Als Ljuba mit ihrem Mann zur Datscha kam, blieb sie wie angewurzelt stehen – aus dem Haus dröhnte laute Musik.

Ljuba blieb am Gartentor stehen und erstarrte.

Aus dem Haus kam Musik.

Sie sah Iwan an, und ihr Mann runzelte die Stirn.

— Hast du irgendjemandem einen Schlüssel gegeben?

— Nein.

Nie.

Ljuba öffnete das Tor und ging in den Hof.

Der Schnee auf dem Weg war festgetreten, und sie zählte Spuren von mindestens fünf oder sechs Paar Schuhen.

Jemand war erst vor Kurzem mit einer größeren Gruppe hierhergekommen.

Sie besaßen dieses Grundstück in Wyriza schon seit dreißig Jahren.

Das Haus hatte noch Iwans Vater gebaut, später hatten sie selbst weitergebaut – die Veranda, den zweiten Stock, die Banja.

Die Kinder wussten, wo der Ersatzschlüssel unter der Veranda lag, aber sie riefen immer an, bevor sie kamen.

So war es in der Familie üblich.

Iwan stieg als Erster auf die Veranda.

Ljuba ging hinter ihm her und schaute zu den Fenstern des Wohnzimmers.

Hinter dem Vorhang huschten Schatten – drinnen bewegte sich jemand, jemand tanzte.

Sie erkannte die Silhouette des Buffetschranks, in dem das Porzellan ihrer Mutter aufbewahrt wurde, und ihr Herz zog sich bei einer bösen Vorahnung zusammen.

Sie waren nach Wyriza gefahren, um die Rohre zu überprüfen.

Jeden Februar bestand Iwan auf dieser Fahrt, weil sie einmal – vor etwa fünfzehn Jahren – diese Kontrolle ausgelassen hatten und ein Rohr im Keller bei Frost geplatzt war.

Sie hatten die ganze Leitungsführung austauschen müssen, und seitdem vertraute Iwan weder dem Wetter noch dem Glück.

Ljuba wollte nebenbei Marmelade aus der Grube holen.

Die Enkel liebten Erdbeermarmelade, und Masleniza war schon in zwei Wochen.

Sonja und Mischa, die Zwillinge, hatten im Januar ihren vierten Geburtstag gefeiert.

Ljuba erinnerte sich an dieses Fest bis ins kleinste Detail.

Maxim, ihr Sohn, hatte den Kuchen selbst aus der Küche getragen, die Kerzen angezündet, den Kindern beim Auspusten geholfen, die Stücke geschnitten und auf die Teller verteilt.

Alla, seine Frau, saß die ganze Zeit in der Ecke des Zimmers mit dem Handy in der Hand.

Sie ging nur ein einziges Mal zu den Kindern hin – als jemand ein Familienfoto machen wollte.

Sie lächelte in die Kamera, küsste Mischa auf den Scheitel und setzte sich wieder aufs Sofa.

Damals schwieg Ljuba.

Sie war in einer Familie aufgewachsen, in der man nicht hinter dem Rücken über Verwandte sprach.

Die Mutter hatte immer gesagt: Entweder sagst du es dem Menschen ins Gesicht, oder du behältst es für dich.

Aber was sollte man der Schwiegertochter sagen?

Dass sie eine schlechte Mutter ist?

Dass sie ihre Kinder nicht interessieren?

Ljuba hatte dazu kein Recht, denn Alla hätte antworten können: Und wer bist du, mich zu belehren?

Und trotzdem wurde es mit jedem Monat schwerer zu schweigen.

Iwan öffnete die Tür, und Ljuba trat ins Haus.

Im Flur roch es nach Rauch und nach etwas Süßem, wie ein Kirsch-Lufterfrischer.

Auf dem Boden lagen fremde Jacken.

Am Schlüsselhaken hing eine Damenhandtasche aus Lackleder.

Ljuba ging ins Wohnzimmer und sah sie.

Sechs oder sieben Leute hatten es sich im Zimmer so bequem gemacht, als wären sie bei sich zu Hause.

Zwei Mädchen saßen auf dem Sofa, ein junger Mann mit kurzem Bärtchen stand am Fenster mit einem Glas in der Hand.

Ein anderer lümmelte in Iwans Sessel, in dem ihr Mann sonst saß und Fernsehen schaute.

Auf dem Tisch standen Flaschen, Teller mit Käse- und Wurstresten, und ein Aschenbecher aus einer Kaffeetasse mit blau-weißem Gschel-Muster.

Alla saß auf der Armlehne des zweiten Sessels.

Sie trug ein kurzes schwarzes Kleid, offensichtlich nicht für eine Winterdatscha gedacht, und hochhackige Schuhe.

Sie hielt ein Sektglas und lachte über etwas, das eines der Mädchen gesagt hatte.

Als Ljuba hereinkam, hob Alla den Blick und hörte auf zu lachen.

Auf ihrem Gesicht lag Verdruss – wie bei einem Kind, das man bei einem Streich erwischt hat.

— Oh, — sagte sie und stand nicht auf.

— Ihr wolltet doch erst nächstes Wochenende kommen.

— Wir können an jedem Wochenende kommen, — antwortete Iwan.

Er sprach ruhig, aber Ljuba hörte die Spannung in seiner Stimme.

— Das ist unser Haus.

Erklär mir bitte, was hier passiert.

Alla zuckte mit den Schultern.

— Wir wollten mit Freunden entspannen.

Was ist denn dabei?

— Hast du um Erlaubnis gefragt?

— Bei wem?

Bei euch?

Der Mann mit dem Bärtchen schnaubte und drehte sich wieder zum Fenster.

Eines der Mädchen verdrehte die Augen und flüsterte der Freundin etwas zu.

Ljuba verstand die Worte nicht, aber am Ton merkte sie: nichts Gutes.

— Man kann hier kaum atmen, — sagte Ljuba.

Sie bemühte sich, gleichmäßig zu sprechen, ohne Gefühle, weil sie wusste: Wenn sie anfängt zu schreien, hört sie nicht mehr auf.

— Lüftet sich schon, — sagte Alla.

Iwan ging zum Buffetschrank und öffnete die Tür.

Ljuba sah, wie sich sein Gesicht veränderte.

Zwei Tassen aus dem Festservice standen nicht an ihren Plätzen, und bei einer war der Henkel abgesplittert.

Dieses Service hatte Ljubas Mutter gehört.

— Das ist das Porzellan meiner Schwiegermutter, — sagte Iwan, und seine Stimme zitterte.

— Ein Museumsstück.

— Ach komm, — der Mann mit dem Bärtchen drehte sich um.

— Wer braucht diesen Schrott?

In jedem Ikea kann man was Neues kaufen.

Ljuba sah, wie Iwan die Fäuste ballte.

In vierzig Ehejahren hatte sie gelernt, seinen Körper besser zu lesen als Worte.

Er hatte noch nie die Hand gegen jemanden erhoben, aber jetzt war er nah dran.

— Junger Mann, — sagte Iwan langsam und betonte jedes Wort.

— Sie befinden sich in einem fremden Haus.

— Komm schon, Alter, — Alla stand von der Armlehne auf.

— Mach nicht so ein Drama.

Es ist doch nichts Schlimmes passiert.

— Ich bin nicht dein Vater! — rief Iwan.

— Ich bin der Vater deines Mannes.

Und ich will wissen: Wo sind Sonja und Mischa jetzt?

Die Frage erwischte Alla unvorbereitet.

Sie erstarrte einen Moment, und die Hand mit dem Glas blieb in der Luft stehen.

— Zu Hause natürlich.

Bei Maxim.

— Weiß Maxim, dass du hier bist?

Alla antwortete nicht.

Sie stellte das Glas auf den Tisch, verschränkte die Arme und sah die Schwiegermutter von unten nach oben an, obwohl sie einen Kopf größer war.

Ljuba trat näher.

Sie sah ihre Schwiegertochter an und versuchte zu begreifen, was in ihrem Kopf vorging.

Eine dreißigjährige Frau mit zwei kleinen Kindern veranstaltet an einem Wochentag eine Party in einer fremden Datscha.

Der Mann ist bei der Arbeit.

Die Kinder sind irgendwo.

— Alla, — sagte Ljuba leise, damit nur die Schwiegertochter es hörte.

— Du hast vierjährige Zwillinge.

Sie können sich kein Essen kochen.

Sie verstehen nicht, warum Mama weggefahren ist und wann sie zurückkommt.

Wie konntest du sie für eine Party alleinlassen?

— Sie sind beim Vater.

Maxim hat sich freigenommen, alles ist gut.

— Bist du sicher?

Alla antwortete nicht.

Sie sah zu ihren Freunden, und Ljuba bemerkte, wie sich deren Gesichter veränderten.

Vor einer Minute hatten sie die Hausbesitzer mit Spott und Ärger angesehen.

Jetzt lag etwas anderes in ihren Blicken – Neugier oder sogar Urteil.

— Na gut, — sagte Alla laut und klatschte in die Hände.

— Okay, Leute, raus hier.

Die Alten haben recht, wir hätten hier nicht herkommen sollen.

Los, wir machen woanders weiter.

Die Gruppe packte etwa zehn Minuten.

Ljuba stand in der Küchentür und sah zu, wie Allas Gäste Jacken anzogen, nach Handys suchten, die letzten Reste Wein direkt aus der Flasche tranken.

Keiner verabschiedete sich, keiner entschuldigte sich, keiner bot Hilfe beim Aufräumen an.

Alla ging als Letzte hinaus.

Sie blieb auf der Schwelle stehen und drehte sich um.

— Ich hab ihnen doch gesagt, wir sollen nicht herfahren, — sagte sie.

— Aber sie wollten unbedingt.

Das ist nicht meine Schuld.

Ljuba schwieg.

Sie hatte diese Eigenschaft an Alla längst bemerkt: Verantwortung auf andere schieben.

Schuld waren Freunde, Umstände, Wetter, der Mann, die Schwiegermutter – alle, nur nicht Alla selbst.

Die Tür fiel ins Schloss.

Ljuba hörte draußen Autotüren knallen, Motoren aufheulen, Reifen über den festgetretenen Schnee kratzen.

Nach ein paar Minuten wurde es still.

Iwan kam aus dem Wohnzimmer und blieb neben seiner Frau stehen.

— Schau, was sie angerichtet haben, — sagte er.

Ljuba ging ins Zimmer und sah sich um.

Rotweinflecken auf dem Teppich, den Iwans Eltern einst aus Dagestan mitgebracht hatten.

Schmutzige Fußspuren auf dem Boden – die Gäste waren mit Straßenschuhen durchs Haus gelaufen.

Kippenstummel in der Kaffeetasse mit dem blau-weißen Gschel-Muster.

— Wir räumen auf, — sagte Ljuba.

— Hol Eimer und Lappen.

Sie arbeiteten schweigend, ohne zu reden.

Iwan wischte den Boden, Ljuba wischte den Tisch ab und sammelte den Müll in einen großen Plastikbeutel.

Sie öffnete das Fenster, damit der Geruch abzog, und kalte Februarluft strömte herein.

Mit dem Teppich mussten sie kämpfen.

Der Wein war tief eingezogen, und keine Reinigung half.

Am Ende rollte Iwan den Teppich zusammen und trug ihn in den Schuppen.

— Im Frühling bringen wir ihn in die Reinigung, — sagte er.

— Vielleicht retten sie ihn.

Ljuba nickte.

Sie zog eine Thermoskanne Tee aus der Tasche, die sie aus Petersburg mitgebracht hatte, und goss zwei Becher ein.

Sie setzten sich an den Tisch und tranken schweigend, sahen durchs Fenster auf das verschneite Grundstück.

— Glaubst du, sie ist nach Hause gefahren? — fragte Ljuba.

— Ich hoffe es.

— Wir müssen Maxim anrufen.

— Warte noch ein bisschen.

Soll sie’s selbst regeln.

Ljuba stellte den Becher ab und sah ihren Mann an.

Iwan wirkte müde und älter.

Die Falten in seinem Gesicht waren tiefer geworden, und in seinen Augen fehlte der Glanz.

Ljuba wusste, dass er an den Sohn dachte, an die Enkel, daran, wie Maxims Leben verlaufen war.

In diesem Moment flog die Haustür auf.

Auf der Schwelle stand Alla.

Hinter ihr sah Ljuba dieselben Leute, die sie vor einer Stunde hinausgeworfen hatten.

Der Mann mit dem Bärtchen hielt eine Holzkiste in den Händen, aus der Flaschenhälse ragten.

— Oh, perfekt, — sagte Alla und lächelte.

— Ich hab’s doch gesagt, die räumen für uns auf.

Kommt rein, jetzt können wir endlich richtig entspannen.

Ljuba saß in der Küche und hielt das Telefon ans Ohr.

Ihre Finger zitterten so stark, dass sie kaum den richtigen Kontakt traf.

— Hallo?

Mama? — Maxims Stimme klang überrascht.

— Warum rufst du an?

Ist was passiert?

— Maxim, wir sind auf der Datscha.

Alla ist hier.

Mit Freunden.

— Moment, auf der Datscha?

Sie hat gesagt, sie fährt zu Sweta auf den Geburtstag.

Nach Puschkin.

— Sie ist nicht in Puschkin.

Sie ist in Wyriza.

Sie ist ohne zu fragen in unser Haus gegangen und hat eine Party gemacht.

Wir haben sie rausgeworfen, wir haben aufgeräumt, und jetzt sind sie wieder da.

Maxim schwieg.

Ljuba hörte, wie er irgendwohin ging, wie eine Tür knarrte, wie seine Schritte über Parkett liefen.

— Mama, warte eine Sekunde.

Eine Minute verging.

Ljuba wartete und presste das Telefon mit beiden Händen ans Ohr.

— Sie sind hier, — sagte Maxim schließlich, und seine Stimme klang dumpf und heiser.

— Sonja und Mischa.

Allein in ihrem Zimmer.

Sie spielen mit Bauklötzen.

Ich bin gerade von der Arbeit gekommen und dachte, Alla ist zu Hause.

Aber die Küche ist leer, die Kinder haben seit dem Morgen nichts gegessen.

— Mein Gott, Maxim.

— Sie hat die Kreditkarte leergeräumt.

Vor zwei Stunden kam eine Meldung: dreißigtausend auf einen Schlag.

Ich dachte, sie ist einkaufen.

Und jetzt …

Er brach ab.

Ljuba hörte sein schweres Atmen und stellte sich sein Gesicht vor – blass, mit dunklen Ringen unter den Augen, mit tiefen Falten um den Mund.

Maxim war fünfunddreißig, aber im letzten Jahr war er um zehn Jahre gealtert.

— Mama, macht nichts.

Schreit sie nicht an, fasst sie nicht an.

Ich komme selbst und kläre alles.

Ich brauche zwei Stunden.

— Was willst du tun?

— Ich regel das.

Bitte wartet einfach auf mich.

Die nächsten zwei Stunden zogen sich endlos.

Ljuba und Iwan saßen im Schlafzimmer im zweiten Stock, weil es unerträglich war, neben Allas Gesellschaft zu sein.

Von unten kamen Musik, Lachen, das Klirren von Gläsern.

Jemand rief etwas Lustiges, jemand kreischte.

Mehrmals hörte Ljuba, wie Alla laut irgendeine Geschichte erzählte und die Gäste in Gelächter ausbrachen.

— Ich habe sie nie verstanden, — sagte Ljuba.

Sie lag auf dem Bett über der Tagesdecke, ohne Jacke und Filzstiefel auszuziehen.

— Maxim hat sich wie ein Junge verliebt, auf den ersten Blick.

Er hat sie zu uns gebracht, hat sie uns vorgestellt.

Schön, fröhlich, redselig.

Ich dachte: Sie ist noch jung, fünfundzwanzig, sie wird sich austoben und beruhigen.

— Sie ist schon dreißig.

Sie hat sich nicht beruhigt.

— Als die Kinder geboren wurden, ist sie eine Woche nicht aus dem Bett gekommen.

Sie lag mit dem Handy da und hat Serien geschaut.

Ich kam jeden Tag, habe geholfen.

Ich habe Windeln gewaschen, Essen gekocht, bin mit dem Kinderwagen spazieren gegangen.

Maxim hat gearbeitet, er hatte keine Zeit.

Alla hat sich kein einziges Mal bei mir bedankt.

Kein einziges Mal, Iwan.

Iwan saß am Fenster und sah auf die dunkle Straße.

Die Laterne am Zaun des Nachbarn beleuchtete das Grundstück kaum, und der Schnee fiel in kleinen, stechenden Flocken.

— Du bist nicht ihr Kindermädchen, — sagte er.

— Ich bin die Oma.

Ich wollte helfen.

Ich wollte, dass die Enkel in einer normalen Familie groß werden.

Unten krachte es – jemand ließ etwas Schweres fallen.

Ljuba zuckte zusammen und lauschte.

Alla lachte, und ihr Lachen klang scharf und schrill.

— Noch eine Stunde, — sagte Iwan.

— Halt durch.

Maxims Auto erschien genau zwei Stunden später.

Ljuba stand am Fenster und sah, wie die Scheinwerfer die Schneestraße erhellten, wie der Wagen zum Tor abbog und stehen blieb.

Gleich danach fuhr ein zweites Auto vor – weiß, mit einer Aufschrift an der Seite, die Ljuba in der Dunkelheit nicht lesen konnte.

Sie ging nach unten.

Im Wohnzimmer lief die Musik noch, aber leiser als zuvor.

Die Gäste waren müde und hatten sich in die Ecken verteilt.

Der Mann mit dem Bärtchen döste im Sessel, die Mädchen scrollten am Handy.

Alla lag halb auf dem Sofa und starrte an die Decke.

Die Haustür ging auf.

Maxim kam als Erster herein.

So hatte Ljuba ihren Sohn noch nie gesehen.

Sein Gesicht war blass und unbeweglich wie eine Maske.

Die Lippen zu einer dünnen Linie gepresst.

Die Augen starrten geradeaus, ohne zu blinzeln.

Hinter ihm kamen zwei Menschen: eine Frau um die vierzig in einem strengen grauen Mantel und ein jüngerer Mann mit einer Ledermappe unterm Arm.

Beide waren geschniegelt, geschäftsmäßig.

— Das sind Vertreter vom Jugendamt, — sagte Maxim laut und übertönte die Musik.

— Ich habe Anzeige erstattet.

Alla setzte sich auf.

Ihr Handy glitt ihr aus den Fingern und fiel auf den Teppich.

— Welche Anzeige? — sie starrte ihren Mann an, die Augen rund vor Unverständnis.

— Wovon redest du?

— Von der Entziehung deiner elterlichen Rechte.

Im Zimmer wurde es still.

Der Mann mit dem Bärtchen riss die Augen auf und starrte Maxim an.

Die Mädchen sahen von den Handys hoch und wechselten Blicke.

Alla stand vom Sofa auf.

Sie schwankte – sie hatte in diesen Stunden viel getrunken – und klammerte sich an die Armlehne.

— Das ist ein Scherz, — sagte sie.

— Du machst Witze.

Das ist ein blöder Streich.

— Nein.

Heute kam ich von der Arbeit nach Hause und fand unsere Kinder allein in der Wohnung.

Hungrig, ungekämmt, in schmutziger Kleidung.

Du bist weggefahren, ohne etwas zu sagen, ohne dich um sie zu kümmern.

Du hast an einem Tag dreißigtausend Rubel von der Kreditkarte ausgegeben.

Dieses Geld war für die Kinder.

— Das ist unser gemeinsames Geld!

Ich habe ein Recht!

— Du hast kein Recht, die Kinder allein zu lassen.

Der Mann mit dem Bärtchen erhob sich langsam aus dem Sessel.

Er nahm seine Jacke von der Lehne und ging zur Tür, bemüht, niemanden anzusehen.

Die anderen Gäste folgten ihm – schweigend, schnell, ohne sich umzudrehen.

Nach einer Minute waren nur noch Ljuba, Iwan, Maxim, Alla und die beiden fremden Leute in offizieller Kleidung im Zimmer.

— Maxim, bitte, — Alla trat zu ihm und wollte seine Hand nehmen.

— Ich mache alles wieder gut.

Ich mache das nie wieder.

Das war das letzte Mal, ich schwöre es dir.

— Das hast du im Oktober gesagt, als ich die Kinder allein im Park gefunden habe.

Das hast du im Dezember gesagt, als du die ganze Nacht in einen Club verschwunden bist.

Das hast du vor drei Wochen gesagt, als du vergessen hast, sie aus dem Kindergarten abzuholen.

— Ich liebe Sonja und Mischa!

Das sind meine Kinder!

— Dann warum fütterst du sie nicht?

Warum spielst du nicht mit ihnen?

Warum hat Sonja mich gestern gefragt, ob Mama sie überhaupt liebt?

Alla schwieg.

Tränen liefen ihr über die Wangen, verschmierten die Wimperntusche und zogen schwarze Streifen über ihre Wangenknochen.

Die Frau im grauen Mantel trat näher und reichte Alla eine Visitenkarte.

— Sie müssen zur Sitzung der Jugendhilfekommission erscheinen, — sagte sie.

— Datum und Uhrzeit stehen in der offiziellen Ladung, die Sie innerhalb von zwei Wochen per Post erhalten.

— Welche Kommission?

Wofür?

Ich habe nichts Schlimmes getan!

— Sie haben minderjährige Kinder ohne Aufsicht und angemessene Versorgung zurückgelassen.

Das ist ein Grund, über Entzug oder Einschränkung der elterlichen Rechte zu entscheiden.

Alla drehte sich zur Schwiegermutter um.

Ljuba sah, wie ihre Lippen zitterten, wie ihre Schultern unter dem dünnen Kleid bebten.

In Allas Augen stand echte Angst – so einen Blick hatte Ljuba bei ihr noch nie gesehen.

— Ljubow Nikolajewna, — sagte Alla mit brechender Stimme.

— Sagen Sie es ihm.

Sie verstehen doch.

Ich bin keine schlechte Mutter.

Ich war nur müde, ich brauchte eine Pause.

Jeder braucht mal eine Pause.

Sie wissen doch, wie schwer es mit zwei Kindern ist.

Sagen Sie Maxim, dass ich mich ändere.

Ljuba sah die Schwiegertochter an und dachte daran, wie sie selbst vor fünfunddreißig Jahren Maxim großgezogen hatte.

Iwan arbeitete damals in zwei Jobs, ging um sieben aus dem Haus und kam um elf nachts zurück.

Geld reichte für nichts.

Nannys, Hilfe, Erholung – das gab es nur in Illustrierten für Reiche.

Ljuba schaffte es allein, und kein einziges Mal, nicht ein einziges Mal, ließ sie ihren Sohn hungrig oder ohne Aufsicht.

— Fahr mit deinem Mann, — sagte sie schließlich.

— Den Rest entscheide nicht ich.

Maxim nahm seine Frau am Ellbogen und führte sie zur Tür.

Alla ging unsicher, schwankend auf den hohen Absätzen.

Auf der Schwelle drehte sie sich noch einmal um und sah Schwiegervater und Schwiegermutter an, sagte aber nichts.

Die Vertreter vom Jugendamt gingen hinterher.

Ljuba hörte Autotüren schlagen, Motoren anspringen.

Nach einer Minute wurde es still, und im Haus kehrte Ruhe ein.

Iwan ging ans Fenster und zog den Vorhang beiseite.

Die roten Rücklichter entfernten sich über die verschneite Straße, bis sie hinter der Kurve verschwanden.

— Und was passiert jetzt? — fragte Ljuba.

— Ich weiß nicht.

Wahrscheinlich Gericht.

Irgendwelche Gutachten.

Maxim wird das regeln.

— Und die Kinder?

— Die bleiben beim Vater.

Zumindest vorerst.

Ljuba setzte sich an den Tisch und vergrub den Kopf in den Händen.

Sie fühlte sich leer, ausgepresst, als hätte man ihr alle Kraft herausgezogen.

Der Tag hatte mit einer einfachen Fahrt begonnen, um die Rohre zu prüfen, und endete mit dem Zerbrechen der Familie ihres Sohnes.

— Sind wir schuld? — fragte sie.

— Wenn wir heute nicht gekommen wären, wäre nichts passiert.

— Es wäre passiert.

Früher oder später.

Du hast doch selbst gesehen, wie sie mit den Kindern umgeht.

Das ist nicht das erste Mal und nicht das letzte.

Maxim hätte längst etwas tun müssen.