— Du hast mich in der Wohnung eingesperrt und die Schlüssel weggenommen, damit ich nicht auf den Geburtstag meiner Schwester gehe?

Du hast entschieden, dass du das Recht hast zu bestimmen, mit wem ich verkehre?

Sie ist doch die Einzige, die sieht, zu was du mich gemacht hast!

Mach sofort die Tür auf, oder ich rufe den Notdienst und die Polizei und erkläre, dass du mich mit Gewalt festhältst! — schrie Marina, als Alexej, schon auf dem Treppenabsatz stehend, ruhig den Schlüssel ins Schloss steckte.

Alexej drehte sich nicht einmal um.

Sein breiter Rücken in dem makellos gebügelten Mantel drückte absolute, undurchdringliche Gleichgültigkeit gegenüber ihren Schreien aus.

Er handelte so, als würde er einen tobenden Patienten in einem Krankenzimmer isolieren und nicht seine eigene Frau einsperren.

Das Kratzen des Metalls, als der Schlüssel die erste Umdrehung machte, klang im Treppenhaus lauter als ein Schuss.

— Keine Hysterie, Marina, die Nachbarn werden es hören, — seine Stimme war gleichmäßig, trocken und völlig ohne jede Emotion.

— Du bist gerade nicht bei Verstand.

Sieh dich im Spiegel an: dein Gesicht ist verzerrt, die Schminke ist verlaufen.

So geht man nicht unter Leute.

Schon gar nicht zu solchen Leuten wie deiner Schwester.

Marina riss die Türklinke zu sich, aber der stählerne Mechanismus hielt unnachgiebig stand.

Sie schlug mit der Handfläche gegen das kalte Türblatt und spürte, wie ihre Finger vor Schmerz taub wurden.

Noch vor zehn Minuten hatte sie im Flur gestanden, den Saum ihres liebsten smaragdgrünen Kleides gerichtet und sich auf den Abend im Restaurant gefreut.

Sie hatte ihre Schwester seit drei Monaten nicht gesehen — Alexej hatte immer Gründe gefunden, warum die Fahrt unmöglich sei: mal hatte er einen dringenden Bericht und brauchte Hilfe, mal hatte sie angeblich Kopfschmerzen, mal war das Auto in der Werkstatt.

Doch heute war Jubiläum, und Marina hatte beschlossen, zu gehen, selbst wenn sie zu Fuß hingehen müsste.

Der Konflikt hatte in der Küche begonnen, ganz alltäglich, über einer Tasse abkühlenden Kaffees.

Alexej, der durch den Nachrichtenfeed auf seinem Tablet scrollte, warf hin, ohne aufzusehen, dass er das Taxi storniert habe.

Als Marina verblüfft nach dem Grund fragte, ließ er sich endlich herab, sie anzusehen.

In diesem Blick lag keine Wut, nur kalte, abschätzige Verachtung, so wie man auf einen verdorbenen Gegenstand schaut.

— Du hast dort nichts zu suchen, — hatte er damals gesagt und einen Schluck Kaffee genommen.

— Deine Schwester und ihr Umfeld sind der soziale Bodensatz.

Geschiedene, Versagerinnen, Klatschweiber.

Sie beneiden unsere Ehe, Marina.

Sie träufeln dir Gift ins Gehirn und hetzen dich gegen mich auf.

Ich werde nicht zulassen, dass meine Frau auf ihr Niveau herabsinkt und sich besoffenen Unsinn darüber anhört, was für ein Tyrann ich angeblich bin.

— Du bist kein Tyrann, du bist krank! — schrie Marina und griff nach ihrer Handtasche auf dem kleinen Schränkchen.

— Ich gehe zu meiner eigenen Schwester!

Es ist mir völlig egal, was du darüber denkst!

Sie versuchte, an ihm vorbeizuschlüpfen, doch Alexej war schneller.

Er rannte nicht, er verlagerte sich einfach im Raum und versperrte mit seinem massigen Körper den schmalen Flur.

In seinen Bewegungen lag keine Hast, nur die schwere, erdrückende Selbstsicherheit eines Raubtiers, das mit seiner Beute spielt.

— Lass mich durch, — presste Marina hervor und spürte, wie in ihr eine böse, heiße Welle hochkochte.

— Geh von der Tür weg.

— In diesem Kleid gehst du nirgendwohin, — Alexej nickte in Richtung ihres tiefen Ausschnitts.

— Du siehst billig aus.

Ich habe dich nicht geheiratet, damit andere Männer auf das glotzen, was mir gehört.

— Gehört?

Ich bin kein Gegenstand, Lescha!

Sie versuchte, ihn wegzustoßen, indem sie die Handflächen gegen seine Brust stemmte, aber das war, als würde sie gegen eine Betonwand drücken.

Alexej packte ihre Handgelenke.

Nicht schmerzhaft, aber hart, so dass ihre Hände an einem Punkt fixiert blieben.

— Du benimmst dich wie eine Hysterikerin, — stellte er fest.

— Das ist der Einfluss deiner Sippschaft.

Ich habe dir doch gesagt, sie sind toxisch.

Du musst dich abkühlen.

Mit einem Ruck riss er ihr die kleine Ledertasche aus den Händen.

Marina schrie auf, versuchte sich am Riemen festzuklammern, aber Alexej schleuderte sie mühelos tiefer in den Flur.

Die Tasche flog zu Boden, und der Inhalt verteilte sich krachend auf dem Parkett: Lippenstift, Telefon, Geldbörse und vor allem der Schlüsselbund mit dem Anhänger in Form des Eiffelturms.

Alexej bückte sich.

Sein Gesicht blieb erschreckend ruhig.

Methodisch und ohne Eile hob er die Schlüssel auf.

— Gib sie her! — Marina stürzte auf ihn zu, doch er hatte bereits die Eingangstür geöffnet und stand auf der Schwelle.

— Ich tue das zu deinem Besten, — sagte er und blickte auf sie herab.

— Später wirst du mir noch danken.

Du setzt dich hin und denkst über dein Verhalten nach.

Wein lasse ich dir nicht da, sonst fängst du noch an, deine Freundinnen anzurufen und ihnen von deinem schweren Schicksal zu erzählen.

Die Tür schlug ihr direkt vor der Nase zu.

Das Klicken des Schlosses klang wie ein Urteilsspruch.

— Lescha! — Marina hämmerte mit den Fäusten gegen die Tür.

— Lescha, bist du völlig wahnsinnig geworden?!

Mach auf!

Meine Schwester wartet dort auf mich!

Als Antwort war nur das Geräusch der zweiten Schlüsseldrehung zu hören.

Das obere Schloss.

Genau das, das man von innen ohne Schlüssel nicht öffnen kann, wenn es von außen abgeschlossen ist.

Alexej wusste das.

Er hatte an alles gedacht.

— Verschwend keine Kraft, — drang seine dumpfe Stimme durch die Tür.

— Das Telefon hast du ja noch, du kannst deiner Schwester schreiben, dass du krank geworden bist.

Oder dass dein Mann dich nicht hat gehen lassen — dann sollen sie sich doch freuen, was für ein schlechter Mensch ich bin.

Ist mir egal.

Ich komme spät zurück.

Essen bestellst du dir selbst, die Karte habe ich gesperrt, aber Bargeld hattest du wohl noch.

Man hörte sich entfernende Schritte.

Schwere, gleichmäßige Schritte eines Menschen, der von seiner absoluten Rechtmäßigkeit und Straflosigkeit überzeugt ist.

Dann erklang das Signal des Aufzugs.

Die Türen des Schachts glitten auseinander und wieder zusammen, und auf der Etage trat Stille ein.

Marina lehnte die Stirn gegen die kalte Metallfläche der Tür.

Die Wut, die sie eben noch zum Schreien und Geschirrwerfen gebracht hatte, wich einer kalten, klebrigen Erkenntnis.

Das war nicht einfach nur ein Streit.

Das war eine Machtdemonstration.

Er hatte sie nicht einfach nur nicht zum Fest gehen lassen.

Er hatte ihr ihren Platz gezeigt.

Den Platz eines Schoßhundes, den man im Zwinger einsperrt, wenn der Besitzer zu seinen Geschäften aufbricht.

Auf dem Telefon, das zwischen der verstreuten Kosmetik lag, piepte eine eingehende Nachricht.

Marina ließ sich langsam an der Wand zu Boden gleiten und nahm das Gerät mit zitternder Hand auf.

Auf dem Bildschirm erschien der Name ihres Mannes:

„Setz dich hin und denk über dein Verhalten nach.

Ich will, dass du dich bis zu meiner Rückkehr beruhigst und dich in Ordnung bringst.

Wir reden, wenn du wieder die alte Marina geworden bist und nicht diese Marktschreierin, zu der dich deine Schwester macht.“

Sie starrte auf diese Buchstaben, und sie verschwammen vor ihren Augen.

Aber nicht wegen der Tränen.

In Marinas Innerem, irgendwo ganz tief unter den Schichten aus Angst und Gewohnheit zu gehorchen, begann ein ganz anderes Feuer zu lodern.

Kein hysterisches, kein klagendes.

Es war das Feuer des Hasses.

Rein und konzentriert wie Alkohol.

Sie stand vom Boden auf und klopfte ihr Kleid ab.

Dann trat sie an den Spiegel im Flur.

Aus dem Spiegelbild blickte sie eine schöne Frau mit verschmiertem Lippenstift und wahnsinnigen Augen an.

— Nachdenken also? — fragte sie leise ihr Spiegelbild.

— Gut, Lescha.

Ich werde nachdenken.

Und zwar sehr gründlich.

Die Stille, die die Wohnung nach der Abfahrt des Aufzugs erfüllte, war nicht einfach nur das Fehlen von Geräuschen.

Sie war dicht, wattig, sie drückte auf die Ohren, als wäre Marina plötzlich auf dem Grund eines tiefen Brunnens gelandet.

Das Klicken des Schlosses hallte ihr noch immer in den Ohren nach und verwandelte den gemütlichen, mit teuren Möbeln eingerichteten Flur in eine Untersuchungshaftzelle.

Marina erhob sich langsam vom Boden.

Ihre Beine zitterten, aber nicht vor Schwäche, sondern vor einem Überschuss an Adrenalin, der keinen Ausweg fand.

Sie trat an die Tür und drückte die Klinke hinunter — mechanisch, ohne Hoffnung, nur damit der Körper sich von dem überzeugen konnte, was der Verstand längst begriffen hatte.

Abgeschlossen.

Unwiderruflich.

Der Stahlriegel des oberen Schlosses schnitt sie zuverlässig von der Außenwelt ab, vom Fest, von ihrer Schwester, von der Freiheit.

Sie drehte sich um und ging ins Wohnzimmer.

Hier herrschte die perfekte Ordnung, die Alexej so liebte.

Nicht ein Staubkorn, die Kissen auf dem Sofa lagen in exakt fünfundvierzig Grad Winkel, die Zeitschriften auf dem Tisch waren bündig an der Kante ausgerichtet.

Früher hatte Marina das für Sauberkeit gehalten, für einen Ausdruck männlicher Disziplin.

Jetzt erschien ihr diese Sterilität totenhaft.

Das war kein Zuhause, sondern eine Vitrine, ein Museumsstück, in dem man nicht leben, sondern nur existieren konnte, aus Angst, die Symmetrie zu stören.

Marina trat an das Panoramafenster.

Vierzehnter Stock.

Unten wimmelten die Menschen wie Ameisen, bunte Ströme von Autos flossen dahin.

Die Stadt lebte ihr eigenes Leben, gleichgültig gegenüber dem, was hinter den Doppelverglasungen des luxuriösen Wohnkomplexes geschah.

Die Balkontür gab leicht nach und ließ einen Schwall warmen Frühlingswinds ins Zimmer.

Marina trat auf die Loggia hinaus und umklammerte das kalte Geländer.

Die Höhe machte sie schwindelig.

— Spring, — flüsterte eine verräterische Stimme in ihrem Kopf.

— Dann wird er bereuen.

Dann wird er verstehen.

Marina schüttelte den Kopf und verscheuchte die Einbildung.

Nein.

Dieses Vergnügen würde sie ihm nicht gönnen.

Ein Fleck auf dem Asphalt zu werden, damit Alexej ein paar Monate lang den trauernden Witwer spielte und dann eine neue, gehorsamere Puppe hierherbrachte?

Ganz sicher nicht.

Sie kehrte ins Zimmer zurück, und ihr Blick fiel auf die Geschenktüte, die auf dem Sessel stand.

Darin lag ein handgefertigtes Album, das sie vor einem halben Jahr bei einer Kunsthandwerkerin bestellt hatte.

Eine Familienchronik.

Fotos aus ihrer Kindheit, von den Eltern, lustige Momente aus der Schulzeit.

Alexej hatte es „eine Sammlung von Altpapier und einen Staubfänger“ genannt.

Methodisch, Jahr für Jahr, hatte er alles aus ihrem Leben ausgerottet, was nicht mit ihm selbst zu tun hatte.

„Swetka ist neidisch auf dich, sie will uns auseinanderbringen.“

„Deine Mutter mischt sich in Dinge ein, die sie nichts angehen, wir regeln das schon selbst.“

„Wozu brauchst du diese Kollegen?

Die haben doch nur Klatsch im Kopf, du stehst über so etwas.“

Er hatte ihr Umfeld mit dem Skalpell eines Chirurgen abgeschnitten und sie überzeugt, es sei ein Tumor und kein gesundes Gewebe.

Und sie hatte ihm geglaubt.

Sie, die Idiotin, hatte geglaubt, er beschütze ihre kleine Welt.

Dabei baute er nur einen hohen Zaun um sie herum, damit niemand sah, wie er sie dressierte.

Das Telefon in ihrer Hand vibrierte und riss sie aus ihrer Erstarrung.

Ihre Schwester rief an.

Auf dem Display leuchtete ein vertrautes lächelndes Gesicht.

Marina hob den Finger über die grüne Taste, hielt aber inne.

Wenn sie rangeht und die Wahrheit erzählt …

Wenn sie sagt: „Katja, er hat mich eingesperrt, er hat mir die Schlüssel weggenommen“, — was dann?

Katja würde herstürmen.

Sie würde gegen die Tür hämmern, den Notdienst rufen.

Alexej würde kommen, ein erstauntes Gesicht machen und behaupten, das Schloss habe geklemmt und die Schwester sei wieder einmal eine Hysterikerin, die aus dem Nichts einen Skandal veranstalte.

Und Marina stünde wieder zwischen zwei Feuern, schuldig und erbärmlich.

Nein.

Mitleid würde es nicht mehr geben.

Marina drückte den Anruf weg.

Ihre Finger tippten rasch eine Nachricht: „Katjuscha, verzeih.

Lescha hat plötzlich hohes Fieber bekommen, Verdacht auf einen Virus.

Ich kann ihn nicht allein lassen, du verstehst ja.

Das Geschenk bringe ich später vorbei.

Ich hab dich lieb und küsse dich, alles Gute zum Geburtstag.“

Senden.

Es war eine Lüge.

Eine bittere, widerliche Lüge, von der sich ihr die Kiefer verkrampften.

Aber es war ein notwendiges Opfer.

Sie würde Alexej keinen Anlass geben zu sagen: „Siehst du, deine Schwester mischt sich schon wieder in unsere Familie ein.“

Sie würde die Sache mit ihm allein regeln.

Eins gegen eins.

Ohne Zeugen.

Marina ging ins Bad.

Sie stellte das eiskalte Wasser an.

Wusch die verlaufene Wimperntusche vom Gesicht und entfernte den grellen Lippenstift.

Dann zog sie das smaragdgrüne Kleid aus, das ihr jetzt wie ein Narrenkostüm vorkam, und warf es in den Wäschekorb.

Es gefiel ihr nicht mehr.

Dieses Kleid hatte Alexej ausgesucht.

Sie zog einfache Jeans und ein schwarzes T-Shirt an.

Band die Haare zu einem straffen Pferdeschwanz zusammen.

Aus dem Spiegel sah ihr keine weinende Frau mehr entgegen, sondern ein Raubtier, das vor dem Sprung in Deckung ging.

Ihre Augen waren trocken und stechend geworden.

Ihr Magen knurrte — sie hatte seit dem Morgen nichts gegessen, weil sie sich auf das Bankett vorbereitet hatte.

Marina ging in die Küche.

Öffnete den Kühlschrank.

Darin stand ein Topf Borschtsch, den sie gestern gekocht hatte, um ihrem Mann eine Freude zu machen.

Dazu Behälter mit geschnittenem Gemüse.

Alles ordentlich, alles sauber eingeräumt.

— Setz dich hin und denk nach, — wiederholte sie seine Worte laut.

Sie holte eine Flasche teuren Cognacs aus Alexejs Bar.

Genau den, den er für „besondere Anlässe“ aufbewahrte.

Sie riss das Siegel ab und schenkte sich großzügig in ein bauchiges Glas ein.

Die Flüssigkeit brannte ihr die Kehle hinunter, brachte aber eine seltsame Klarheit.

Marina setzte sich an den Küchentisch.

Auf der Tischplatte lag das von ihm vergessene Feuerzeug.

Sie ließ das Rädchen klicken und sah auf die tanzende Flamme.

Sie musste nicht die Polizei rufen.

Sie musste keinen Skandal auf dem Balkon veranstalten.

Alexej dachte, er habe sie in ein Gefängnis gesperrt, in dem sie vor Sehnsucht und Reue dahinwelken würde.

Er irrte sich.

Er hatte sie in einen Bunker gesperrt, in dem sie endlich ihr Arsenal sichten konnte.

Sie begann nicht, Abendessen zu kochen.

Sie räumte die im Flur verstreute Kosmetik nicht auf.

Sie saß einfach da und wartete.

Die Sonne kroch langsam über den Himmel, die Schatten in der Wohnung wurden länger und verwandelten sich in bizarre Gestalten.

Marina machte kein Licht an.

Die Dunkelheit passte zu ihr.

In der Dunkelheit sieht man besser, wer wer ist.

Die Zeit zog sich langsam hin, doch jede Stunde fügte nur noch mehr Zement zu der Mauer ihrer Entschlossenheit hinzu.

Als es draußen endgültig dunkel wurde und die Stadt in tausend Lichtern aufglühte, kratzte der Schlüssel erneut im Schloss.

Dieses Geräusch erschreckte sie nicht mehr.

Es war das Signal zum Beginn des zweiten Akts.

Marina nahm einen Schluck Cognac, stellte das Glas auf den Tisch und trat in den Flur, die Arme vor der Brust verschränkt.

Das Geräusch des sich öffnenden Schlosses zerschnitt die Stille der Wohnung wie ein Skalpell gespannte Haut.

Eine Umdrehung.

Pause.

Zweite Umdrehung.

Marina rührte sich nicht.

Sie stand im Türrahmen der Küche, lehnte die Schulter gegen den Rahmen und blickte in den dunklen Flur.

In ihrer Haltung lag weder Angst noch jenes unterwürfige Warten, mit dem sie ihren Mann sonst gewöhnlich empfangen hatte, in dem Versuch, seine Stimmung am Klang seiner Schritte zu erraten.

Die Tür flog auf und ließ die stickige Luft der Wohnung von der Frische des Frühlingsabends und dem Geruch teuren Männerparfums vermischt mit dem Aroma von Restaurantessen durchdringen.

Alexej trat selbstsicher ein, herrisch, und füllte den Raum sofort mit seiner Präsenz.

In der einen Hand hielt er eine Papiertüte mit dem Logo eines Steakhouses, in der anderen eine Flasche Wein.

Er tastete nach dem Lichtschalter, und grelles, erbarmungsloses Licht flutete den Flur.

Das Erste, was er sah, war die noch immer auf dem Boden verstreute Kosmetik.

Die Lippenstifttube, die sein eigener Schuh am Morgen zerdrückt hatte, lag noch immer wie ein roter Fleck auf dem hellen Parkett.

Alexej stieg angewidert darüber hinweg, als wäre es eine Schmutzpfütze, und hob erst dann den Blick zu seiner Frau.

— Na, Gefangene der Graf-von-Monte-Christo-Festung? — seine Stimme klang munter, sogar fröhlich.

Er war offensichtlich davon ausgegangen, dass seine morgendliche Erziehungsmaßnahme gewirkt hatte und man nun zu den Phasen „Versöhnung“ und „Großzügigkeit“ übergehen konnte.

— Abgekühlt?

Ich sehe, du hast nicht einmal das Licht angemacht.

Hast im Dunkeln gesessen und dich selbst bemitleidet?

Marina schwieg.

Sie sah ihn an, als würde sie ihn zum ersten Mal sehen.

Nicht als Ehemann, sondern als ein fremdes, potenziell gefährliches Objekt, dessen Verhaltensmuster man studieren musste.

Als Alexej keine Antwort bekam, ging er ins Wohnzimmer und stellte die Tüten auf den Tisch.

— Ich habe Abendessen mitgebracht.

Steaks, medium rare, so wie du sie magst.

Und Wein.

Übrigens ein Barolo.

Ich habe beschlossen, dass wir den Tag nicht im Schlechten beenden sollten.

Ich bin bereit, dir den morgendlichen Anfall zu verzeihen.

Er zog den Mantel aus und warf ihn lässig auf den Sessel — ein Privileg, das in diesem Haus nur ihm zustand — und begann, die Manschetten seines Hemdes zu öffnen.

— Du hast nicht aufgeräumt, — bemerkte er und nickte in Richtung Flur.

— Ich dachte, du würdest diese Zeit sinnvoll nutzen, die Wohnung in Ordnung bringen und deine Nerven beim Putzen beruhigen.

Frauen hilft das, sich wieder zu erden.

— Ich bin keine Haushaltshilfe, Lescha, — Marinas Stimme war leise, aber von einer solchen Kälte erfüllt, dass Alexej mit halb geöffnetem Knopf erstarrte.

— Und ich bin kein Hund, den man im Zwinger einsperren und ihm dann einen Knochen in Form eines Steaks hinwerfen kann, damit er mit dem Schwanz wedelt.

Alexej drehte sich langsam um.

Das Lächeln glitt aus seinem Gesicht und wurde durch den Ausdruck müder Gereiztheit ersetzt.

Er trat näher an sie heran, drang in ihren persönlichen Raum ein, ragte über ihr auf und übte mit seiner Größe und Autorität Druck aus.

— Schon wieder? — stieß er aus.

— Marina, ich hatte gehofft, du wärst klüger geworden.

Ich habe dich vor einer Blamage bewahrt.

Deine Schwester und ihre besoffenen Freundinnen …

du wärst von dort aufgewühlt zurückgekommen und hättest mir Gemeinheiten an den Kopf geworfen.

Ich habe einfach das Unvermeidliche verhindert.

Ich sorge mich um unsere Familie, während du versuchst, sie mit deinem Egoismus zu zerstören.

— Du sorgst dich nicht um die Familie, — Marina wich keinen Schritt zurück, obwohl ihr Überlebensinstinkt schrie, sie solle Abstand nehmen.

— Du sorgst dich um deine Kontrolle.

Es hat dir gefallen, Lescha.

Gib es zu.

Es hat dir gefallen, als du den Schlüssel herumgedreht hast.

Du hast dich wie ein Gott gefühlt.

Wie ein Schicksalslenker.

„Sitz!“, „Platz!“, „Gib Laut!“.

— Red keinen Unsinn, — er verzog das Gesicht, als hätte er Zahnschmerzen, und versuchte, sie an der Schulter zu packen, um sie zu schütteln, sie zur Vernunft zu bringen.

— Du hast dich überhitzt.

Du musst Wein trinken und schlafen gehen.

Morgen wirst du mir dankbar sein, dass du nicht in dieses Schlangennest gegangen bist.

Marina schüttelte seine Hand mit einer scharfen, angewiderten Bewegung ab.

Diese Geste war für Alexej, der an ihre Sanftheit und Nachgiebigkeit gewöhnt war, so unerwartet, dass er zurückwich.

— Fass mich nicht an.

— Wie sprichst du mit mir? — in seinen Augen flackerte ein böses Licht auf.

Sein Ton veränderte sich und wurde bedrohlich.

— Ich bin anscheinend zu sanft mit dir umgegangen.

Ich habe dir Internet, Fernsehen und Essen gelassen.

Ich hätte auch den Strom abstellen sollen, damit du wirklich verstehst, was Abhängigkeit vom Ehemann bedeutet.

Hast du vergessen, wer hier dieses Fest bezahlt?

Wer diese Jeans gekauft hat, in denen du hier stehst?

Wer diese Wohnung bezahlt?

— Diese Wohnung wurde in der Ehe gekauft, Lescha.

Die Hälfte hier gehört mir.

Und die Jeans und das Essen — das ist unser gemeinsames Budget, selbst wenn du mehr verdienst.

Aber du hast die Begriffe so geschickt vertauscht, dass ich selbst geglaubt habe, ich sei hier nur Gast.

Ein Mitesser, den man hinauswerfen oder einsperren kann.

Sie ging an ihm vorbei zu dem Tisch, auf dem die Weinflasche stand.

Alexej beobachtete sie mit dem Blick eines Raubtiers und versuchte zu begreifen, was in ihrem Kopf vorging.

Sie verhielt sich falsch.

Nicht nach dem Drehbuch.

Wo waren die Tränen?

Wo das Flehen um Vergebung?

Wo das Eingeständnis seiner Richtigkeit?

— Bist du betrunken? — er zog die Nase hoch.

— Du riechst nach Cognac.

Ach so ist das also …

Du hast meinen Vorrat gefunden?

Großartig, Marina.

Einfach großartig.

Anstatt über dein Verhalten nachzudenken, hast du dich allein besoffen.

Du wirst immer mehr zu einer Kopie deiner alkoholkranken Schwester.

— Ich habe fünfzig Gramm getrunken, um nicht vor Angst den Verstand zu verlieren, als ich begriff, dass mein Mann ein Psychopath ist, — antwortete sie ruhig und nahm die schwere Flasche Barolo in die Hand.

Sie öffnete sie nicht.

Sie wog sie nur in ihrer Hand und spürte das kalte Glas.

— Weißt du, worüber ich in diesen zehn Stunden nachgedacht habe?

Nicht über meine Schwester.

Und nicht über das Fest.

Ich habe darüber nachgedacht, wie ein Frosch in Milch gekocht wird.

Du hast das Wasser doch langsam erhitzt, oder?

Erst „Trag dieses Kleid nicht“, dann „Sei nicht mit ihr befreundet“, dann „Kündige, ich versorge uns schon“.

Und heute hat das Wasser gekocht.

— Hör auf zu philosophieren! — brüllte Alexej und schlug mit der Handfläche auf den Tisch.

Die Tüte mit den Steaks sprang hoch.

— Du setzt dich jetzt hin, isst und hältst den Mund.

Ich bin müde von der Arbeit, ich habe nicht vor, mir das Gerede einer betrunkenen Frau anzuhören.

Ab in die Küche und hol Teller!

Sofort!

Dieses „Sofort!“ knallte wie ein Peitschenhieb.

Früher wäre Marina losgelaufen, um es auszuführen.

Früher hätte sie sich zusammengezogen, Entschuldigungen gemurmelt und versucht, die Ecken zu glätten.

Aber heute war in ihr anstelle der Angst eine klingende, eisige Leere.

Verbrannte Erde.

— Nein, — sagte sie.

Das Wort fiel zwischen ihnen wie ein schwerer Stein.

— Was hast du gesagt? — Alexej machte einen Schritt auf sie zu, sein Gesicht lief rot an.

Er war nicht daran gewöhnt, Widerspruch zu hören.

In seiner Welt existierten nur seine Meinung und das Falsche.

— Ich habe „nein“ gesagt.

Ich werde deine Steaks nicht essen.

Ich werde deinen Wein nicht trinken.

Und ich werde nicht länger in deinem Spiel „Perfekte Familie“ mitspielen, in dem ich nur eine stumme Dekoration bin.

Alexej grinste — ein grässliches, schiefes Grinsen.

— Und was willst du machen?

Gehen?

Du hast kein Geld, keine Arbeit, keine Wohnung.

Du bist niemand ohne mich, Marina.

Ein leeres Nichts.

Du gehst durch diese Tür hinaus und kriechst in zwei Tagen wieder zurück, wenn dich der Hunger packt.

— Vielleicht, — stimmte Marina zu, und ihre Ruhe jagte ihm mehr Angst ein als Geschrei.

— Vielleicht bin ich niemand.

Aber selbst ein „Niemand“ hat eine Grenze der Geduld.

Du hast mir die Schlüssel weggenommen, Lescha.

Du hast mich eingesperrt.

Du hast eine Grenze überschritten.

— Ich habe dich erzogen! — schrie er und verlor die Kontrolle.

— Weil du dich wie eine Idiotin benimmst!

— Kinder und Hunde erzieht man.

Mit einer Ehefrau lebt man entweder, oder man lässt sich scheiden.

Du hast deine Wahl heute Morgen getroffen.

Jetzt bin ich dran.

Alexej riss am Kragen seines Hemdes, ihm wurde heiß.

Er spürte, dass ihm die Situation wie Sand durch die Finger glitt.

Er war daran gewöhnt, mit Intellekt, Logik und Geld Druck auszuüben.

Aber jetzt stand ihm eine Mauer gegenüber, die mit den üblichen Methoden nicht zu durchbrechen war.

Er musste die Dominanz zurückgewinnen.

Um jeden Preis.

— Du gehst jetzt ins Bad, wäschst dir das Gesicht, bringst dich in Ordnung, — begann er mit einem leisen, schlangenartigen Flüstern und trat dicht an sie heran.

— Und dann kommst du zurück und entschuldigst dich.

Und wir vergessen dieses Gespräch.

Sonst …

— Sonst was? — Marina hob den Blick zu ihm.

In ihren Augen lag nichts als Verachtung.

— Wirst du mich schlagen?

Mich in der Abstellkammer einsperren?

Mir den Nachtisch wegnehmen?

— Provozier mich nicht, — knurrte er.

— Du weißt nicht, wozu ich fähig bin, wenn man mich an den Rand bringt.

— Oh, jetzt weiß ich es, Lescha.

Ich weiß es sehr genau.

Marina umklammerte den Flaschenhals fester.

Das Adrenalin hämmerte in ihren Schläfen.

Der Ausgang war nah, und sie wusste, dass es keinen Weg zurück gab.

Die Luft in der Wohnung war so sehr mit Spannung aufgeladen, dass eine einzige Funken genügt hätte, um alles in die Luft zu jagen.

Alexej blickte auf die Flasche in ihrer Hand, und für eine Sekunde flackerte Zweifel in seinen Augen auf.

Doch sofort erstickte er ihn unter seinem gewohnten Hochmut.

Er glaubte nicht, dass sie zu echtem Handeln fähig war.

Für ihn war Marina noch immer dieselbe bequeme Funktion, die nur ein wenig „gestört“ war.

— Lass den Wein stehen, — presste er hervor und wandte sich angewidert ab.

— Du bist lächerlich in diesem Pathos.

„Ich weiß, wozu du fähig bist“ …

Hast du zu viele Dramen gesehen?

Ich gehe rauchen.

Du hast genau fünf Minuten, um den Tisch zu decken und dein Gesicht in Ordnung zu bringen.

Wenn die Steaks nicht auf Tellern liegen, wenn ich zurückkomme, nehme ich dir dein Telefon und deinen Laptop für einen Monat weg.

Dann sitzt du in diesen vier Wänden und schaust aus dem Fenster, bis du klüger wirst.

Demonstrativ warf er sein Smartphone auf die Kücheninsel, neben die ungeöffneten Behälter.

Es war eine Geste absoluter Macht: er hatte keine Angst, ein Kommunikationsmittel zurückzulassen, weil er sicher war — sie würde es nicht wagen, es anzurühren.

Mit ausladenden Schritten ging Alexej zur Balkontür.

Er riss sie auf und ließ einen Strom kalter Nachtluft in den Raum.

Trat auf die Loggia hinaus, ohne sich umzudrehen, zog eine Packung Zigaretten heraus und ließ das Feuerzeug klicken.

Er stand mit dem Rücken zum Zimmer, blickte auf die Lichter der Stadt und war überzeugt, dass seine Frau hinter ihm jetzt geschäftig Teller und Gabeln hervorholte und unter dem Druck seines Ultimatums zusammenbrach.

Marina handelte geräuschlos und blitzschnell.

Es lag keine Hysterie darin, nur kalte Berechnung, geschärft durch die Stunden der Einsamkeit.

Sie stellte die Flasche auf den Tisch.

Zwei Schritte.

Ihre Hand legte sich auf den Plastikgriff der Balkontür.

Eine leichte Bewegung zu sich — die Tür glitt fest in die Führung.

Eine Drehung des Griffes nach unten bis zum Anschlag.

Das Klicken des Mechanismus klang leise, doch für Marina war es wie Donner.

Alexej hörte das Geräusch.

Langsam und geschniegelt drehte er sich um, die Zigarette am Mund.

Sein Gesicht zeigte leichtes Unverständnis, das rasch in Gereiztheit überging.

Er zog an der Klinke von seiner Seite.

Die Tür rührte sich nicht.

Marina stand auf der anderen Seite des Glases, einen halben Meter von ihm entfernt.

Sie sah ihm direkt in die Augen, und in ihrem Blick lag weder Triumph noch Bosheit.

Nur die eisige Ruhe einer Pathologin.

— Was soll dieser Zirkus? — drang seine gedämpfte Stimme durch das dreifache Isolierglas.

Alexej runzelte die Stirn, seine Lippen formten jedes Wort sichtbar.

— Mach sofort die Tür auf!

Marina schüttelte langsam den Kopf.

Verneinend.

Sie trat näher, fast direkt ans Glas.

Alexej schlug mit der Handfläche gegen die Tür.

— Bist du taub?!

Mach die Tür auf, du Miststück!

Sonst wird es dir noch leid tun!

Marina sah, wie sich sein Gesicht verzerrte, wie die Adern an seinem Hals anschwollen, wie seine Haut rot anlief.

Die Maske des erfolgreichen, ruhigen Hausherrn war sofort abgefallen und hatte das tierische Gebiss freigelegt.

Aber jetzt war dieses Tier im Käfig.

Sie hob die Hand ans Ohr, als würde sie einen Telefonhörer andeuten, und zeigte mit dem Finger auf den Küchentisch, wo sein Smartphone lag.

Alexej tastete sich instinktiv an die Hosentaschen.

Leer.

Er stand im Hemd, im vierzehnten Stock, im kalten Frühlingswind, ohne Schlüssel und ohne Telefon.

Marina drehte sich um und ging ruhig zum Tisch.

Sie nahm sein Telefon.

Kehrte zur Glastür zurück, hob das Gerät so hoch, dass er den Bildschirm sehen konnte, und schaltete es langsam, genüsslich aus.

Der dunkle Bildschirm wurde zum Spiegel seiner Hilflosigkeit.

— Du kommst nicht raus, Lescha, — sagte sie laut, damit er sie durch das Glas hören konnte.

— Setz dich hin.

Denk über dein Verhalten nach.

Du musst dich abkühlen.

Du bist gerade zu emotional, und Männer in Hysterie sehen lächerlich aus.

Alexej brüllte etwas Unverständliches und trat mit voller Kraft gegen die Plastikverkleidung.

Die Tür bebte, hielt aber stand.

Marina blinzelte nicht einmal.

— Schlag nicht auf das Eigentum ein, — sagte sie in belehrendem Ton und kopierte seinen morgendlichen Klangfall.

— Das kostet viel Geld.

Und die Nachbarn könnten es sehen.

Du willst doch nicht, dass alle erfahren, dass du ein Haustyrann bist, den seine Frau auf den Balkon gesperrt hat wie einen unartigen Kater?

Sie sah, wie er zitterte.

Vor Kälte und vor Wut.

Er war in der Falle gefangen, die er jahrelang für sie gebaut hatte.

Isolation.

Hilflosigkeit.

Kälte.

Marina ging zurück in den Flur.

Aus der Tasche seines Mantels zog sie den Schlüsselbund — genau den, an dem der Autoschlüssel und der Wohnungsschlüssel hingen.

Ihre eigenen Schlüssel mit dem Eiffelturm nahm sie ebenfalls vom Schränkchen, wohin er sie nachlässig geworfen hatte, als er gekommen war.

Dann ging sie ins Schlafzimmer.

Holte aus dem Schrank eine kleine Sporttasche.

Warf Dokumente, ein paar Wechselkleider und das Kästchen mit dem Gold hinein, das ihre Eltern ihr geschenkt hatten.

Nichts von dem, was er gekauft hatte.

Nur ihr Eigenes.

Als sie in die Küche zurückkehrte, sah sie, dass Alexej nicht mehr gegen das Glas schlug.

Er stand da, die Arme um die Schultern geschlungen, und sah sie mit einem Blick an, der von Hass und dem Versprechen auf Vergeltung erfüllt war.

Wenn Blicke töten könnten, wäre sie bereits Asche gewesen.

Marina trat an den Tisch, nahm die Flasche Barolo.

Öffnete sie mit dem Korkenzieher, der daneben lag.

Goss Wein in ein Glas und nahm einen Schluck.

Der Wein war herb und gehaltvoll.

— Lecker, — nickte sie ihrem Mann zu.

— Schade, dass du keinen bekommen kannst.

Alkohol schadet deinem Nervensystem.

Sie trat ans Spülbecken und drehte die Flasche langsam um, während sie ihm in die Augen sah.

Die dunkelrubinrote Flüssigkeit, die etwa die Hälfte ihres Monatslohns wert war, gluckerte in den Abfluss.

Alexej presste das Gesicht gegen das Glas, sein Mund öffnete sich zu einem lautlosen Schrei, doch Marina goss alles methodisch bis auf den letzten Tropfen aus.

— Alles zu deinem Besten, mein Lieber, — sagte sie und stellte die leere Flasche auf die Arbeitsplatte.

— Ich tue das, weil ich mich um dich sorge.

Sie griff nach der Tasche, nahm seine Brieftasche, die neben dem Telefon lag, zog alles Bargeld heraus — ein dicker Stapel Fünftausend-Rubel-Scheine.

Die Geldbörse ließ sie liegen.

Die Karten brauchte sie nicht, er würde sie in fünf Minuten sperren lassen, sobald er wieder Verbindung hatte.

Aber Bargeld — das war eine Entschädigung für den seelischen Schaden.

— Essen werde ich nicht bestellen, — warf sie beim Hinausgehen aus der Küche hin.

— Du hast dort frische Luft, die ist gesünder.

Die Wohnungsschlüssel nehme ich mit.

Das obere Schloss werde ich zweimal abschließen.

Du weißt ja, dass man es ohne Schlüssel nicht öffnen kann.

— Marina! — drang ein gedämpfter, verzweifelter Schrei zu ihr.

— Halt!

Tu das nicht!

Wir können uns einigen!

Sie blieb stehen.

Lächelte spöttisch.

— Wir werden uns nicht einigen, Lescha.

Mit Terroristen verhandelt man nicht.

Man vernichtet sie.

Sie trat in den Flur hinaus.

Zog die Schuhe an, warf sich die Jacke über.

Löschte das Licht in der ganzen Wohnung und tauchte Alexej in Dunkelheit, die nur von den Straßenlaternen durchbrochen wurde.

Das Klicken des Schlosses klang wie ein letzter Akkord.

Erste Umdrehung.

Zweite.

Marina prüfte die Tür — fest verschlossen.

Sie rief den Aufzug.

Während die Kabine nach unten fuhr, stellte sie sich vor, wie er dort in der Dunkelheit herumhetzt, in der Kälte, mit klappernden Zähnen, und begreift, dass Schreien nutzlos ist — die Etage ist zu hoch, und die Fenster sind zu gut isoliert.

Er wird bis zum Morgen warten müssen, um mit Zeichen die Aufmerksamkeit von Passanten oder Nachbarn auf den Nachbarbalkonen zu erregen.

Das wird lange dauern.

Und sehr demütigend sein.

Marina trat aus dem Hauseingang.

Die Nachtluft traf ihr Gesicht, aber sie war nicht kalt.

Sie war köstlich.

Sie atmete tief ein und spürte, wie sich ihre Lungen entfalteten, die durch die Jahre der Ehe zusammengedrückt worden waren.

Sie zog das Telefon hervor, schaltete es ein und tippte eine Nachricht an ihre Schwester: „Verzeih die Lüge.

Ich bin auf dem Weg zu dir.

Deck den Tisch.

Ich komme mit dem Geschenk, und ich habe einen ausgezeichneten Trinkspruch auf die Freiheit.“

Marina warf den Schlüsselbund ihres Mannes in die dichten Büsche am Hauseingang und ging, ohne zu den dunklen Fenstern im vierzehnten Stock zurückzublicken, mit klackenden Absätzen über den Asphalt davon …