Als Valentina Petrowna am Mittwochabend anrief, lag in ihrer Stimme diese besondere Intonation, die Katja schon in den ersten Monaten der Ehe zu erkennen gelernt hatte.
Keine Bitte, aber auch kein Befehl — etwas dazwischen, eingehüllt in Pflichtgefühl und familiäre Verpflichtungen.

— Katjuschka, Liebes, — begann die Schwiegermutter, und Katja bereitete sich innerlich vor, — am Samstag kommen die Mädels zu mir.
Du weißt schon, meine ehemaligen Kolleginnen aus der Buchhaltung.
Wir wollten uns schon lange treffen, an die Jugend erinnern.
Kannst du mir ein bisschen helfen?
Alleine ist es doch schwer, das alles zu organisieren.
Katja sah Andrej an, der Nachrichten auf seinem Handy las und so tat, als würde er das Gespräch nicht hören.
Seine Schultern spannten sich leicht an — er spürte diese mütterlichen „Bitten“ immer schon aus der Ferne.
— Natürlich, Valentina Petrowna, ich helfe, — antwortete Katja, obwohl der Samstag ihr einziger freier Tag nach einer anstrengenden Woche im Büro war.
— Was muss ich denn machen?
— Ach, nichts Besonderes, — der Ton der Schwiegermutter wurde leichter, fast sorglos.
Salate schneiden, den Tisch schön decken.
Du bist doch eine gute Hausfrau, du machst alles ordentlich.
Komm gegen zwei, und die Mädels kommen um vier.
Nachdem Katja aufgelegt hatte, riss Andrej endlich den Blick vom Bildschirm los.
— Hat Mama dich wieder eingespannt? — fragte er mit einem schuldbewussten Lächeln.
— Ist nicht schlimm, — Katja zuckte mit den Schultern.
Nur beim Vorbereiten helfen.
Ganz normal.
Aber etwas am Ton der Schwiegermutter ließ Katja eine leichte Unruhe spüren.
Valentina Petrowna war eine herrische Frau, gewohnt an Ordnung und Genauigkeit.
In ihrem Haus hatte alles seinen Platz, jedes Ding diente einem bestimmten Zweck.
Und auch Katja hatte in diesem System ihren Platz — nicht immer bequem, aber klar festgelegt.
Am Samstagmorgen wachte Katja mit einem schweren Gefühl in der Brust auf.
Andrej war zu einem Freund auf die Datscha gefahren und hatte versprochen, erst am Abend zurück zu sein.
Katja packte eine kleine Tasche mit Schürze und bequemen Schuhen — sie wusste, dass sie viel stehen würde.
Das Haus von Valentina Petrowna empfing sie mit dem vertrauten Geruch von Möbelpolitur und dem schwachen Aroma des Parfüms „Krasnaja Moskwa“.
Die Schwiegermutter war bereits in ihrem besten Kostüm gekleidet — dunkelblau, mit einer Brosche in Blumenform am Revers.
— Katjuschka, wie gut, dass du gekommen bist! — sie umarmte die Schwiegertochter, aber irgendwie förmlich, mehr fürs äußere Bild.
— Ich habe schon angefangen zu kochen, aber die Kräfte sind nicht mehr die gleichen.
Das Alter, weißt du.
Katja ließ den Blick über die Küche schweifen.
Auf dem Tisch lagen geschnittene Gemüse, im Kühlschrank standen Schüsseln mit vorbereiteten Zutaten.
Valentina Petrowna hatte offenbar schon einiges geschafft.
— Was soll ich machen? — fragte Katja und band sich die Schürze um.
— Hier muss der Olivier-Salat fertiggemacht werden, — die Schwiegermutter zeigte auf eine Schüssel mit Kartoffeln und Möhren.
— Und dann machst du Hering unter dem Pelzmantel.
Das Rezept kennst du, ich hab’s dir beigebracht.
Und den Tisch schön decken — eine gute Tischdecke, Servietten auslegen.
Katja machte sich an die Arbeit.
Sie kochte immer sorgfältig, mit Liebe, aber heute fühlte sie eine merkwürdige Anspannung.
Valentina Petrowna schaute ständig in die Küche, machte Bemerkungen: „Schneid die Möhre feiner“, „Spare nicht am Mayo“, „Vergiss die Petersilie nicht“.
Gegen halb vier war der Tisch gedeckt.
Eine weiße Tischdecke, Kristallschnapsgläser, schöne Teller mit Blumenmuster.
Katja stellte Salate, Aufschnitt und das warme Gericht hin.
Alles sah festlich und appetitlich aus.
— Na also, wunderschön! — lobte Valentina Petrowna und betrachtete den Tisch.
— Jetzt kommen die Mädels, die werden sich freuen.
Als Erste kam Lidia Iwanowna — eine korpulente Frau mit grauen Haaren, zu straffen Locken gelegt.
Danach Nina Sergejewna, hager und streng, mit einer Brille an einer Kette.
Zuletzt erschien Tamara Fjodorowna — die Jüngste der Gruppe, obwohl sie schon über sechzig war.
Katja begrüßte die Gäste im Flur, nahm die Mäntel entgegen und bot Hausschuhe an.
Die Frauen benahmen sich etwas zeremoniell, als würden sie nicht nur das Haus, sondern auch sie selbst beurteilen.
— Oh, wie schön! — schwärmte Lidia Iwanowna, als sie ins Wohnzimmer trat.
— Walja, bei dir ist alles wie in einer Zeitschrift!
— Das hat Katja gemacht, — antwortete Valentina Petrowna, aber in ihrer Stimme lag keine besondere Wärme.
— Sie ist bei uns eine richtige Handarbeiterin.
Die Gäste setzten sich an den Tisch, und Katja begann Tee einzuschenken und Vorspeisen zu reichen.
Sie fühlte sich etwas unbehaglich — die Frauen sprachen über Leute, die sie nicht kannte, über eine Arbeit, mit der sie nichts zu tun hatte.
Doch nach und nach wurde die Atmosphäre lockerer.
— Und erinnert ihr euch, wie wir mit Walja auf Dienstreise waren? — erzählte Nina Sergejewna.
— Nach Rostow, glaube ich.
Oder nach Woronesch?
Ach, egal!
Hauptsache, im Hotel haben sie uns in ein Zimmer gesteckt, und es gab nur ein Bett!
Die Frauen lachten, und Katja lächelte ebenfalls.
Sie stellte ein Schälchen mit Zitrone auf den Tisch und nahm sich, ohne nachzudenken, einen Teller aus dem Schrank.
Automatisch legte sie sich etwas Salat auf, nahm ein Stück Brot.
In diesen zwei Stunden war sie müde geworden, sie wollte sich wenigstens eine Minute setzen.
— Und ich erinnere mich, wie unsere Waletschka… — begann Tamara Fjodorowna, verstummte aber plötzlich.
Katja hob den Blick und sah, dass alle sie anstarrten.
Valentina Petrowna saß kerzengerade, die Lippen zusammengepresst, die Augen funkelten.
— Und warum hast du dich an den Tisch gesetzt?
Deine Aufgabe ist es, uns das Essen zu servieren, — brüllte die Schwiegermutter direkt vor den Gästen.
Die Worte trafen Katja wie eine Ohrfeige.
Sie spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss, das Herz schneller schlug.
Langsam legte sie die Gabel auf den Teller, unfähig zu glauben, was gerade passierte.
Die Gäste verstummten.
Lidia Iwanowna starrte in ihren Teller, Nina Sergejewna rückte ihre Brille zurecht.
Tamara Fjodorowna räusperte sich.
— Valentina Petrowna, ich… — begann Katja, aber ihre Stimme versagte.
— Was „ich“? — die Schwiegermutter hatte nicht vor nachzugeben.
— Wir unterhalten uns mit den Freundinnen, und du hast dich hier breitgemacht.
Irgendwie unpassend.
Katja wollte aufstehen, aber ihre Beine gehorchten nicht.
Die Demütigung war so unerwartet und so schmerzhaft, dass sie einfach nicht wusste, wie sie reagieren sollte.
— Ich finde, Walja hat recht, — meldete sich plötzlich Nina Sergejewna zu Wort.
— Die Jugend muss die Älteren respektieren.
Erst bedient sie uns, und dann kann sie selber essen.
— Natürlich, natürlich, — stimmte Lidia Iwanowna eifrig zu.
— Zu unserer Zeit war das selbstverständlich.
Erst die Älteren, dann die Jüngeren.
Ordnung muss sein.
— Und außerdem, — fügte Tamara Fjodorowna hinzu, — es ist Aufgabe der Jungen zu helfen.
Wir haben schon unseren Dienst getan, wir haben Ruhe verdient.
Katja hörte diesen Chor der Stimmen und spürte, wie in ihr etwas zerbrach.
Sie hatte immer versucht, eine gute Schwiegertochter zu sein, hatte geholfen, sich nie beschwert.
Und nun stellte man sie auf ihren Platz, wie eine Dienstmagd.
— Ich habe zwei Stunden lang gekocht, — sagte sie leise.
— Ich habe aufgeräumt, den Tisch gedeckt.
— Na und? — Valentina Petrowna zuckte mit den Schultern.
— Das ist deine Pflicht.
Ich habe dich nicht gezwungen, du hast selbst angeboten zu helfen.
— Angeboten zu helfen, nicht zu bedienen, — Katjas Stimme wurde fester.
— Oh, wie stolz wir sind! — lachte Nina Sergejewna.
— Zu unserer Zeit kannten Schwiegertöchter ihren Platz.
— Eure Zeit ist im letzten Jahrhundert geblieben, — schnitt Katja ab, und die Frauen waren wie vor den Kopf gestoßen.
Es entstand eine schwere Stille.
Valentina Petrowna wurde vor Zorn bleich.
— Wie wagst du das! — zischte sie.
— In meinem Haus, vor meinen Gästen!
— In Ihrem Haus hat man mich gedemütigt, — Katja stand auf und begann, die Schürze aufzuknoten.
— So hat mich noch niemand gedemütigt.
— Katja, mach das nicht so, — versuchte Lidia Iwanowna einzugreifen.
— Walja hat es doch nicht böse gemeint…
— Ob böse gemeint oder nicht, ist mir egal, — Katja zog die Schürze aus und warf sie auf den Tisch, direkt in Richtung der Schwiegermutter.
— Ich bin keine Bedienung.
Ich bin ein Familienmitglied.
— Was für ein Familienmitglied noch! — empörte sich Valentina Petrowna.
— Du bist mit meinem Sohn verheiratet und musst…
— Musst, musst, — unterbrach Katja sie.
— Die ganze Zeit sagt mir jemand, was ich muss.
Und was müsst ihr?
Mich respektieren?
Mich für die Hilfe bedanken?
Oder muss nur ich und habe keine Rechte?
Sie nahm ihre Handtasche und ging zur Tür.
— Na seht ihr, Mädels, — Valentina Petrownas Stimme zitterte vor Empörung, — so ist die heutige Generation.
Verwöhnt, respektlos.
Wir haben in ihrem Alter verstanden, was Pflicht und Verantwortung sind.
— Natürlich, — stimmte Nina Sergejewna zu.
— Total aus dem Ruder gelaufen.
Kein Schamgefühl, kein Gewissen.
— Und vor allem Undankbarkeit, — ergänzte Tamara Fjodorowna.
— Walja ist ihr wie eine eigene Mutter, und sie…
Katja blieb in der Tür stehen.
— Eine eigene Mutter würde ihr Kind niemals so demütigen, — sagte sie, ohne sich umzudrehen.
— Und ihr könnt ruhig weiterreden.
Aber bedenkt: Eure Kinder können euch auch hinter eurem Rücken besprechen.
Die Tür fiel zu, und Katja stand auf dem Treppenabsatz.
Ihre Hände zitterten, Tränen stiegen ihr in die Augen, aber sie hielt sich zurück.
Erst als sie unten auf der Straße war, erlaubte sie sich zu weinen.
Zu Hause saß Katja in der Küche, trank Tee und versuchte, sich zu beruhigen.
Andrej kam gegen neun zurück, fröhlich und gebräunt.
— Hallo, Schatz! — er küsste sie auf die Wange.
— Wie lief es bei Mama?
Katja sah ihn an und konnte plötzlich die Tränen nicht mehr zurückhalten.
— Was ist passiert? — Andrej setzte sich neben sie und legte einen Arm um ihre Schultern.
— Deine Mutter… — Katja schluchzte.
— Sie hat mich vor allen gedemütigt.
Sie sagte, meine Aufgabe sei es, Essen zu servieren, und nicht am Tisch zu sitzen.
— Wie bitte? — Andrej runzelte die Stirn.
Katja erzählte alles ganz genau.
Wie sie gekocht hatte, wie sie den Tisch gedeckt hatte, wie sie nur kurz essen und ausruhen wollte.
Wie die Schwiegermutter sie vor den Gästen zurechtwies und die Gäste ihr beipflichteten.
— Verstehst du, es waren nicht mal nur die Worte, sondern wie sie es gesagt hat, — Katja wischte sich die Tränen ab.
— Als wäre ich kein Mensch, sondern irgendeine Dienstkraft.
Und vor allen!
Mir war so peinlich, so weh hat es getan.
Andrej schwieg, aber an seinem Gesicht sah man, dass er wütend war.
— Wie konnte sie es wagen! — platzte es schließlich aus ihm heraus.
— Du bist die Frau ihres Sohnes, keine Putzfrau!
Du hast richtig gehandelt, dass du gegangen bist.
— Wirklich? — Katja sah ihn hoffnungsvoll an.
— Ich dachte, vielleicht war ich zu hart…
— Nichts mit „zu hart“, — Andrej schüttelte den Kopf.
— Mama überschreitet schon lange jede Grenze.
Sie glaubt, sie darf alles.
Morgen fahre ich zu ihr und erkläre ihr, wie das läuft.
— Mach keinen Skandal, — bat Katja.
— Sprich einfach mit ihr.
Vielleicht versteht sie es.
— Sie wird es verstehen, — versprach Andrej düster.
— Ich erkläre ihr alles.
Damit so etwas nie wieder passiert.
Katja schmiegte sich an ihren Mann und spürte, wie die Anspannung endlich nachließ.
Sie hatte recht.
Sie hatte richtig gehandelt.
Und das Wichtigste: Andrej stand auf ihrer Seite.
— Weißt du, — sagte sie leise, — ich dachte, ich müsste das alles um der Familie willen ertragen.
Aber heute habe ich verstanden: Familie sind nicht nur Pflichten.
Familie ist auch Respekt.
— Natürlich, — Andrej umarmte sie fester.
— Und ab morgen wird Mama das begreifen.
Ich verspreche es.
Und im Haus von Valentina Petrowna diskutierten die Gäste noch lange über die „Undankbarkeit“ der jungen Generation, doch die festliche Stimmung war hoffnungslos verdorben.
Die Salate blieben fast unberührt, und die Gastgeberin konnte dieses unangenehme Gefühl in der Seele nicht abschütteln.
Vielleicht verstand sie tief im Herzen, dass sie im Unrecht gewesen war.
Aber das zuzugeben hätte bedeutet, ihr ganzes System von Ansichten über Familie, über Beziehungen, darüber, wer wem was schuldet, zu verändern.
Und das war zu schwer für eine Frau, die gewohnt war, sich selbst für das Zentrum des Universums zu halten.
Deshalb redete sie sich lieber ein, dass sie recht gehabt hatte und Katja einfach verwöhnt und respektlos sei.
So war es einfacher.
So war es vertrauter.
Aber Familienbeziehungen sind kein Spiel auf ein Tor.
Und früher oder später muss jeder eine Entscheidung treffen: sich zu verändern oder nahestehende Menschen zu verlieren.
Valentina Petrowna traf ihre Entscheidung an diesem Samstagabend.
Und nun musste sie mit den Folgen leben.







