zum ersten Mal seit einem Jahr hatte sie das Gefühl, dass dieses Haus ihr gehörte.
Dass sie nicht zum Herd rennen musste.
Dass sie sich kein Gejammer mehr anhören musste.
Dass sie keine Bedienung mehr sein musste.
Aus dem Zimmer kam ein Geräusch — etwas fiel vom Tisch, wahrscheinlich war die übergossene Tastatur endgültig unter ihrem eigenen Gewicht auf den Boden gerutscht.
Olga lächelte.
Morgen würde sie einen Reinigungsdienst rufen.
Und heute würde sie einfach duschen gehen, diesen Tag, diesen Dreck und dieses Leben von sich abwaschen.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit würde sie diagonal schlafen, über das ganze Bett hinweg, und niemand würde ihr ins Ohr schnarchen und Wasser verlangen.
Sie stand auf, stieg über die Jacke ihres Mannes, die von der Garderobe gefallen war, trat sie mit dem Fuß in die Ecke und ging ins Bad.
Der Skandal war vorbei.
Das Leben fing gerade erst an …







