Die Schwiegermutter kreischte: „Hol von ihren Konten jeden einzelnen Cent runter, sie schuldet uns das!“

Doch sie erstarrte, als der Sohn das Passwort fürs Online-Banking eingab.

Der dicke Ordner mit den Unterlagen schlug auf den Tisch und wirbelte eine Staubwolke von der fettigen Wachstuchtischdecke auf.

Von diesem Geräusch verzog sich sogar die Kakerlake, die neben dem Brotkasten Wache gehalten hatte, angewidert in einen Spalt.

Oksana stand in der Tür, ohne ihren Mantel auszuziehen.

Ihr stieg der vertraute säuerliche Geruch in die Nase: eine Mischung aus billigem Tabak, ungewaschenem Geschirr und abgestandenen Socken.

Denis drehte sich nicht einmal um.

Er saß in einem ausgewaschenen Unterhemd, mit dem Sessel beinahe verwachsen, und hämmerte verbissen auf die Tasten ein.

Auf dem Bildschirm zertrümmerte sein Held Monster, während Denis selbst sich langsam in eines von ihnen verwandelte.

Sinaida Markowna, die bis dahin konzentriert an einem Topf mit den Resten der gestrigen Suppe geschnuppert hatte, richtete sich auf.

Ihre Augen hinter den Brillengläsern blitzten räuberisch auf.

— Was wirfst du hier mit Aktenordnern herum, Prinzessin? — krächzte die Schwiegermutter.

— Hast du dich auf der Arbeit übernommen?

Vergiss nicht, den Boden zu wischen, du hast überall Dreck hereingetragen.

Oksana schwieg.

Sie sah dieses Gespann an — Mutter und Sohn, die ihr Leben in neun Jahren in einen endlosen Murmeltiertag verwandelt hatten, in dem sie die einzige Quelle für Einkommen, Essen und saubere Wäsche gewesen war.

Sinaida Markowna zog ungeniert das oberste Blatt aus dem Ordner.

Sie ließ den Blick darüber gleiten.

Ihr Gesicht begann sich dunkelrot zu färben wie eine überreife Tomate.

— Denis! — heulte sie auf und riss ihrem Sohn die Kopfhörer herunter.

— Schluss mit deinen Dämonen!

Diese Schlange hat die Scheidung eingereicht!

Der Ehemann drehte sich langsam um.

Mit sechsunddreißig hatte er den Blick eines geprügelten, aber launischen Teenagers.

— Ksjusch, was ist denn mit dir los, hast du einen Sonnenstich? — Er wischte sich die Handfläche am Unterhemd ab.

— Welche Scheidung?

Wer soll mich denn dann füttern?

Komm, hör auf mit dem Zirkus, ich habe Hunger.

— Neun Jahre hat sie uns auf der Tasche gelegen! — Sinaida Markowna war bereits in den Ultraschallbereich gewechselt.

— In meiner Wohnung hat sie sich die Seiten vollgefressen!

Glaubst du, du gehst hier einfach so weg?

Und was ist mit dem moralischen Schaden für mein Söhnchen?

Denis, schnapp dir das Handy!

Geh in ihre App!

Hol von ihren Konten jeden einzelnen Cent runter, sie schuldet uns das!

Denis wurde munter.

Sein Smartphone lag immer neben ihm — er war daran gewöhnt, den Kontostand seiner Frau öfter zu kontrollieren als sie selbst.

Er wusste, dass auf ihrem Sparkonto eine ordentliche Summe lag.

Oksana hatte sie jahrelang zurückgelegt, indem sie im Stoffgeschäft Überstunden machte, während ihr Mann „sich selbst suchte“.

Denis sah dieses Geld bereits als neue Grafikkarte und als einen Berg von Delikatessen vor sich.

— Überweis alles auf meine Karte! — kommandierte Sinaida Markowna und beugte sich über ihren Sohn.

— Schnell, bevor sie den Zugang sperrt!

Denis gab das Passwort ein.

Seine Finger zitterten vor Vorfreude.

Oksana stand am Türrahmen, die Arme vor der Brust verschränkt.

Sie sah, wie das Licht des Smartphone-Bildschirms sein Gesicht erhellte, auf dem zuerst Unverständnis erschien und dann — urtümliche Angst.

Auf dem Bildschirm leuchteten Nullen.

Gleichmäßig, kalt wie Eis.

Denis aktualisierte die Seite.

Dann noch einmal.

Dann öffnete er den Verlauf der Transaktionen.

— Wo ist das Geld?! — Die Stimme von Denis kippte in ein Fistelregister.

— Ksjucha, wo ist es?

Da war doch… viel drauf!

— Gestern habe ich es meiner Schwester Nadeschda überwiesen, — Oksana betonte jedes einzelne Wort.

— Als Begleichung einer alten Schuld.

Die ich aufgenommen hatte, um diese Wohnung zu bezahlen, während du Kriegsspielchen gespielt hast.

Sinaida Markowna stieß ein Geräusch aus, das an das Röcheln einer sich verschluckenden Hyäne erinnerte.

Sie stürzte auf Oksana zu und hob die Hand zum Schlag.

— Du Diebin!

Gib es zurück!

Das gehört uns!

Oksana zuckte nicht einmal mit der Wimper.

Ganz ruhig hielt sie ihr Handy nach vorn, auf dem das Symbol für die eingeschaltete Kamera leuchtete.

— Fassen Sie mich nur an, Sinaida Markowna.

Das Video geht sofort an die Polizei.

Dann erklären Sie dem Ermittler, auf welcher Grundlage Sie fremdes Geld verlangen und auf Menschen losgehen.

Die Schwiegermutter erstarrte.

Ihre Hand zitterte und sank wieder herunter.

Denis saß am Fenster und atmete schwer.

Die Welt, in der das Internet bezahlt war und im Kühlschrank immer Frikadellen lagen, zerfiel in Stücke.

— Und noch etwas, — Oksana zog ein anderes Dokument aus dem Ordner.

— Mein Großvater hat mir vor seinem Tod eine Schenkungsurkunde hinterlassen.

Aber mit einer Bedingung: Ich kann mein Recht darauf erst nach der offiziellen Scheidung in Anspruch nehmen.

Bis zu diesem Zeitpunkt war die Wohnung auf seine Schwester eingetragen.

Opa hat dich, Denis, komplett durchschaut.

Er wusste, was für ein Mensch du bist.

In der Küche breitete sich eine solche Schwere aus, dass es schien, als würden die Wände sich zusammenziehen.

— Eine Woche, — Oksana rückte die Tasche auf ihrer Schulter zurecht.

— Sieben Tage, damit ihr eure Habseligkeiten zusammenpackt.

Am achten Tag komme ich mit einem neuen Schloss.

Sie ging hinaus, ohne sich umzudrehen.

Die folgenden Tage wurden zur Hölle.

Denis rief von fremden Nummern an, winselte ins Telefon und versprach, er würde sich notfalls als Hausmeister oder sogar als Kosmonaut anstellen lassen.

Oksana drückte einfach auf „Ablehnen“.

Am fünften Tag lauerte er ihr vor dem Eingang des Geschäfts auf.

Er sah zerknittert aus, und der Bartschatten lag in ungleichmäßigen Flecken auf seinem Gesicht.

— Oksana, so geht das doch nicht!

Mama weint, sie hat ein Herzleiden!

Bring das Geld zurück in die Familie!

Du hast mich bestohlen! — schrie er über die ganze Straße hinweg und hoffte auf das Mitgefühl der Passanten.

Oksana blieb stehen.

Sie sah ihn an wie ein lästiges Insekt.

— Bestohlen?

Ich habe mir nur das Recht zurückgeholt, keinen erwachsenen Faulpelz mehr zu finanzieren.

Geh, Denis, mach dich nicht lächerlich.

Der Sicherheitsdienst wird dich hier nicht mehr reinlassen.

Tatsächlich wurde er hinausgeworfen, als er versuchte, ihr in den Verkaufsraum hinterherzustürmen.

Das Video seines hysterischen Auftritts am Eingang verbreitete sich schnell in den örtlichen Chats.

Die Stadt war klein, und bald wusste jeder, dass Denis ein ganz gewöhnlicher Gigolo war.

Eine Woche später waren sie ausgezogen.

Denis musste eine Stelle in einem Lager für Baumaterialien annehmen.

Mit sechsunddreißig erfuhr er zum ersten Mal, was es heißt, zehn Stunden am Stück Zementsäcke zu schleppen.

Am Abend verwandelten sich seine Hände in Lappen, und der Rücken brannte, als hätte man ihm glühende Stricknadeln hineingerammt.

Er mietete sich ein Bett in einem Wohnheimzimmer.

Die Wände dort waren voller Schimmelflecken, und die Nachbarn waren harte Männer, die kein Gejammer duldeten.

Wenn er zum Abendessen Instantnudeln kaufte, erinnerte Denis sich mit zitternden Knien an die hausgemachten Mahlzeiten, die er immer als selbstverständlich angesehen hatte.

Sinaida Markowna kam bei einer entfernten Verwandten, Raisa, unter.

Diese stellte ihr ein Klappbett im Flur direkt an der Eingangstür hin.

— Wenn du pünktlich zahlst, kannst du bleiben.

Wenn nicht — fliegst du raus, — sagte Raisa knapp.

— Und ich will dich nach acht Uhr abends nicht mehr in der Küche sehen.

Die Schwiegermutter, die früher Oksana herumkommandiert hatte, hatte nun Angst, auch nur zur Toilette zu gehen, um die Gastgeberin nicht zu wecken.

Sie rief ihren Sohn an und weinte, verlangte Geld für Salben für ihre Beine.

— Denis, mein Sohn, ich schlafe im Zug!

Mein Rücken lässt sich nicht mehr strecken!

Kauf mir wenigstens Tabletten!

— Mama, wovon denn?! — schrie er zurück und wischte sich Schweiß und Zementstaub aus dem Gesicht.

— Ich habe nicht mal genug für Brot!

Ein halbes Jahr verging.

Denis kam von seiner Schicht zurück.

Seine Beine schmerzten, und die alte Jacke war von Feuchtigkeit durchzogen.

Mit Absicht ging er an den Fenstern der ehemaligen Wohnung vorbei.

Dort brannte ein weiches Licht.

Auf den Fensterbänken standen üppige Blumen, und in der Küche diskutierte Oksana fröhlich mit ihrer Schwester über irgendetwas.

Sie sah so aus, als hätte man ihr einen Zentner schweren Rucksack von den Schultern genommen.

Ihr Gesicht war glatt geworden, und sie lachte — aufrichtig, laut.

Denis stand im Schatten der Bäume und schluckte die kalte Luft hinunter.

Erst jetzt, da er in einem stinkenden Zimmer lebte und sich sein Stück Brot mit harter Arbeit verdienen musste, begriff er: Das Paradies war hier gewesen.

Aber er selbst hatte zusammen mit seiner Mutter den einzigen Menschen, der sie liebte, aus diesem Paradies vertrieben.

Er drehte sich um und trottete in Richtung Haltestelle.

Vor ihm lagen eine lange Schicht und ein leeres kaltes Bett.