— **Deine Mutter kommt für die ganzen Ferien zu uns?!**

**Dann sitzt du eben mit ihr da, und ich bin weg!**

Lena stand am Fenster und sah in den verschneiten Hof, wo der Hausmeister hartnäckig die Wege vom frischen Schnee freischaufelte.

Neunundzwanzigster Dezember.

Noch zwei Arbeitstage, und dann beginnen die lang ersehnten Ferien.

Fast zwei Wochen Freiheit!

Sie hatte schon alles geplant: eine Skitour im Serebrjany Bor, die Aiwasowski-Ausstellung in der Tretjakow-Galerie, zu der sie es im Herbst nicht geschafft hatte, ein Silvesteressen bei Marina und Sergej, und am dritten Januar wollten sie mit Igor für ein paar Tage nach Susdal fahren.

Das volle Programm für den perfekten Urlaub.

— Lena, wo bist du? — Igors Stimme drang aus dem Flur herüber.

— In der Küche!

Ihr Mann erschien in der Tür und rieb sich die Hände vor Kälte.

Nach seinen abendlichen Läufen fror er immer, selbst in Thermounterwäsche.

— Hör mal, ich hab Neuigkeiten, — begann er und goss sich Tee aus dem Wasserkocher ein.

— Mama hat angerufen.

Lena wurde wachsam.

Wenn Igor den Satz genau so begann, kam meistens etwas, das ihm selbst nicht besonders gefiel, womit er sich aber schon abgefunden hatte.

— Und?

— Na ja, sie wollte schon lange zu uns kommen und richtig zu Besuch bleiben.

Und jetzt sind die Feiertage so lang, fast zwei Wochen!

Da dachte sie, das wäre eine perfekte Gelegenheit…

Lena stellte ihre Tasse langsam auf den Tisch.

— Igor, willst du mir sagen, dass deine Mutter in den Ferien zu uns kommt?

— Nicht nur kommt. — Er versuchte sichtbar zu lächeln, aber es wirkte nicht überzeugend.

— Für die ganzen Ferien.

Vom einunddreißigsten bis zum achten Januar.

Vielleicht sogar bis zum neunten.

Die Stille hing schwer und angespannt in der Luft, wie eine gespannte Saite.

— Moment, — Lena atmete langsam aus und spürte, wie in ihr eine Welle der Empörung hochstieg.

— Du hast schon zugestimmt?

— Na ja… im Grunde ja.

Sie hat sich so gefreut, Lena.

Sie sagt, dass sie uns schon lange nicht mehr richtig gesehen hat, alles immer nur im Vorbeigehen.

Und stimmt ja auch: Das letzte Mal war sie im Mai bei uns, nur übers Wochenende.

— Igor, — Lena spürte, wie ihre Wangen heiß wurden, — ist es dir nicht eingefallen, mich vorher zu fragen?

— Lena, es ist doch meine Mutter…

— Eben!

Deine Mutter!

Und die Wohnung gehört uns beiden!

Und die Ferien gehören uns beiden! — Lenas Stimme wurde lauter.

— Oder hast du vergessen, was wir geplant hatten?

Ski, Susdal, Ausstellungen?

— Wir können das verschieben…

— Verschieben?! — Lena stand vom Tisch auf.

— Igor, ich habe das ganze Jahr gearbeitet wie eine Irre!

Die letzten zwei Monate habe ich wegen dieser verdammten Ausschreibung überhaupt nicht mehr gerade stehen können!

Ich habe von diesen Ferien geträumt, ich habe alles durchgeplant!

Und jetzt was?

Ich soll zwei Wochen lang zuhören, wie Galina Petrowna meine Küche kommentiert, meinen Haushalt, meine Arbeit und überhaupt mein ganzes Leben?

— Du übertreibst…

— Ich übertreibe?! — Lena spürte, wie sie gleich explodiert.

— Letztes Mal hat sie in zwei Tagen geschafft, mir zu sagen, dass meine Gardinen falsch hängen, die Suppe versalzen ist und Karrieristinnen wie ich selten gute Ehefrauen sind!

Zwei Tage, Igor!

Und jetzt sollen es zwei Wochen sein!

— Mama hat das nicht so gemeint…

— Ja, ja, sie meint das nie so! — Lena nahm ihre Tasse und trug sie zum Spülbecken.

— Weißt du was, ich habe entschieden.

Deine Mutter kommt für die ganzen Ferien zu uns?!

Dann sitzt du eben mit ihr da, und ich bin weg!

— Lena, was ist los?

Wohin gehst du denn?

— Zu Katja!

Sie hat sowieso vorgeschlagen, zusammen Silvester zu feiern, aber ich habe abgesagt, weil wir Pläne hatten.

WIR, Igor!

Und jetzt habt ihr beide, du und deine Mama, Pläne — und ich habe meine.

Igor starrte sie verwirrt an, als würde er noch immer nicht glauben, dass das wirklich passiert.

— Lena, lass uns doch normal reden…

— Normal? — Sie drehte sich zu ihm um.

— Normal ist, wenn du ZUERST mit mir sprichst und DANN jemanden einlädst, zwei Wochen bei uns zu wohnen!

Normal ist, wenn du meine Pläne und meine Meinung respektierst!

Und das, was du gemacht hast, heißt: Du stellst mich vor vollendete Tatsachen!

Lena verließ die Küche und ließ Igor mitten im Raum stehen, mit einem schuldigen Gesicht.

Im Schlafzimmer nahm sie ihr Handy und wählte Katjas Nummer.

— Hallo, Freundin! — Katjas Stimme klang munter und fröhlich.

— Warum rufst du so spät an?

— Katja, ist dein Angebot, zusammen Silvester zu feiern, noch aktuell?

— Und wie!

Ich dachte, du wolltest mit Igor…

— Pläne haben sich geändert, — Lena lachte trocken.

— Seine Mutter kommt.

Für die ganzen Ferien.

— Oh Gott, — zog Katja das Wort in die Länge.

— Die, die dir letztes Mal eine komplette Analyse wegen deines Kleides fürs Firmenfest gehalten hat?

— Genau die.

Nur hat sie jetzt ganze zwei Wochen Zeit für Analysen.

— Dann pack deine Sachen und komm zu mir!

Ich habe einen Plan, besser geht’s nicht: Am einunddreißigsten feiern wir zu Hause Silvester, mit Sekt und meinem eigenen Olivier-Salat.

Am zweiten gehen wir Schlittschuhlaufen im Gorki-Park.

Am dritten ins Planetarium, das wollte ich schon ewig!

Am vierten habe ich Geburtstag, hast du das vergessen?

Und dann schauen wir weiter.

Wir improvisieren!

— Klingt perfekt, — Lena spürte, wie die Spannung ein Stück nachließ.

— Ich komme morgen nach der Arbeit vorbei.

Als sie auflegte, stand Igor in der Tür.

— Meinst du das ernst?

— Absolut.

— Lena, das ist doch Unsinn!

Wir sind eine Familie, wir müssen die Feiertage zusammen verbringen!

— Müssen, — nickte sie.

— Aber Familie heißt, dass man Entscheidungen zusammen trifft.

Und du hast allein entschieden.

Also genieß das Ergebnis.

Am Abend des dreißigsten Dezember packte Lena eine Tasche.

Igor lief nervös durch die Wohnung, versuchte sie mal zum Bleiben zu überreden, mal beschuldigte er sie, kindisch und egoistisch zu sein.

— Meine Mutter gibt sich Mühe, sie will Zeit mit uns verbringen, und du gehst demonstrativ weg!

Wie sieht das aus?

— Und wie sieht es aus, dass du mich nicht einmal gefragt hast? — parierte Lena ruhig und packte ihre Kosmetiktasche ein.

— Igor, ich will keinen Streit.

Ich will einfach nur ausruhen.

Wenn du das nicht möglich machst, mache ich es selbst.

— Aber morgen ist Silvester!

— Ich weiß.

Ich werde Silvester feiern.

Mit Katja.

Fröhlich, ohne Predigten und Ratschläge, wie man richtig lebt.

Übrigens: Grüße an deine Mutter.

Du musst ihr nicht sagen, dass ich extra gegangen bin.

Denk dir was aus — Dienstreise oder kranke Freundin.

Sie nahm die Tasche und ging zur Tür.

Auf der Schwelle drehte sie sich um.

— Und noch eins, Igor.

Denk mal in Ruhe darüber nach, wer wichtiger ist: Frau oder Mutter.

Denn beim nächsten Mal gehe ich vielleicht nicht nur für die Ferien, sondern für immer.

Die Tür schloss sich.

Igor blieb mitten im Flur stehen, starrte auf den Platz, wo Lena eben noch gestanden hatte, und begriff zum ersten Mal in diesen Tagen wirklich, was er angerichtet hatte.

Bei Katja war es gemütlich.

Eine kleine Zweizimmerwohnung an den Tschistyje Prudy, ein Weihnachtsbaum in der Ecke des Wohnzimmers, Lichterketten an den Fenstern.

Sie feierten Silvester mit Gläsern Sekt, lachten über alberne Witze im Fernsehen und schmiedeten Pläne für die nächsten Tage.

— Auf die Freiheit! — rief Katja und hob ihr Glas.

— Auf die Freiheit und auf Freundinnen, die einen immer retten, — stimmte Lena zu.

Igor schrieb ihr Nachrichten: zuerst Glückwünsche, dann Entschuldigungen, dann Beschwerden darüber, wie Mama seine Ordnung und sein Kochen kritisierte.

Lena antwortete kurz und beherrscht.

Sie war nicht mehr wütend — sie ruhte sich aus.

Am zweiten Januar liefen sie Schlittschuh, und zum ersten Mal seit vielen Monaten fühlte Lena sich wirklich unbeschwert.

Am dritten gingen sie ins Planetarium, und am Abend rief Igor an.

Seine Stimme klang irgendwie gehetzt.

— Lena, wie geht’s dir da?

— Großartig.

Und dir?

Pause.

— Mama fragt, warum ich die Pelmeni nicht im richtigen Topf koche.

Offenbar gibt es einen speziellen Topf nur für Pelmeni.

Lena grinste.

— Ach wirklich?

Höre ich zum ersten Mal.

— Und außerdem findet sie, ich falte die Handtücher im Schrank falsch.

Und ich spüle falsch.

Und überhaupt lebe ich falsch.

— Igor, rufst du an, um dich zu beschweren, oder willst du mir etwas sagen?

Noch eine Pause, länger.

— Ich… ich fange an zu verstehen, was du gefühlt hast.

Sie gibt wirklich alle halbe Stunde Tipps.

Zu allem.

Als wäre ich kein erwachsener Mann, sondern ein fünfjähriges Kind.

— Stell dir vor, mir sagt sie das jedes Mal, wenn sie kommt, — Lena konnte sich einen leichten Sarkasmus nicht verkneifen.

— Weil ich nicht ihr Sohn bin, und es ihr leichter fällt, mir meine Fehler aufzuzählen.

— Lena…

— Igor, ich will am Telefon keine Beziehungsklärung.

Wir sehen uns nach den Ferien.

Sie legte auf und ging zurück ins Wohnzimmer, wo Katja bereits für das Geburtstagsessen den Tisch deckte.

Am vierten Januar, an Katjas Geburtstag, kamen noch ein paar Freunde dazu.

Sie lachten, spielten Brettspiele, tranken Wein und redeten über Pläne fürs neue Jahr.

Lena spürte: Das ist echte Erholung.

Genau so, wie sie es sich erträumt hatte.

Ihr Handy platzte fast vor Igors Nachrichten.

Erst schrieb er, wie Mama seine Freunde kritisierte („Sergej und Marina haben immer noch keine Kinder, das ist falsch“), dann, wie sie in der Küche das ganze Geschirr umgeräumt hatte („So ist es praktischer, mein Sohn“), und dann kam etwas Neues.

„Lena, Mama sagt, wir leben falsch.

Du arbeitest zu viel, ich verdiene zu wenig.

Wir sollen endlich Kinder kriegen, sonst ist es bald zu spät.

Deine Arbeit sei keine Arbeit für eine Frau.

Ich höre mir das den ganzen Tag an.“

„Lena, sie ist unzufrieden, dass ich Pizza zum Abendessen bestellt habe.

Sie sagt, eine normale Familie muss Hausmannskost essen.“

„Lena, verzeih mir.

Ich habe wirklich nicht gedacht, dass es so schwer wird.“

Lena zeigte Katja die Nachrichten, und Katja schüttelte nur den Kopf.

— Männer verstehen nie, bis sie es selbst durchmachen.

Halte durch, Freundin.

Soll er es mal richtig spüren.

Am Morgen des fünften Januar rief Igor wieder an.

— Lena, ich will dir was sagen.

— Ich höre.

— Ich… ich habe Mama angelogen.

Ich habe gesagt, dass ich dringend zur Arbeit muss.

Dass es irgendeinen Notfall gibt, und ich morgen, am sechsten Januar, raus muss.

Lena schwieg und verarbeitete das.

— Ich schicke sie heute Abend nach Hause.

Ich habe ein Zugticket gekauft.

Ich habe gesagt, es tut mir leid, aber man kann nichts machen — Arbeit.

— Igor…

— Ich weiß, was du jetzt sagst.

Dass ich feige bin.

Dass ich die Wahrheit hätte sagen müssen.

Aber ich kann nicht, Lena.

Ich kann körperlich nicht noch drei Tage hören, wie wir falsch leben.

Was du für eine falsche Frau bist.

Was ich für ein falscher Sohn bin.

Ich… ich bin müde.

Nach fünf Tagen bin ich so müde, dass ich selbst abhauen könnte.

In seiner Stimme lag so ehrliche Erschöpfung, dass Lena unwillkürlich weicher wurde.

— Was willst du?

— Ich will, dass du nach Hause kommst.

Ich will mich richtig entschuldigen, nicht am Telefon.

Ich will, dass wir den Rest der Ferien so verbringen, wie du es geplant hast.

Ski, Ausstellung, Freunde, Susdal — alles, was du willst.

Nur bitte komm zurück.

Lena sah aus dem Fenster.

Der Schnee fiel in großen Flocken und deckte die Stadt wie mit einem weißen Tuch zu.

— Gut, — sagte sie schließlich.

— Aber erst morgen.

Heute bleibe ich bei Katja.

— Abgemacht.

Und Lena?

— Ja?

— Verzeih mir.

Wirklich, verzeih mir.

Ich war ein kompletter Idiot.

Am Abend des sechsten Januar kam Lena nach Hause zurück.

Igor empfing sie an der Tür mit einem riesigen Rosenstrauß und einem schuldbewussten Lächeln.

— Mama ist um zehn Uhr morgens gefahren.

Natürlich war sie beleidigt, aber ich habe mir ausgedacht, dass die Chefs mit Kündigung gedroht haben, wenn ich nicht erscheine.

Sie hat gemeckert, aber sie ist gefahren.

Die Wohnung glänzte vor Sauberkeit.

Igor hatte offensichtlich den ganzen Tag geputzt und aufgeräumt.

— Ich habe einen Plan für die restlichen Tage gemacht, — sagte er und führte Lena in die Küche, wo ein Blatt Papier mit einem Zeitplan auf dem Tisch lag.

— Am siebten: Tretjakow-Galerie, Aiwasowski-Ausstellung.

Am achten: Ski im Serebrjany Bor, wenn das Wetter mitspielt.

Und am neunten und zehnten habe ich mir noch zwei freie Tage genommen — wir fahren nach Susdal, wie geplant.

Ich habe das Hotel schon gebucht.

Lena sah auf das Blatt, auf dem in Igors sauberer Handschrift all ihre Urlaubsträume standen, und spürte, wie das letzte Eis der Kränkung schmolz.

— Igor, hast du es wirklich verstanden?

Er nickte.

— Verstanden.

Verstanden, wie es für dich jedes Mal war, wenn Mama kam.

Verstanden, warum du wütend wurdest, wenn ich Entscheidungen ohne dich getroffen habe.

Und das Wichtigste: Du bist nicht einfach nur meine Frau, du bist mein Partner.

Und mit einem Partner muss man sich beraten.

Immer.

Lena umarmte ihn.

— Weißt du, ich habe auch etwas verstanden.

Wenn man seine Grenzen nicht verteidigt, verteidigt sie niemand für einen.

Und manchmal muss man gehen, damit man wirklich gehört wird.

— Und trotzdem bist du zurückgekommen, — lächelte Igor.

— Ich bin zurückgekommen, — stimmte sie zu.

— Weil du anscheinend endlich erwachsen geworden bist.

Am siebten Januar schlenderten sie durch die Säle der Tretjakow-Galerie und bewunderten Aiwasowskis Meereslandschaften.

Am achten liefen sie Ski durch den verschneiten Serebrjany Bor, fielen in den Schnee und lachten wie Kinder.

Und am neunten setzten sie sich ins Auto und fuhren nach Susdal, wo sie zwei Tage durch alte Gassen bummelten, vor weißen Kirchen fotografierten und heiße Piroggen in kleinen, gemütlichen Cafés aßen.

— Das waren die besten Ferien, — sagte Lena am Abend des zehnten Januar, als sie über die verschneite Straße nach Hause fuhren.

— Finde ich auch, — nickte Igor.

— Und weißt du was?

Wenn Mama das nächste Mal kommen will, frage ich zuerst dich.

Und wir entscheiden zusammen, wann und wie lange wir sie einladen.

— Ein Wochenende reicht völlig, — lächelte Lena.

— Zwei Wochen sind zu viel, selbst für die allerliebste Schwiegermutter.

— Selbst für die allerliebste, — stimmte Igor zu und drückte ihre Hand.

Vor ihnen funkelten die Lichter Moskaus.

Die Ferien gingen zu Ende, aber Lena hatte das Gefühl, sie kehrte nicht nur in eine Wohnung zurück, sondern zu einem Menschen, der endlich gelernt hatte, ihr zuzuhören.

Und das war viel wert — mehr als jeder Urlaub und jeder Plan.

Manchmal muss man gehen, um zurückzukommen.

Und manchmal muss man auf seinem Standpunkt bestehen, damit eine Beziehung stärker wird.

Lena hatte das verstanden.

Und Igor offenbar auch.