Als im Mondlicht alle sahen, wer sich in den Pfingstrosenbüschen versteckte, flammte die alte Fehde zweier Familien mit neuer Wucht auf, denn unter den Fenstern stand ausgerechnet der, den sie am meisten hassten.
Doch weder die Großmutter mit dem Besen noch der jahrelange Krieg um ein Stück Land kannten ein Geheimnis, das an diesem Morgen ihr Leben für immer verändern würde.

Annas Schlaf war tief wie ein Strudel in einem alten Mühlteich.
Die Sonne vergoldete bereits die verblichenen Tapeten mit Kornblumen, drang durch die einfachen Baumwollgardinen und legte warme Lichtflecken auf ihre hellbraunen Haare, die sich über das Kissen verstreut hatten.
Die leichte Steppdecke war längst auf den Boden gerutscht – die stickige Nacht hatte sie aus dem Bett vertrieben.
Anna schlief so fest, als wäre sie in eine andere Wirklichkeit gefallen, um der Realität zu entkommen.
Aber vor der Realität rettet kein Federbett.
Die Stimme der Großmutter Agafja bohrte sich in ihren Schlaf wie ein Bohrer.
— Anka!
Wie lange willst du noch Brot verschwenden?
Raus aus den Federn, gleich ist Mittag! — Omas Stimme hatte trotz ihres Alters nichts von ihrer Donnerkraft verloren.
— Schau mal in den Vorgarten!
Was ist denn da wieder angerichtet?
Das Wort „Vorgarten“ wirkte wie ein kalter Guss.
Anna setzte sich ruckartig im Bett auf und stellte ihre nackten Füße auf den kalten, lackierten Holzfußboden.
Ihr Herz klopfte dumpf.
Sie strich sich eine Haarsträhne von der Stirn und lauschte.
Aus dem kleinen Nebenzimmer, wo Motja in einem geflochtenen Bettchen schlief, kam gleichmäßiges Schnaufen.
— Rühr das Kind nicht an, — fügte Agafja schon leiser hinzu, aber nicht weniger herrisch, während sie in den Hausflur trat.
— Lass ihn schlafen, unschuldige Seele.
Und du komm raus, wir müssen reden.
Anna seufzte, warf sich einen leichten Morgenmantel über und drehte sich die Haare im Gehen zu einem strengen Knoten, damit sie nicht am verschwitzten Nacken klebten.
Sie kannte diesen Ton.
Oma meckerte nicht einfach – sie führte eine Untersuchung.
— Was ist denn los, Omi? — Anna trat auf die Veranda und kniff die Augen vor dem grellen Licht zusammen.
Agafja stand am Vorgarten und stemmte die Hände in die Hüften.
Ihre dürre Gestalt im dunklen Sarafan und im weißen Kopftuch erinnerte an eine Krähe, die einen Wurm entdeckt hat.
Nur Freude war in dieser Entdeckung keine.
— Na, siehst du das? — die Alte stach mit dem Finger auf das plattgedrückte Gras direkt unter Annas Fenster.
Der Pfingstrosenbusch war rücksichtslos auseinandergedrückt, mehrere Knospen, die gestern noch kurz vorm Aufblühen standen, lagen zertrampelt auf der Erde.
Im feuchten Boden, noch vom Nachttau dunkel, zeichneten sich deutlich Abdrücke großer Männerstiefel ab.
Anna spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss und im nächsten Moment wieder wich.
— Vielleicht Motja? — ihre Stimme zitterte.
— Gestern waren wir hier mit ihm …
— Motja? — schnitt Oma ihr das Wort ab.
— Motja hat Füßchen wie ein Küken.
Und das hier?
Fünfundvierzig, mindestens.
Du willst mir doch keinen Honig ums Maul schmieren, Anka.
Diese Spuren kenne ich noch aus eigener Haut.
— Agafja legte ihrer Enkelin einen schweren, unbewegten Blick auf.
— Ich hab dir doch gesagt: Hüte deine Ehre von klein auf.
Einen hast du schon im Rocksaum hergebracht, wartest du jetzt auf den zweiten?
— Oma! — Anna fuhr auf, Tränen funkelten vor gekränkter Wut.
— Wagen Sie es nicht, so zu reden!
Ich erwarte niemanden!
— Und wer schleicht dann nachts zu dir, wie ein Dieb? — Agafja flüsterte, ihr runzliges Gesicht ganz nah an Annas.
— Ich bin nicht blind.
Vorgestern hab ich’s gesehen: ein Schatten hat sich am Zaun bewegt.
Ich dachte, ich bilde mir’s ein.
Und jetzt schau – der Beweis.
— Da ist niemand! — rief Anna fast, wie in die Enge getrieben.
Auf die Veranda trat Wera, Annas Mutter, und wischte sich die Hände an der Schürze ab.
Die dunklen Ringe unter ihren Augen verrieten chronische Müdigkeit – sie war gerade von der Nachtschicht in der Geflügelfabrik zurückgekommen.
— Mama, warum fängst du morgens gleich wieder Krieg an? — fragte Wera erschöpft und setzte sich auf die Bank.
— Lass die Leute schlafen.
— Schlafen! — Agafja schlug die Hände zusammen.
— Deine Tochter knutscht unter den Fenstern mit irgendwem, und du redest von Schlafen!
Pass auf, Wera, schlaf dich nur aus!
Sie trampelt dir nicht nur die Pfingstrosen nieder, sie trampelt dir auch den letzten Ruf in den Dreck!
— Mama, Schluss jetzt! — Wera hob die Stimme.
— Geh schon.
Wir klären das.
Und du, — sie wandte sich an Anna, — geh dich waschen.
Dann reden wir.
Agafja zog die Lippen zusammen, murmelte etwas von „Schamlosen“ und „liederlichem Volk“ und stapfte durchs Gartentor davon, das sie laut hinter sich zuschlug.
Stille trat ein, nur unterbrochen vom Zirpen der Grillen und vom empörten Gackern der Hühner, die Oma aufgescheucht hatte.
— Anja, — Wera sah ihre Tochter müde und scharf an.
— Wer war das?
Sag’s, wie es ist.
Ich werde nicht schimpfen.
Ich habe schon genug durchgemacht.
Anna schwieg, biss sich auf die Lippe und starrte in den Boden.
Die Wahrheit sagen?
Aber wie?
Jeden Sonntag zündet die Mutter in der Kirche eine Kerze an – für „Gesundheit und Ruhe“, und gleichzeitig dafür, dass es Jegor und seiner Familie „bloß nicht zu süß“ werde.
Wenn sie erfährt, dass Motjas Vater ausgerechnet Jegor ist, der Sohn von Klawka und Stepan – Menschen, die Wera wegen dieser alten Landstreiterei nicht ausstehen kann … das wäre ein Schlag.
Wera schleppt ohnehin alles: Arbeit, Garten, Omas ewiges Nörgeln.
Und dann noch so ein „Verrat“.
— Da war niemand, Mama.
Wirklich, — log Anna und spürte, wie ihr die Ohren verräterisch heiß wurden.
Wera seufzte, stand auf und ging ins Haus.
Sie glaubte ihr nicht.
Eine Woche verging.
Agafja inspizierte jeden Morgen den Vorgarten wie ein Grenzsoldat.
Doch es gab keine neuen Spuren.
Das Gras richtete sich wieder auf, die vergessenen Knospen welkten endgültig.
Aber beruhigt hat es die Alte nicht.
— Er hat sich verkrochen, der Kerl, — brummte sie und schielte zu Annas Fenster.
— Wart nur.
Du wirst schon sehen.
Nachts begann Agafja Wache zu halten.
Sie setzte sich auf die Bank vor ihrem Haus, in ein Schultertuch gewickelt, und starrte in die Dunkelheit.
Aber der Schlaf siegte.
Ihr Kopf nickte weg, und sie wachte erst im Morgengrauen wieder auf – durchgefroren und wütend.
Anna lebte derweil in ständiger Anspannung.
Tagsüber jätete sie, spielte mit Motja, der mit jedem Tag Jegor ähnlicher wurde – dieselben hellen Wirbelhaare, dasselbe sture Kinn.
Und nachts … nachts wartete sie.
Sie lauschte auf Rascheln, auf das Bellen der Nachbarhunde.
Ihr Herz klopfte irgendwo in der Kehle.
Das nächste Treffen war am Samstag.
Die Nacht war schwül, schwer, mondlos.
Der Himmel war von Wolken zugeschoben, ein Gewitter lag in der Luft.
Anna vergewisserte sich, dass die Mutter schlief – Motja schnarchte friedlich im Bettchen – und schlüpfte leicht wie eine Katze durchs offene Fenster.
Ihre nackten Füße versanken im kühlen, feuchten Gras des Vorgartens.
Im selben Augenblick packten sie starke Hände, hoben sie hoch und drückten sie an sich.
— Jegor, du Wahnsinniger, — hauchte sie in seine Schulter und roch den vertrauten Mix aus Machorka, Benzin und Sommernacht.
— Leise, leise, — seine Stimme, tief und etwas heiser, beruhigte.
— Ich hab dich vermisst.
Ich kann nicht ohne dich.
Ich finde keinen Platz mehr in mir.
Er sprang wieder über den niedrigen Lattenzaun und zog Anna mit.
Sie gingen am Zaun entlang, dorthin, wo das Brachland begann, überwuchert von Beifuß und Melde.
Dort, hinter einem alten zerbrochenen Wagen, war ihr Versteck.
— Wie geht’s euch hier? — fragte Jegor, ließ sich ins Gras sinken und zog Anna zu sich.
— Wie geht’s Motja?
Ich hab ihm was mitgebracht.
Ein Auto.
Ein Metallauto, so eins hatte ich als Kind. — Er zog aus der Jackentasche einen kleinen, aber schweren Lastwagen hervor.
— Danke, — flüsterte Anna und strich ihm über die Wange, die schon von ewiger Baustellenstaubigkeit angegraut war.
— Aber versteck dich nicht so.
Oma hat den ganzen Vorgarten abgesucht.
Sie hat Spuren gesehen.
Es gab einen riesigen Krach.
Ich hab mich nur mit Mühe rausgeredet.
— Warum verstecken wir uns überhaupt, Anja? — fragte Jegor mit Traurigkeit und Wut.
— Ich kann nicht mehr.
Ich schufte auf dem Bau, bald geben sie mir ein Zimmer im Wohnheim.
Pack Motja und komm.
Genug jetzt!
Wir sind erwachsene Menschen.
Der Junge ist anderthalb, und er sieht mich nur nachts.
— Und unsere Eltern? — fragte Anna leise.
— Deine und meine.
Die zerfleischen sich doch.
— Dann sagen wir ihnen nicht, wo wir wohnen, — grinste er schief.
— Oder wir sagen’s und stellen eine Bedingung: Entweder ihr passt friedlich auf den Enkel auf, oder ihr seht ihn gar nicht.
Ich bin müde von diesem Hass.
Wegen irgendeines Beetes, das niemandem was bringt, ruinieren wir unser Leben.
— Meine werden nicht verzeihen, — Anna schüttelte den Kopf.
— Meine Mutter erinnert sich bis heute an deine Klawdija … mit Worten, die man nicht sagen sollte.
— Und meine an deine.
Und?
Sollen wir bis zur Rente in Büschen sitzen? — Jegor nahm ihr Gesicht in die Hände und versuchte, in der Dunkelheit ihre Augen zu sehen.
— Ich liebe dich.
Seit der ersten Klasse liebe ich dich.
Weißt du noch, wie ich dir die Schultasche getragen habe und die Jungs uns ausgelacht haben?
Nichts hat sich geändert.
Nur trage ich jetzt nicht die Tasche, sondern unseren Sohn.
Entscheide dich, Anja.
Sonst erwischt dich deine Oma wirklich, und dann kommen wir aus der Schande nicht mehr raus.
Wenn wir jetzt in Ruhe gehen, ist’s gut.
Wenn nicht, müssen wir unter Geschrei und Flüchen weg.
— Noch ein bisschen, — bat Anna und drückte sich an seine Brust und lauschte, wie stark und schnell sein Herz schlug.
— Bis zum Herbst.
Wir ernten die Kartoffeln, ich helfe Mama, und dann fahren wir.
Ich gebe dir mein Wort.
— Im Herbst ist das Zimmer fertig.
Ganz sicher.
So machen wir’s, — stimmte Jegor zu.
Bevor er ging, schob er ihr ein paar Scheine, zu einer Rolle gedreht, in die Manteltasche.
— Kauft euch was.
Für dich und für Motja.
Anna kehrte in ihr Zimmer zurück, als der Osten schon heller wurde.
Sie schlich durch den Vorgarten und setzte die Füße vorsichtig, um kein Gras zu knicken.
Am Morgen kam Agafja, sah alles an und ging wieder, missmutig schnaubend.
Diesmal war alles sauber.
Aber Anna wusste, dass das nicht lange so weitergehen konnte.
Das Geheimnis drückte ihr die Luft ab.
Sie fühlte sich wie eine Diebin im eigenen Haus.
Das Einzige, was sie wärmte, war der Entschluss, im Herbst fortzugehen.
Diesen Entschluss trug sie in sich wie ein zweites Kind.
Die Woche flog vorbei, voll Arbeit.
Am Samstag legte Anna sich früh hin.
Motja schlief sofort ein, erschöpft vom Spielen mit dem neuen Auto.
Im Haus war es still.
Wera war zur Nachbarin gegangen, und Agafja, nachdem sie Gegenwind bekommen hatte, saß bei sich.
Anna lag mit offenen Augen da und lauschte.
Ans Fenster klopfte es leise – einmal, zweimal.
Ihr Herz machte einen Satz.
Jegor war da.
Sie glitt leicht wie ein Schatten durchs Fenster.
Im Vorgarten war es schwül, es roch nach den tagsüber aufgeheizten Blättern und nach verblühendem Flieder.
Jegor stand gleich da, an der Wand.
Er nahm sie in den Arm und küsste sie – lang, gierig.
— Komm, — flüsterte Anna und zog ihn tiefer in den Vorgarten, unter den Schutz der Büsche.
— Da ist es dunkler, von der Straße sieht man nichts.
Sie standen umschlungen, unfähig, sich voneinander zu lösen, und vergaßen alles.
Unter ihren Füßen knickte das Gras, die Büsche wurden auseinander gedrückt, aber es war ihnen egal.
Plötzlich zerschnitt ein scharfer, pfeifender Ton die Luft.
Der Schlag traf Jegor auf den Rücken.
Ein alter, zerrissener Besen peitschte noch einmal nach, zielte auf den Kopf.
— Ich hab’s doch gesagt!
Hab ich’s doch gesagt, hier laufen nachts so welche rum! — Agafjas Stimme klirrte vor „gerechtem Zorn“.
— Dich, du Schandkerl, krieg ich jetzt!
Anna schrie auf und stellte sich vor Jegor.
Doch er schob sie sanft, aber bestimmt beiseite und drehte sich zur rasenden Alten.
Der Besen sauste ein drittes Mal auf seine Schulter.
— Genug, Agafja Petrowna, — sagte er dumpf, packte den Besen und drückte ihn zur Seite.
— Ich komme selbst durch die Tür.
Wenn ihr mich reinlasst.
Agafja verstummte vor Überraschung.
Sie hob den Kopf und starrte in das Gesicht des Jungen.
Das Licht aus Annas Fenster fiel auf ihn und beleuchtete die markanten Züge, den hellen Schopf.
Oma wich zurück.
— Jegorka … Stepans Sohn? — hauchte sie, und in ihrer Stimme war statt Zorn plötzlich Angst.
— Du bist das?
Seid ihr verrückt geworden?
Raus aus meinen Augen!
In diesem Moment stürmte Wera auf die Veranda, von den Schreien geweckt.
Hinter ihr wuselte jaulend der Hund Kirka, der übrigens Jegor nicht anbellte, sondern schuldbewusst mit dem Schwanz wedelte – der Junge hatte ihm heimlich immer Knochen zugesteckt.
— Was ist hier los? — Wera erstarrte, als sie das Bild sah: Anna, an die Wand gedrückt, gegenüber Jegor und die Mutter mit dem Besen.
— Das ist los! — schrie Agafja und zeigte mit dem Finger.
— Da ist dein Rumtreiber!
Klawkas Brut!
Der ist das, der nachts zu uns klettert!
Der trampelt uns die Pfingstrosen platt!
— Stimmt das? — Wera trat näher und sah ihre Tochter an.
In ihrer Stimme lag so viel Müdigkeit und Schmerz, dass Anna es nicht mehr aushielt.
— Ja, — sagte Anna leise.
— Er ist es.
Er ist der Vater.
Motja.
Wir lieben uns.
Seit der siebten Klasse.
Über dem Vorgarten hing eine Stille, dick wie Harz.
Man hörte in der Ferne einen Hund bellen und eine Maus im Gras rascheln.
— Ihr liebt euch … — wiederholte Wera wie ein Echo.
— Also die ganze Zeit …
Du warst mit dem Sohn unserer Feinde zusammen?
Während ich mir den Rücken krumm gemacht habe, während wir mit deinem Vater dieses Land … — sie stockte.
— Und er?
Wusste er das? — Wera drehte sich scharf zu Jegor.
— Wusste er, dass deine Mutter meinem Mann das Herz herausgerissen hat?
Dass er nach dieser Streiterei liegen blieb und nie wieder aufstand?
— Wera Nikolajewna, — Jegors Stimme war fest, aber respektvoll.
— Meine Eltern sind auch nicht ohne Schuld.
Und ich bin nicht verantwortlich für ihre Taten.
So wie Anja nicht verantwortlich ist für Ihre.
Wir wollen als eigene Familie leben.
Ich habe Arbeit.
Bald habe ich ein Zimmer.
Ich liebe Ihre Tochter und will sie mit unserem Sohn in die Stadt holen.
Schon morgen.
— Morgen? — Agafja griff sich ans Herz.
— Wie wagst du das, du Welpe?
Wir haben sie großgezogen, und du …
— Und ihr habt sie fast zugrunde gerichtet! — platzte es aus Jegor heraus.
— Mit euren Vorwürfen und „Sei froh, dass du ohne Mann geboren hast“.
Glaubt ihr, sie hat nachts nicht geweint?
Ich weiß alles.
— Still! — rief Wera, aber in ihrer Stimme war keine Kraft mehr.
Sie sah ihre Tochter an.
— Anja … stimmt das?
Du gehst weg?
Mit ihm?
Lässt du uns zurück?
— Ich lasse euch nicht zurück, Mama, — Anna trat zu ihr, nahm ihre Hände.
Weras Hände waren rau, schwielig, rochen nach Erde und Zwiebeln.
— Ich will, dass Motja einen Vater hat.
Dass er nicht aufwächst wie ich … ohne väterliche Zärtlichkeit.
Du und Oma habt mir alles beigebracht.
Danke.
Aber mein Zuhause ist jetzt dort, wo Jegor ist.
Wera schwieg lange.
Dann sah sie Jegor an.
Zum ersten Mal seit vielen Jahren sah sie ihn nicht als Feindesbrut, sondern als Mann.
Groß, breit, der Blick geradeaus, die Hände stark.
Ein Beschützer.
Nicht wie so viele Säufer hier.
— Morgen also? — fragte sie heiser.
— Ja.
Morgens mit dem Bus.
Die Sachen sind schon gepackt, — sagte Jegor.
— Gepackt? — Agafja war fassungslos.
— Anka, also hinter meinem Rücken … ihr habt euch schon abgesprochen?
— Schluss jetzt, Mama, — schnitt Wera ihr das Wort ab.
— Geh nach Hause.
Morgen klären wir’s.
Der Morgen ist klüger als der Abend.
Agafja wollte widersprechen, doch als sie den harten Blick ihrer Tochter sah, winkte sie nur ab und verschwand in der Dunkelheit, noch immer Flüche murmelnd.
— Jegor, geh, — sagte Wera.
— Morgen um neun.
Komm.
Hol sie.
Wenn du lügst …
— Ich lüge nicht, — antwortete er kurz, küsste Anna auf die Stirn und löste sich in der Nacht auf.
Wera und Anna saßen bis zum Morgengrauen auf der Veranda.
Sie sprachen wenig.
Wera rauchte, obwohl sie seit fünf Jahren aufgehört hatte.
Anna schwieg und lehnte an der Schulter der Mutter.
Der Sonntagmorgen war hell, aber nervös.
Agafja, die die ganze Nacht nicht geschlafen hatte, kam im Morgengrauen.
Sie versuchte, zu beschämen, doch Wera fauchte sie so an, dass die Alte still wurde und sich um Motja kümmerte – zog ihm das beste Hemdchen an und kämmte die Wirbel.
Anna packte den Koffer.
Viel war es nicht.
Den Schal der Mutter und Omas Tuch legte sie ganz unten hinein – als Erinnerung.
Punkt neun knarrte das Gartentor.
Jegor kam herein.
Fein gemacht: saubere Jeans, weißes Hemd, ein Strauß wilder Margeriten für Anna und ein riesiger Plüschhase für Motja.
Motja erschrak zuerst, versteckte sich hinter Annas Rock, doch als er den Hasen sah, ging er vertrauensvoll auf seinen Vater zu.
— Na, fahren wir? — fragte Jegor und hob den Sohn auf den Arm.
Wera stand auf der Veranda, die Lippen zu einem Strich gepresst.
Agafja schluchzte in die Schürze.
Am Tor wartete eine Überraschung.
Dort standen Jegors Eltern – Klawdija und Stepan.
Klawdija, eine füllige Frau mit schwerem Blick, und Stepan, ein gebeugter, schweigsamer Mann.
Sie waren gekommen, hielten sich aber abseits am Straßenrand.
Klawdija sah Anna an, als wäre sie klebriger Schmutz.
— Sohn, wir sind gekommen, dich zu verabschieden, — sagte Stepan dumpf.
— Du … also … wenn was ist, helfen wir.
— Danke, Papa.
Wera und Klawdija trafen sich mit den Blicken.
Die Luft zwischen ihnen schien zu knistern.
Agafja bekreuzigte sich und flüsterte ein Gebet.
Und dann geschah etwas, das alles veränderte.
Motja, auf Jegors Armen, streckte plötzlich die Händchen nach Klawdija aus und rief hell:
— Baba!
Baba!
Das war sein neues Wort.
Er hatte es erst gestern gelernt und verwendete es nun für alle Frauen.
Doch jetzt traf es genau ins Schwarze.
Klawdija zuckte zusammen, ihr Gesicht bebte, die Strenge wich Verwirrung.
Sie machte einen Schritt vor.
— Gib mal her, — bat sie Jegor.
— Nur eine Minute.
Jegor reichte ihr den Sohn.
Klawdija drückte das Kind an die Brust, und über ihre Wange rollte eine Träne.
Sie hob den Blick zu Wera.
— Wera … Nikolajewna … — ihre Stimme brach.
— Wollen wir … den Kriegsbeil begraben?
Wozu war der ganze Zank überhaupt gut?
Wegen eines Gartens, der brachliegt.
Und wir haben … einen gemeinsamen Enkel.
Wera schwieg.
Dann nickte sie langsam, als müsste sie sich dazu zwingen.
Sie lächelte nicht, sie stürzte sich nicht in eine Umarmung.
Aber es war ein Zeichen des Waffenstillstands.
— In den Bus, bitte! — rief der Fahrer und hupte ungeduldig.
Jegor nahm Motja wieder auf den Arm, Anna küsste Mutter und Großmutter.
Sie stiegen in den Bus, und er rollte, ruckelnd, die staubige Straße entlang.
Im Fenster sah man, wie zwei Frauen – Wera und Klawdija – nebeneinander standen, hinterherblickten und sogar miteinander sprachen.
Ein Monat verging.
Dann ein zweiter.
Jegor bekam das versprochene Zimmer im Familienwohnheim.
Klein, nur zwölf Quadratmeter, aber es war ihres.
Anna nahm eine Stelle als Reinigungskraft auf derselben Baustelle an, damit sie dem Mann nicht zur Last fiel.
Motja ging in die Krippe.
Und im Dorf geschah ein Wunder.
Der Krieg, der länger als zehn Jahre gedauert hatte, war zu Ende.
Irgendwie von selbst.
Agafja traf Klawdija vor dem Laden, drehte sich nicht weg, sondern fragte, wie teuer Quark auf dem Markt sei.
Klawdija antwortete.
Dann kamen sie auf den Enkel zu sprechen.
Es stellte sich heraus, dass beide wahnsinnig Sehnsucht hatten.
Einen Monat später beschlossen Annas und Jegors Eltern nach einigem Beraten: Das verfluchte Grundstück, mit dem alles begonnen hatte, würde vom Unkraut befreit, und darauf würde ein kleines, aber solides Haus gebaut.
Für die Jungen.
Damit sie im Sommer mit dem Enkel kommen konnten, damit es ein eigenes Nest im Dorf gab.
— Wir brauchen doch kein Haus im Dorf, — wunderte sich Anna, als die Mutter anrief.
— Wir haben Arbeit, Wohnheim.
— Lehnt nicht ab, — sagte Wera.
— Das ist ein Geschenk.
Es soll da stehen.
Man weiß nie.
Das Leben ist lang.
Und außerdem … — sie schwieg kurz.
— Uns ist so ruhiger.
Dann haben wir einen Ort, an dem wir auf euch warten können.
Als Jegor die Nachricht hörte, schüttelte er nur den Kopf.
— Wunder gibt’s.
Ein Leben lang Feinde – und sobald ein gemeinsamer Enkel da ist, ist Frieden.
Und jetzt wollen sie auch noch ein Haus bauen.
— Das ist nicht der Enkel, Jegor, — lächelte Anna und sah zu, wie Motja seinen Metall-Laster über den Boden schob.
— Das ist die Liebe.
Sie ist stärker als jede Fehde.
Epilog.
Fünf Jahre später.
Anna stand am Fenster einer neuen Küche, in einem neuen Haus.
Genau dem Haus, das sie gemeinsam gebaut hatten.
Es roch nach frischer Farbe, Holz und Kuchen.
Im Hof rannten Motja und die kleine Katjuscha, ihre Tochter, die schon in der Stadt geboren wurde.
Agafja, ganz alt geworden, saß auf der Bank und wachte über die Enkel – aber ohne die frühere Schärfe.
Wera und Klawdija jäteten nebeneinander die Beete und redeten leise miteinander.
Jegor trat von hinten an sie heran und legte ihr die Arme um die Schultern.
— Woran denkst du?
— An Oma, — lächelte Anna.
— Weißt du noch, wie sie geschrien hat: „Hier laufen nachts so welche rum“?
Und jetzt sind diese „so welche“ wir selbst.
Und das ist unser Zuhause.
— Ja.
Ist gut geworden, — stimmte Jegor zu.
— Weißt du, was das Lustigste ist? — Anna drehte sich zu ihm.
— Oma hatte recht.
Unter dem Fenster lief wirklich jemand herum.
Und läuft immer noch.
Der wichtigste Mensch in meinem Leben.
Jegor küsste sie an die Schläfe.
— Komm, wir trinken Tee.
Mama hat Apfelkuchen gebacken.
Anna warf noch einmal einen Blick in den Vorgarten, denselben, der einst Zankapfel und Ort heimlicher Treffen gewesen war.
Dort blühten Pfingstrosen – Nachkommen derer, die damals zertrampelt wurden.
Das Leben ging weiter.
In Frieden und Eintracht.







