Ich habe meiner Tochter schon lange versprochen, dass sie dort wohnen wird!
Dmitri schleuderte sein Handy mit solcher Wucht auf den Küchentisch, dass sich im Schutzglas ein schiefer Riss ausbreitete.

Natalja zuckte nicht einmal zusammen.
Sie faltete sorgfältig das saubere Handtuch und sah ihren Mann mit völlig ruhigem Blick an.
In ihr war weder Kränkung noch der Wunsch geblieben, sich auf lange Streitgespräche einzulassen.
Geblieben war nur eine riesige Müdigkeit von einem Menschen, der fremdes Eigentum vollkommen aufrichtig für sein eigenes hielt.
— Verstehst du überhaupt, was du getan hast? — ihr Mann machte einen Schritt auf sie zu.
Sein Gesicht verzerrte sich vor Empörung.
— Ich habe gestern mit Ola telefoniert!
Ich habe ihr gesagt, sie soll schon mal ein Handwerkerteam suchen und Tapeten aussuchen.
Das Mädchen packt schon seine Sachen, die Hälfte der Kartons ist bereits gepackt.
Und du erklärst mir jetzt, dass es die Wohnung nicht mehr gibt?
— Die Wohnung gibt es nicht mehr, Dima, — antwortete Natalja ruhig.
Sie sah ihm direkt in die Augen.
— Das Geschäft wurde letzte Woche abgeschlossen.
Das Geld wurde an Andrej überwiesen.
An meinen leiblichen Neffen.
Genau an den, der dringend Geld für die Behandlung seiner Frau braucht.
Dmitri begann schwer zu atmen, als er das hörte.
Er griff nach der Tischkante, als hätte man ihm den Boden unter den Füßen weggezogen.
— Welcher Andrej denn noch?
Bist du völlig verrückt geworden?
Meine eigene Tochter lebt in einer Mietwohnung und gibt die Hälfte ihres Gehalts irgendeinem fremden Vermieter!
Meine Mutter haust in einer alten Chruschtschowka im fünften Stock ohne Aufzug!
Und du nimmst einfach und verschenkst Millionen an irgendeinen Verwandten?
— Andrej ist für mich kein Fremder, — entgegnete Natalja trocken.
— Er war der Einzige aus der ganzen Familie, der an meiner Seite war, als ich letzten Winter im Krankenhaus lag.
Und wo war da deine Tochter?
Wo war deine Mutter?
Natalja erinnerte sich nur zu gut an diese schweren Wochen.
Dmitri hatte sich damals sofort auf eine wichtige Dienstreise berufen und war weggefahren.
Er hatte sie völlig allein zurückgelassen.
Seine Tochter Ola hielt es nicht einmal für nötig, auf ihre Nachricht zu antworten.
Und die Schwiegermutter, Sinaida Wassiljewna, rief genau ein einziges Mal an.
Und das ausschließlich, um zu fragen, ob Natalja das Geld für die Nebenkosten überwiesen habe.
— Ola ist ein junges Mädchen, sie hat ein schwieriges Studium und ihr eigenes Privatleben! — begann Dmitri sich zu verteidigen.
Er schrie nun.
— Und Mama ist ein älterer Mensch, sie kann nicht in Krankenhäuser gehen, das belastet sie!
Du suchst immer an Kleinigkeiten herum.
Nimm das Telefon.
Ruf deinen Neffen an und verlang das Geld zurück.
Sag, dass du dich geirrt hast.
Dass das Geld für die Familie gebraucht wird.
— Für welche Familie, Dima? — Natalja richtete sich auf und legte das Handtuch beiseite.
— Zwischen uns gibt es schon lange keine Familie mehr.
Es gibt nur noch eine bequeme Futterquelle in meiner Person.
Und dein bodenloses Portemonnaie zur Versorgung deiner Verwandtschaft.
Dmitri schlug mit der Hand auf den Tisch.
— Wir sind Mann und Frau!
Dein Eigentum sind unsere gemeinsamen Ressourcen, wir bauen doch zusammen an der Zukunft!
Ja, die Dreizimmerwohnung hast du von deiner Großmutter geerbt, aber wir hatten doch eine Abmachung!
Ich hatte doch Pläne!
— Du hattest Pläne.
Immer nur du, laut ausgesprochen und ohne dich vor irgendwem zu schämen, — nickte Natalja.
— Und ich habe nur still zugehört und meine Schlüsse gezogen.
In diesem Moment vibrierte Dmitris Telefon auf dem Tisch.
Auf dem zersprungenen Display erschien der Name: „Oletschka“.
Der Mann griff krampfhaft nach dem Gerät und nahm das Gespräch an.
— Ja, mein Töchterchen, — sagte er.
Dmitri warf seiner Frau wütende Blicke zu.
Aus dem Hörer drang selbst ohne Lautsprecher eine kapriziöse Frauenstimme.
— Papa, ich bin gerade im Baumarkt.
Sag mal, soll Natalja mir vielleicht hunderttausend auf die Karte schicken?
Hier gibt es italienische Fliesen im Angebot, die passen genau in dieses Badezimmer.
Ihr gebt mir die Wohnung doch mit einer ordentlichen Renovierung, ich will da keinen Billigkram reinmachen.
Natalja lächelte spöttisch.
Sie ging zum Schrank im Flur, holte die große Reisetasche ihres Mannes vom oberen Regal und warf sie auf den Boden.
— Ola, warte, ich rufe zurück, — Dmitri beendete das Gespräch und stürzte seiner Frau hinterher.
— Was hast du vor?
— Ich helfe dir, — Natalja öffnete die Schranktür und begann, die Hemden ihres Mannes herauszuziehen.
— Du machst dir doch so große Sorgen um die Wohnverhältnisse deiner Tochter.
Dann fahr doch gleich jetzt zu ihr.
Dann kannst du ihr mit deinem Gehalt die teuren Fliesen bezahlen.
— Natascha, hör auf mit diesem Theater, — Dmitris Stimme wurde tiefer.
Darin tauchten drohende Töne auf, aber durch sie brach deutlich Panik hindurch.
Er hatte plötzlich begriffen, dass seine Frau es todernst meinte.
— Leg die Sachen zurück.
Du zerstörst jetzt im Affekt unsere Ehe.
Ola war doch immer anständig zu dir!
— Anständig? — Natalja faltete seine Jeans sorgfältig und legte sie in die Tasche.
— Ist das anständig gewesen, als sie an meinem Geburtstag kam und vor den Gästen am Tisch fragte: „Und wann werdet ihr aufhören, eure Dreizimmerwohnung zu vermieten?
Ich möchte da so schnell wie möglich einziehen.“
Sie hat mir nicht einmal Gesundheit gewünscht.
Sie interessierten nur meine Quadratmeter.
— Das Kind hat sich einfach ungeschickt ausgedrückt!
— Dein Kind ist sechsundzwanzig Jahre alt, Dima.
Sie drückt ihre Gedanken sehr gut aus.
Und deine wunderbare Mutter?
Sinaida Wassiljewna hat mir letzten Monat ganz offen gesagt: „Nataschenka, Kinder habt ihr ja keine, also sollte die Wohnung der Fairness halber an unsere Oletschka gehen.
Sie könnten doch schon mal vorab eine Schenkung machen, damit wir später nicht vor Gericht herumrennen müssen.“
Dmitri schluckte nervös und wich ihrem Blick aus.
Er wusste von diesem Gespräch ganz genau.
Seine Mutter hatte ihn noch am selben Tag angerufen und damit geprahlt, wie geschickt sie seine Ehefrau an ihren Platz verwiesen hatte.
Aber wie immer hatte er es vorgezogen zu schweigen, um sein bequemes Leben nicht zu verlieren.
— Mama sorgt sich um die Zukunft ihrer Enkelin.
Jede normale Großmutter würde so handeln.
— Eine normale Großmutter sorgt auf eigene Kosten für ihre Enkelin, — schnitt Natalja hart ab.
— Und nicht auf Kosten des Eigentums ihrer Schwiegertochter, die ihr beide für nichts haltet und als Bedienungspersonal betrachtet.
Es klingelte hartnäckig an der Tür.
Dmitri zuckte zusammen.
Natalja ging ruhig an ihm vorbei und öffnete.
Auf der Schwelle stand Sinaida Wassiljewna.
In den Händen hielt die Schwiegermutter eine dicke Plastikmappe.
— Dimotschka, ich habe Musterdokumente mitgebracht! — verkündete sie munter.
Die Frau schob Natalja herrisch zur Seite und trat in den Flur.
— Mein Anwalt hat sich das angesehen, die Schenkung kann buchstäblich in zwei Tagen erledigt werden, und die Steuern werden minimal sein, wenn wir es geschickt…
Die Schwiegermutter verstummte abrupt.
Sie bemerkte die halbleere Reisetasche auf dem Boden und den Stapel Männerhemden auf der Kommode.
— Was soll das denn nun wieder? — der Ton von Sinaida Wassiljewna wechselte augenblicklich von höflich zu befehlend.
— Das ist ein Umzug, Mama, — zischte Dmitri böse.
Er zeigte mit dem Finger auf seine Frau.
— Unsere Wohltäterin hat die Wohnung verkauft.
Sie hat einem Fremden das Geld gegeben!
Einem Verwandten von ihr.
Und uns einfach vor vollendete Tatsachen gestellt.
Sinaida Wassiljewna ließ die Mappe fallen.
Die Dokumente verteilten sich fächerförmig auf dem Teppich.
Das Gesicht der älteren Frau verzerrte sich vor Wut.
Langsam richtete sie ihren schweren Blick auf die Schwiegertochter.
— Wie bitte, verkauft?
Dazu hatten Sie überhaupt kein Recht!
Diese Wohnung war für Oletschka!
Wir hatten doch alles schon auf Jahre hinaus geplant!
— Wer ist „wir“, Sinaida Wassiljewna? — Natalja verschränkte die Arme vor der Brust.
Sie beobachtete diese Szene mit sichtlichem Interesse.
— Sie und Ihr Sohn?
Sie haben ein wichtiges Detail vergessen.
Die Immobilie gehörte ausschließlich mir.
Und ich habe jedes Recht, ohne Ihre Ratschläge darüber zu verfügen.
— Ach du gieriges Miststück! — platzte es aus der Schwiegermutter heraus.
Sie warf endgültig die Maske der freundlichen Frau ab.
— Wir haben dich in eine anständige Familie aufgenommen!
Dima hat dich geheiratet, obwohl er auch eine normale Frau hätte finden können, die alles ins Haus gebracht hätte!
Und du hast dich als Egoistin erwiesen!
— Alles ins Haus gebracht? — Natalja lachte ehrlich auf.
Das Lachen klang trocken, aber voller Erleichterung.
— Sie wollten wohl sagen — alles in Ihre Tasche getragen?
Nein, Sinaida Wassiljewna.
Nehmen Sie Ihren anständigen Sohn mit.
Gehen Sie und bauen Sie Ihre strahlende Zukunft zusammen mit Ihren eigenen Mitteln auf.
Dmitri stand an der Wand.
Er wartete angespannt darauf, dass seine Mutter jetzt die Taktik wechseln und versuchen würde, den Konflikt zu glätten.
Denn er hatte ganz sicher nicht vor, die geräumige Wohnung seiner Frau zu verlassen, in der der Kühlschrank immer voll war und die Rechnungen pünktlich bezahlt wurden.
Aber Sinaida Wassiljewna sah ihren Sohn mit kalter Berechnung an.
Mit genau jenem abschätzenden Blick, mit dem sie jahrelang ihre Schwiegertochter durchbohrt hatte.
— Lass ihn seine Sachen packen, Sohn.
Wir gehen hier weg, — befahl sie.
Die Schwiegermutter stieg angewidert über die heruntergefallenen Papiere.
— Wozu brauchen wir diese mittellose Person?
Wir finden dir eine andere.
Jünger und mit ordentlichem Wohnraum.
Und diese hier soll allein hier sitzen mit ihrem Neffen!
Dmitri wich plötzlich zurück.
In den Worten seiner eigenen Mutter lag kein Tropfen Liebe oder Mitgefühl für ihn selbst.
Nur nackte Enttäuschung über den verlorenen materiellen Vorteil.
Er drehte den Kopf scharf zu Natalja.
Als suche er bei ihr Schutz vor dieser Wahrheit, doch er traf nur auf eisige Gleichgültigkeit.
— Natasch… was soll das denn wirklich.
Ich gehe nirgendwohin.
Lass uns einfach hinsetzen und normal reden, — murmelte er.
Der Mann machte unsicher einen Schritt in Richtung Küche.
— Deine Sachen sind in der Tasche.
Die Jacke hängt am Haken, — Natalja versperrte ihm entschlossen den Weg.
— Ich habe nichts zu besprechen.
Nimm die Tasche und geh.
— Dima!
Komm sofort!
Wage es nicht, dich vor dieser Frau zu demütigen! — brüllte die Schwiegermutter vom Treppenabsatz.
Dmitri griff resigniert nach der Jacke.
Ihm wurde plötzlich ganz klar, dass er absolut alles verloren hatte.
Es würde keine neue Wohnung für seine Tochter geben.
Auch kein sorgenfreies Leben mehr.
Vor ihm lag nur noch das Sofa in der engen Wohnung seiner Mutter und das endlose Genörgel seiner Tochter.
Schweigend hob er die Sporttasche auf und ging hinaus in den Flur.
Er wagte es nicht einmal, den Blick zu seiner Frau zu heben.
Natalja schob den Riegel an der Eingangstür vor.
Das Klicken des Schlosses erschien ihr als das schönste Geräusch der letzten Monate.
Im Flur wurde es still.
Es gab diese bedrückende Spannung nicht mehr, wenn man jede Minute mit einem neuen Vorwurf, einer Forderung oder einem versteckten Hinweis rechnen musste, dass man etwas abgeben solle.
Sie ging in die Küche und sammelte die verstreuten Dokumente der Schwiegermutter ein, die diese in der Eile vergessen hatte.
Natalja warf sie ungesehen in den Mülleimer.
Direkt danach flog auch das gesprungene Telefon ihres Mannes hinterher.
Von draußen drang das gewohnte Dröhnen der Stadt herein.
Natalja schenkte sich ein Glas kühles Wasser ein und trat ans Fenster.
Vor ihr lagen viele kleine Sorgen.
Sie musste die restlichen Schränke ausräumen, den Krempel ihres Mannes vom Balkon werfen und einfach Ordnung in ihrem eigenen Bereich schaffen.
Jetzt gehörte sie nur noch sich selbst.
Sie musste sich nicht mehr endlos für ihre Entscheidungen rechtfertigen.
Sie musste das Verdiente nicht mehr für fremde dreiste Launen ausgeben und auch keine offen ausbeuterische Haltung mehr ertragen.
Später bekam sie eine Nachricht von Andrej.
Ihr Neffe schrieb wirr und bedankte sich in jedem einzelnen Satz.
Die Klinik hatte die Zahlung bestätigt, und die Operation für seine Frau war für die nächsten Tage angesetzt worden.
Natalja las die Nachricht und lächelte.
Sie hatte ihr Geld dorthin gegeben, wo es wirklich ein Leben rettete und Nutzen brachte.
Und nicht dorthin, wo es einen schönen Umbau für Menschen sichern sollte, die sie für ein Nichts hielten.
Sie strich sich vor dem Spiegel im Flur die Haare zurecht.
Der Rücken gerade, der Blick klar.
Das Leben ging weiter, und in diesem neuen Leben gab es keinen Platz mehr für Verrat und fremde Gier.







