— Ja, ich habe das ganze Geld vom Hypothekenkonto abgehoben!

Lena fehlte noch Geld für die Hochzeit – für die Limousine und das Bankett in einem Edelrestaurant!

Sie ist meine einzige Schwester!

— Hast du es etwa auf ein anderes Konto mit besseren Zinsen überwiesen?

Anna starrte auf den Bildschirm ihres Telefons, ohne zu blinzeln.

Die Zahlen auf dem Display leuchteten mit einem verräterischen, perfekten Nullsaldo.

Noch gestern war dort die Summe gewesen, die sie drei Jahre lang mühsam Stück für Stück zusammengespart hatten, wobei sie sich sogar eine zusätzliche Tasse Kaffee verwehrten, und heute war da nur noch sterile Leere.

Sergej kaute in aller Ruhe das Stück gebratenes Hähnchen zu Ende, wischte sich die Lippen mit einem Stück Brot ab und würdigte seine Frau erst dann eines schweren, satten Blickes.

Er saß am wackeligen Tisch ihrer gemieteten Zweizimmerwohnung in einem Unterhemd, und sein ganzes Auftreten strahlte die Ruhe einer Python aus, die gerade ein Kaninchen verschlungen hat und es nun in seliger Trägheit verdaut.

— Nein, Anja.

Keine Konten.

Ich habe das Geld heute Morgen abgehoben.

Am Schalter, in bar.

So ist es sicherer.

Anna spürte, wie das Telefon in ihrer Hand von dem plötzlich ausbrechenden Schweiß glitschig wurde.

In der Küche roch es nach angebranntem Öl und alten Tapeten – dieser Geruch hatte sich in ihr Leben eingefressen und war zum Hintergrund ihres endlosen Sparens geworden.

Morgen, Punkt zehn Uhr, sollten sie beim Notar sitzen.

Das Geschäft ihres Lebens.

Ihre eigene Wohnung.

Das Ende der Ära fremder Sofas und Vermieterinnen, die kontrollierten, ob die Toilette sauber war.

— Abgehoben? — fragte sie nach und bemühte sich, dass ihre Stimme fest klang.

— Wozu?

Der Makler hat doch gesagt, dass die Überweisung über ein Akkreditiv laufen wird.

Bargeld ist ein Risiko.

Wo ist es?

In einer Tasche?

Zeig es mir.

Sergej schob den leeren Teller beiseite, verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich gegen die Stuhllehne, die unter seinem Gewicht kläglich knarrte.

In seiner Haltung erschien etwas Herausforderndes, Herrisches – etwas, das Anna an ihm nur selten, aber immer mit Unbehagen bemerkt hatte.

— Es ist nicht in einer Tasche, — sagte er schlicht, so wie man über das Wetter spricht.

— Und morgen wird es auch keinen Termin geben.

Ich habe diesen deinen Makler schon angerufen und gesagt, dass wir höhere Gewalt haben.

Abgesagt.

In der Küche wurde das Brummen des alten Saratow-Kühlschranks hörbar, dessen Kompressor in der Ecke schepperte.

Anna legte langsam das Telefon auf den Tisch.

Der Bildschirm erlosch und spiegelte ihr blasses Gesicht wider.

— Welche höhere Gewalt, Seryoscha? — fragte sie sehr leise.

— Wir haben fünfzigtausend als Anzahlung geleistet.

Wenn wir morgen nicht erscheinen, ist das Geld weg.

Verstehst du das?

Wir verlieren einfach so fünfzigtausend.

Wo ist das Geld?

Sergej schnalzte mit der Zunge und brachte damit den höchsten Grad seiner Verärgerung über ihr Unverständnis zum Ausdruck.

Er stand auf, ging zum Kühlschrank, holte eine Dose Bier heraus, öffnete sie zischend und nahm einen langen Schluck.

— Was hackst du die ganze Zeit auf dem Geld herum, Geld, Geld …

Kannst du überhaupt an irgendetwas anderes denken als an Kohle?

Ein Mensch hat immerhin ein Ereignis, das nur einmal im Leben stattfindet.

Und du hängst hier mit deinen Quadratmetern fest wie eine Klette.

Anna stand auf.

Ihre Beine fühlten sich weich an, doch in ihr begann eine heiße, erstickende Welle aufzusteigen.

Sie sah ihren Mann an, sah, wie er sich den Schaum von den Lippen leckte, und das Puzzle in ihrem Kopf setzte sich zu einem monströsen Bild zusammen.

Lena.

Seine jüngere Schwester.

„Die Prinzessin“, der ständig irgendetwas fehlte, mal für ein neues iPhone, mal für eine Reise in die Türkei.

Lena, die an diesem Samstag heiratete.

— Du hast es Lena gegeben? — fragte Anna.

Das war keine Frage, das war eine Feststellung.

Sergej knallte die Dose so hart auf den Tisch, dass der Salzstreuer hochsprang.

— Ja, ich habe das ganze Geld vom Hypothekenkonto abgehoben!

Lena fehlte noch Geld für die Hochzeit – für die Limousine und das Bankett in einem Edelrestaurant!

Sie ist meine einzige Schwester, sie hat ein Märchen verdient!

Und wir können eben weiter zur Miete wohnen, du wirst schon nicht daran zugrunde gehen!

Hör auf zu jammern, sonst bereite ich dir gleich ein richtig schönes Leben!

Die Worte blieben in der Luft hängen, schwer und dicht wie Smog.

Anna sah ihn an und erkannte ihn nicht wieder.

Vor ihr stand nicht der Mann, mit dem sie drei Jahre lang leere Nudeln gegessen und im Winter Herbststiefel getragen hatte, nur um noch einen Tausender mehr zurücklegen zu können.

Vor ihr stand ein fremder, frecher Kerl, der beschlossen hatte, dass er das Recht habe, über ihr Leben, ihre Entbehrungen und ihren Traum zu verfügen – nur wegen der Laune irgendeiner Göre.

— Drei Millionen … — flüsterte Anna.

— Du hast drei Millionen für Essen und Saufen ausgegeben?

Für einen einzigen Abend?

Seryoscha, bist du noch bei Verstand?

Das war unser Geld!

Meine Prämie, meine Nebenjobs, alles, was wir gespart haben!

— Nicht deins, sondern unseres! — fiel er ihr ins Wort und zeigte mit dem Finger auf sie.

— Ich bin das Oberhaupt der Familie, ich entscheide, wohin das Geld geht.

Lena hat völlig verheult angerufen.

Der Bräutigam dort ist irgendein dubioser Typ, seine Eltern haben kein Geld, und sie wollte, dass alles auf höchstem Niveau ist.

Dass es im „Plaza“ stattfindet, dass es ein Feuerwerk gibt, dass sie ein Couture-Kleid hat.

Was hätte ich denn sagen sollen?

„Tut mir leid, Schwesterchen, wir kaufen gerade eine Wohnung, komm mit einer Kantine klar“?

So etwa?

— Ja! — schrie Anna zum ersten Mal und erhob die Stimme.

— Genau das hättest du sagen müssen!

Weil wir in einer Bruchbude leben!

Weil wir seit drei Jahren nicht im Urlaub waren!

Weil ich in einer Jacke herumlaufe, die ich noch im Studium getragen habe!

— Brüll nicht herum, — verzog Sergej das Gesicht, als hätte er Zahnschmerzen.

— Die Nachbarn hören es noch.

Meine Güte, eine Wohnung.

Dann kaufen wir sie eben später.

In einem Jahr, in zwei Jahren.

Die Preise werden fallen, der Markt wird einbrechen.

Ich habe alles durchgerechnet.

Aber dafür ist meine Schwester glücklich.

Wir sind doch Familie, Anja.

Eigenes Blut.

Und du benimmst dich wie eine Egoistin.

Ist es dir etwa zu schade?

Wir werden noch mehr verdienen.

Arme und Beine haben wir ja.

Er sagte das mit einer solchen Leichtigkeit, als ginge es um einen verlorenen Hunderter und nicht um das Fundament ihrer Zukunft.

In seinen Augen war nicht ein Gramm Schuld zu sehen, nur selbstgefällige Gewissheit, im Recht zu sein.

Er fühlte sich wie ein Held, ein Retter, ein großzügiger Bruder, der mit breiter Geste Millionen vor die Füße seiner geliebten Schwester geworfen hatte.

Und die Ehefrau …

Die Ehefrau wird es schon ertragen.

Sie ist ja die Eigene, wohin soll sie schon gehen.

Anna ließ den Blick durch die Küche schweifen.

Das abgewetzte Linoleum, an den Nähten mit Klebeband geflickt.

Die geschwärzte Decke über dem Herd.

Der Wasserhahn, der tropfte und sie nachts in den Wahnsinn trieb.

Und da begriff sie, dass es keine Wohnung geben würde.

Nie.

Denn bei Sergej würde es immer eine „einzige Schwester“, eine „kranke Mutter“ oder einen „Großonkel zweiten Grades“ geben, für die es notwendiger war.

— Du hast nicht einfach nur das Geld weggegeben, — sagte sie mit einem eisigen Ton, bei dem Sergej sich für einen Moment unwohl fühlte.

— Du hast uns drei Jahre unseres Lebens gestohlen.

Du hast meine Zeit, meine Arbeit, meine Nerven genommen und sie in der Toilette eines Edelrestaurants hinuntergespült.

— Ach, jetzt geht das wieder los, — winkte Sergej ab und trank wieder von seinem Bier.

— Jetzt fängst du noch an auszurechnen, wer wie viel eingebracht hat.

Ich bin der Mann, ich verdiene das Geld, ich entscheide.

Das Thema ist beendet.

Lena hat die Einladung geschickt, morgen fahren wir los und suchen mir einen Anzug aus.

Du willst doch nicht, dass ich in dem alten Zeug zur Hochzeit gehe, das ich auf der Arbeit trage?

Man muss schon dem Anlass entsprechen.

Da werden anständige Leute sein.

Er saß vor ihr, breit auf dem Stuhl, in seinem ausgeleierten Unterhemd, in dieser erbärmlichen Küche, und sprach über „anständige Leute“ und darüber, einem Niveau zu entsprechen, das er mit dem Geld bezahlt hatte, das er seiner eigenen Frau gestohlen hatte.

Dieser Gegensatz war so ungeheuerlich, dass Anna spürte, wie in ihr etwas riss.

Die dünne Saite der Geduld, die in diesen drei Jahren bis zum Äußersten gespannt gewesen war, zersprang mit ohrenbetäubendem Klang.

— Ein Anzug? — fragte sie nach und trat dicht an den Tisch heran.

— Du willst einen neuen Anzug von unserem Geld?

Sergej grinste zufrieden, erfreut darüber, dass sie – wie er glaubte – das Thema gewechselt und sich gefügt hatte.

— Na klar.

Und für dich suchen wir auch etwas aus, meinetwegen.

Ein Kleid vielleicht, Schuhe.

Du wirst ja wohl nicht in Jeans hingehen.

Ich bin doch kein Tier, Anjka.

Ich verstehe schon alles.

Aber Familie ist heilig.

Begreif du das auch.

Er streckte die Hand aus, um ihr gönnerhaft und herablassend auf den Oberschenkel zu klopfen, doch Anna wich zurück, als wäre er aussätzig.

In ihren Augen entzündete sich ein Feuer, das weder der „heiligen Familie“ noch Sergej selbst etwas Gutes verhieß.

— Familie ist heilig? — wiederholte Anna.

Ihre Stimme klang dumpf, als dränge sie durch Watte.

— Und wer sind wir beide dann, Seryoscha?

Nachbarn auf einer Schlafstelle?

Sie ging zum Fensterbrett, auf dem ein praller blauer Plastikordner lag.

Darin bewahrten sie ihr Leben der letzten sechs Monate auf.

Einkommensbescheinigungen, Arbeitsnachweise, die Genehmigung der Bank, das Gutachten über genau jene Wohnung in der Gagarin-Straße – hell, mit einer großen Küche, die Anna in Gedanken schon eingerichtet hatte.

Sie strich über den kalten Kunststoff, so wie man ein geliebtes Tier streichelt.

— Erinnerst du dich an den letzten Februar? — fragte sie, ohne sich umzudrehen.

— Ich bekam Zahnschmerzen.

Der Weisheitszahn.

Meine Wange schwoll so sehr an, dass ich den Mund nicht öffnen konnte.

Er musste raus, eine komplizierte Entfernung, der Chirurg sagte: sechstausend Rubel.

Und du hast gesagt: „Anja, halt noch durch, gerade zählt für uns jeder Kopeke, warten wir bis zum Gehalt, spül mit Salbei.“

Und ich habe gespült.

Zwei Wochen lang habe ich Schmerzmittel packungsweise geschluckt, mir die Leber ruiniert, weil wir sparten.

Für das „Heilige“.

Sergej schnaubte und zog das Etikett von der Bierdose.

Das Kratzen des Papiers auf dem Metall schnitt ihr in die Ohren.

— Schon wieder deine Wehwehchen.

Na, es hat wehgetan und ist vorbei.

Du bist doch nicht daran gestorben, oder?

Bei dir ist immer irgendwas: mal der Zahn, mal sind die Stiefel durch, mal ist die Jacke nicht modisch.

Du bist kleinlich, Anja.

Langweilig.

Du hast keine Großzügigkeit in der Seele.

Lena dagegen – sie kann leben.

Sie ist ein Fest!

Und du bist wie eine Buchhaltungstabelle.

Mit dir kann man nicht einmal reden, außer über Rabatte bei „Pjatjorotschka“.

Anna drehte sich um.

Ihr Blick fiel auf seine Füße.

Er trug neue Adidas-Turnschuhe, die er sich vor einem Monat gekauft hatte, weil „die alten gedrückt haben“.

Sich selbst verweigerte er keinen Komfort.

Das Sparen betraf nur sie.

— Ich bin bei minus zwanzig in Herbststiefeln herumgelaufen, Sergej, — fuhr sie monoton fort und zählte die Tatsachen auf wie Hammerschläge.

— Ich war drei Jahre nicht beim Friseur, habe mir im Badezimmer selbst die Haare gefärbt und danach das Waschbecken von den schwarzen Flecken geschrubbt, damit die Vermieterin nicht schimpft.

Wir haben Nudeln von der Billigmarke und Würstchen gegessen, die aus Toilettenpapier bestanden.

Ich habe an den Wochenenden Überstunden gemacht, während du auf dem Sofa lagst und Serien geschaut hast.

Ist das deiner Meinung nach „Kleinlichkeit“?

Das war ein Plan.

Unser gemeinsamer Plan.

— Dein Plan kann mir gestohlen bleiben! — explodierte Sergej.

Es ärgerte ihn, sich wie der Angeklagte zu fühlen.

Er wollte der Held des Tages sein, der Wohltäter, und stattdessen wurde ihm irgendein Alltagskram unter die Nase gerieben.

— Du bist besessen!

Wohnung, Wohnung …

Das ist doch bloß eine Betonkiste!

Und Lena heiratet!

Das ist eine Erinnerung fürs ganze Leben!

Fotos, Videos, Gäste!

Verstehst du den Unterschied zwischen Ewigkeit und einem Stück Ziegel?

Er sprang abrupt auf, der Stuhl flog krachend nach hinten und prallte gegen die Wand.

Sergej trat dicht an Anna heran und baute sich mit seiner ganzen Masse vor ihr auf.

Er roch nach billigem Bier und Aggression.

— Gib her, — er riss ihr den blauen Ordner aus den Händen.

— Fass ihn nicht an, — Anna wollte nach den Unterlagen greifen, doch er stieß sie grob mit der Schulter weg.

— Was haben wir denn hier? — höhnte er und schüttelte den Ordner.

— Immobilienbewertung?

Kaufvertrag?

Eigentumsversicherung?

Papierkram.

Das alles ist bloß Altpapier, Anja.

Ohne Geld ist das einfach Müll.

Er öffnete den Ordner und schüttete den Inhalt direkt auf den Küchentisch in eine Pfütze verschütteten Tees.

Weiße Blätter mit Stempeln, Passkopien, Zahlungspläne – alles verteilte sich fächerförmig.

— Was tust du da? — Anna sah auf die Unterlagen, die in der braunen Brühe nass wurden.

— Ich befreie dich von Illusionen, — grinste Sergej boshaft.

Er raffte einen Stapel Dokumente zusammen – das Ergebnis ihres Rennens zu Behörden, ihres Nervenverschleißes und der Warteschlangen.

Seine Finger drückten das Papier mit Kraft zusammen.

— Kein Geld – keine Hypothek.

Und also brauchen wir diesen Krempel auch nicht.

Mit einem Krachen, bei dem sich in Anna alles zusammenzog, riss er den dicken Stapel mittendurch.

Das Papier leistete Widerstand, der Kartoneinband bog sich, doch Sergej riss mit blinder Wut weiter und legte in diese Handlung all seinen Zorn auf die Frau, die seinen „edlen“ Schritt nicht würdigen wollte.

— Nicht! — Anna wollte zu ihm hin, aber er stellte den Ellbogen vor und blockierte sie.

— Doch, Anja, doch! — knurrte er.

— Hör auf, diese Zettel anzubeten!

Lebe in der Gegenwart!

Er zerriss die Dokumente in kleine Stücke.

Die Fetzen flogen auf den Boden, fielen in den Teller mit den Hähnchenresten, klebten am schmierigen Tisch fest.

Die Zusage der Bank – in Fetzen.

Die Einkommensbescheinigung – Müll.

Der Wohnungsplan – in vier Teile gerissen und zu einer Kugel zerknüllt.

— Hier ist deine Zukunft! — brüllte er und schleuderte ihr eine Handvoll Schnipsel ins Gesicht.

— Es gibt sie nicht!

Ich habe sie gestrichen!

Ich habe das so entschieden!

Weil ich hier der Mann bin und ich entscheide, was wichtig ist und was nicht!

Wichtig ist die Familie und nicht deine Betonwände!

Der Papierschnee setzte sich auf Annas Schultern, auf ihr Haar, auf den Boden.

Sie stand reglos da und sah zu, wie der handfeste Beweis ihres Traums zerstört wurde.

Das war schlimmer, als wenn er sie geschlagen hätte.

Er vernichtete ihre Arbeit.

Er entwertete jede Stunde ihrer Überstunden, jeden gesparten Kopeken, jede Minute, in der sie Schmerzen um des Ziels willen ertragen hatte.

Sergej atmete schwer, während er mitten in dem von ihm angerichteten Chaos stand.

Sein Gesicht war rot, seine Augen glänzten in einem wahnsinnigen Triumph.

Er fühlte Macht.

Er hatte ihr gezeigt, wer hier der Herr war.

Er hatte ihren Widerstand gebrochen.

— Na und? — fragte er und stieß mit dem Fuß gegen einen Haufen zerfetzter Papiere am Boden.

— Ist es jetzt besser?

Es gibt keine Hypothek mehr.

Keine Schulden.

Wir sind frei.

Sei dankbar, dass ich uns dieses Joch nicht für zwanzig Jahre umgehängt habe.

Wir werden leben wie Menschen und nicht wie Sklaven der Bank.

Er setzte sich wieder an den Tisch und klopfte demonstrativ die Hände ab, als hätte er gerade eine schmutzige, aber notwendige Arbeit erledigt.

— Und räum das hier auf, — warf er achtlos hin und nickte zum Boden.

— Du hast eine Schweinerei angerichtet.

Morgen müssen wir früh aufstehen.

Wir müssen noch einen Anzug aussuchen.

Lena hat gesagt, der Dresscode ist „Black Tie“.

Weißt du überhaupt, was das ist?

Wobei, woher auch, du Dorftrampel …

Anna sah ihn an, und in ihrem Blick waren keine Tränen.

Dort war eine trockene, ausgebrannte Wüste.

Sie sah vor sich keinen Ehemann, sondern einen Parasiten, der sich an ihren Ressourcen fettgefressen hatte und nun noch mehr verlangte.

Sie bückte sich und hob vom Boden den einzigen unversehrten Schnipsel auf.

Es war ein Stück ihres eigenen Darlehensantrags.

Dort, in der Zeile „Mitkreditnehmer“, stand seine Unterschrift.

Jetzt war es nur noch eine Kritzelei auf zerrissenem Papier.

— Du hast recht, — sagte sie leise, und dieser Ton war schrecklicher als jedes Schreien.

— Es gibt keine Illusionen mehr.

— Na also, — nickte Sergej selbstzufrieden, ohne die Veränderung in ihrer Stimme zu bemerken.

— Geht doch.

Du hättest dich gleich so verhalten sollen.

Und das Geld …

Das verdienen wir wieder.

Ich werde bald befördert, da sind die Gehälter andere.

Wir kaufen dir schon noch deine Hütte, keine Sorge.

Er griff nach der halbleeren Bierdose, überzeugt davon, einen vollständigen und bedingungslosen Sieg errungen zu haben.

Sergej wühlte in der Jackentasche, die über der Stuhllehne hing, und zog einen dicken elfenbeinfarbenen Umschlag hervor.

Er warf ihn achtlos auf den Tisch, direkt auf die zerrissenen Fetzen ihrer Kredithistorie.

Der Umschlag fiel schwer, als läge darin kein Karton, sondern ein Stück Blei.

— Mach auf, — befahl er und nahm wieder einen Schluck Bier.

— Schau dir mal das Niveau an.

Das sind nicht irgendwelche Karten aus dem Kiosk.

Anna streckte langsam die Hand aus.

Der Umschlag war aus teurem Designerpapier gemacht, samtig im Griff.

Auf der Vorderseite verschlangen sich die Initialen „E“ und „W“ in goldener Prägung – Elena und Wladislaw.

Sie hob die Lasche mit dem Finger an.

Darin lag eine Karte aus dickem Karton mit goldenen Schnittkanten.

Der Text war in einer verschnörkelten kalligrafischen Schrift gedruckt, die Lena so liebte, weil sie sie für den Gipfel der Aristokratie hielt.

„Wir laden Sie ein, mit uns die Freude über die Gründung einer neuen Familie zu teilen …

Restaurant ‚Grand Imperial‘ …

Empfang der Gäste um 16:00 Uhr …

Dresscode: Black Tie.“

Anna sah auf diese Buchstaben, und sie verschwammen vor ihren Augen.

Sie wusste, wie viel das Drucken solcher Einladungen kostete.

Schon diese eine Karte kostete so viel, wie sie in drei Tagen für Lebensmittel ausgaben.

— Na?

Schick, oder? — grinste Sergej zufrieden, während er ihre Reaktion beobachtete.

— Lena hat gesagt, so ein Umschlag hat ungefähr achthundert Rubel gekostet.

Handarbeit, irgendein italienisches Papier.

— Achthundert Rubel … — wiederholte Anna wie ein Echo.

— Für ein Stück Papier, das am nächsten Tag in den Müll geworfen wird.

— Da bist du wieder mit deinem alten Lied! — verzog Sergej das Gesicht, als hätte er Zahnschmerzen.

— Das ist Status, Anja!

Das ist der erste Eindruck!

Die Leute nehmen das in die Hand und verstehen: Hier feiern keine Geizhälse, hier richten seriöse Leute ein Fest aus.

Und du misst alles mit deinen Kopeken.

Du hast eine armselige Psychologie, das Denken eines Bettlers.

Er beugte sich über den Tisch, stieß mit dem Ellbogen den Salzstreuer um, und das Salz verteilte sich als weiße Spur über den Tisch und vermischte sich mit den Papierresten.

Ein schlechtes Omen.

Doch schlimmer als jetzt konnte es ohnehin kaum noch werden.

— Hör mir jetzt gut zu, — veränderte sich Sergejs Stimme.

Die Prahlerei war daraus verschwunden, dafür traten stählerne, drohende Töne hervor.

— Morgen gehen wir zu diesem Bankett.

Und du wirst lächeln.

Du wirst Trinksprüche sagen, dem Brautpaar Glück wünschen und so aussehen, als wärst du die glücklichste Schwägerin der Welt.

Anna hob den Blick zu ihm.

In ihren Augen schwappte kalter, dunkler Ekel, aber Sergej hielt es für Unterwürfigkeit.

— Wenn ich auch nur einen Schatten von Unzufriedenheit auf deinem Gesicht sehe, — fuhr er fort und betonte jedes Wort, — wenn du es wagst, auch nur dein saures Gesicht zu verziehen oder, Gott bewahre, irgendwem etwas von dem Geld zu erzählen …

Dann werde ich dir die Hölle bereiten.

Du kennst mich.

— Ich kenne dich, — sagte Anna leise.

— Jetzt kenne ich dich.

— Umso besser.

Und merk dir noch etwas, — er tippte mit dem Finger auf die Tischplatte, direkt vor ihrer Nase.

— Der Mietvertrag dieser Wohnung läuft auf meinen Namen.

Ich bezahle die Vermieterin.

Du bist hier praktisch niemand.

Ein geduldeter Gast.

Anna erstarrte.

Die Luft in der Küche wurde dicht und zäh.

Er traf sie an ihrer wundesten Stelle, an ihrer größten Angst – auf der Straße zu landen.

Er benutzte ihr Zuhause, ihren Zufluchtsort, als Waffe gegen sie.

— Du wirfst mich raus? — fragte sie und konnte ihren Ohren nicht trauen.

— Weil ich auf einer Hochzeit, die mit meinem Geld bezahlt wurde, nicht lächeln werde?

— Ich werfe dich raus, — bestätigte Sergej ruhig und sah sie mit der eisigen Ruhe eines Henkers an.

— Wenn du meiner Schwester das Fest verderbst, fliegst du hier raus, so wie du bist.

Ohne einen Kopeken, ohne Sachen.

Dann kannst du am Bahnhof übernachten.

Ich mache keine Witze, Anja.

Lena hat diesen Tag verdient, und ich werde nicht zulassen, dass irgendeine neidische Frau alles kaputtmacht.

Er lehnte sich in den Stuhl zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und genoss seine Macht.

Dieses Gefühl gefiel ihm.

Das Gefühl völliger Kontrolle.

Früher hatte er noch Rücksicht auf sie genommen, sich mit ihr beraten, Demokratie gespielt.

Aber jetzt, wo er allein über Millionen verfügt hatte, hatte er den Geschmack grenzenloser Macht gekostet.

Er hatte die Grenze überschritten und verstanden, dass es ihm jenseits dieser Grenze bequem war.

— Also morgen früh – geschniegelt, geschniegelt und geschniegelt, mit Frisur, und deine Augen sollen strahlen, — befahl er.

— Ich will vor den Gästen stolz auf meine Frau sein.

Dort werden einflussreiche Leute sein, Partner von Wladislaw.

Ich muss Eindruck machen.

Und du …

du sollst einfach eine schöne Ergänzung sein.

Dekoration.

Verstanden?

Anna sah auf das goldene Monogramm auf der Einladung.

„Grand Imperial“.

Edelrestaurant.

Limousinen.

Und sie – Dekoration.

Ein kostenloses Anhängsel an den großzügigen Bruder, an den Sponsor des Banketts.

Sie sollte die Rolle der glücklichen Ehefrau eines Mannes spielen, der sie gerade bestohlen und ihr gedroht hatte, sie auf die Straße zu setzen.

— Verstanden, — sagte sie mit gleichmäßiger Stimme.

— Na also, — entspannte sich Sergej, überzeugt davon, sie endgültig gebrochen zu haben.

— Du kannst normal sein, wenn du willst.

Und das Geld …

das verdienen wir wieder.

Ich werde bald befördert, da gibt es andere Gehälter.

Wir kaufen dir schon noch deine Hundehütte, keine Sorge.

Er stand auf, streckte sich, bis die Gelenke knackten, und gähnte mit weit aufgerissenem Mund.

— Also gut, ich gehe schlafen.

Der Tag war anstrengend, nervenaufreibend.

Du räumst hier auf, — er deutete auf den mit Müll übersäten Tisch.

— Du hast ein Dreckschaos gemacht.

Und bügle meinen Anzug, den blauen.

Leg das frische weiße Hemd raus.

Damit ich morgen früh nicht suchen muss.

Er drehte sich um und schlurfte in Pantoffeln ins Schlafzimmer, während er sich im Gehen das Unterhemd auszog.

Eine Minute später war von dort das Knarren der Sofafedern zu hören.

Er legte sich in ihr Bett, auf ihre Laken, überzeugt davon, dass der morgige Tag sein Triumph werden würde.

Anna blieb allein in der Küche zurück.

Sie saß regungslos da und sah auf die Einladung.

Das samtige Papier fühlte sich unter ihren Fingern klebrig an.

In der Stille der Küche brummte der Kühlschrank, und der Wasserhahn tropfte.

Tropf.

Tropf.

Tropf.

Wie ein Countdown bis zur Explosion.

Sie nahm die Einladung in die Hände.

Schön.

Teuer.

Ein Symbol des Verrats.

Sergej dachte, er hätte sie in die Ecke gedrängt.

Er dachte, die Angst, ohne Dach über dem Kopf zu bleiben, würde sie zum Schweigen und Lächeln zwingen.

Er war sicher, dass sie das schlucken würde, so wie sie in den letzten drei Jahren jede Kränkung geschluckt hatte.

Anna stand auf.

Sie begann nicht, die Fetzen der Unterlagen aufzusammeln.

Sie ging nicht, um seinen Anzug zu bügeln.

Sie trat ans Fenster und blickte in die nächtliche Stadt hinaus.

Irgendwo dort draußen, in der Dunkelheit, stand ein unfertiges Haus, in dem ihre Wohnung war.

Ihre ehemalige Wohnung.

— Dekoration also, — flüsterte sie ihrem Spiegelbild in der dunklen Scheibe zu.

— Nun gut, Seryoscha.

Dann bekommst du eine Dekoration.

Du bekommst ein Schauspiel.

Und der erste Eindruck wird unvergesslich sein.

In ihrem Kopf reifte ein Plan, klar und kalt wie Eis.

Keine Hysterie, kein Geschrei, kein Flehen.

Das war das Ende.

Der Punkt ohne Wiederkehr war in dem Augenblick überschritten worden, als er die Unterlagen zerrissen hatte.

Aber er verstand das in seiner blinden Selbstsicherheit noch nicht.

Er glaubte, die Situation unter Kontrolle zu haben.

Anna kehrte zum Tisch zurück, nahm ihr Telefon und öffnete die Banking-App.

Verlauf der Transaktionen.

Überweisungen.

Einzahlungen.

Alles war dort.

Zahlen lügen nicht.

Im Gegensatz zu Menschen.

Sie machte mehrere Screenshots.

Dann öffnete sie den Messenger.

— Schlaf, mein Lieber, — sagte sie in Richtung Schlafzimmer, wo ihr Mann bereits zu schnarchen begann.

— Sammle Kräfte.

Du wirst sie morgen brauchen.

Sie legte das Telefon auf den Tisch, direkt auf die goldenen Buchstaben der Einladung, und lächelte zum ersten Mal an diesem Abend.

Dieses Lächeln war furchterregend, wie das Grinsen eines Schädels.

Der morgige Tag würde tatsächlich unvergesslich werden.

Für alle.

Der Morgen begrüßte Sergej mit schweren, pulsierenden Kopfschmerzen und einer Trockenheit im Mund, als hätte er Sand verschluckt.

Mit Mühe riss er die Augen auf und erwartete die gewohnte Hektik: Anna, die mit dem Bügeleisen herumläuft, Kaffeeduft, das vorbereitete weiße Hemd auf dem Bügel.

Doch in der Wohnung herrschte eine klingende, tote Stille.

Er setzte sich auf dem Sofa auf und stellte die Füße auf den kalten Boden.

Sein Kopf drehte sich.

Sein Blick fiel auf den Stuhl, auf den er gestern seinen alten Anzug geworfen hatte.

Der Anzug lag noch immer dort, zerknittert, staubig, wie die abgestreifte Haut eines kranken Tieres.

Kein frisches Hemd.

Kein Frühstück.

— Anjka! — rief er heiser und spürte, wie die Reizung irgendwo im Magen zu kochen begann.

— Hast du auf die Uhr gesehen?

Wir müssen in zwei Stunden los!

Wo ist mein Hemd?

Stille.

Schwankend stand er auf und ging in die Küche.

Anna saß am Tisch.

Sie war vollständig angezogen – Jeans, Rollkragenpullover, Turnschuhe.

Vor ihr stand eine Tasse schwarzen Kaffees, die sie nicht einmal angerührt hatte.

Auf dem Tisch lag kein Müll mehr.

Alle zerrissenen Papiere waren verschwunden, die Oberfläche war vollkommen sauber, abgesehen von der einsamen goldenen Einladung, die in der Mitte lag wie ein Grabstein.

— Was hast du denn an? — starrte Sergej sie an und blinzelte verständnislos.

— Ich habe doch gesagt: Dresscode.

Wo ist das Kleid?

Hast du beschlossen, mich lächerlich zu machen?

Anna hob langsam den Kopf.

Ihr Gesicht war ruhig, beängstigend ruhig.

Darin war weder die gestrige Hysterie noch Kränkung zurückgeblieben.

Es war das Gesicht eines Chirurgen vor einer Amputation.

— Ich fahre nirgendwo hin, Seryoscha, — sagte sie mit gleichmäßiger Stimme.

— Und du höchstwahrscheinlich auch nicht.

— Hast du den Verstand verloren? — machte er einen Schritt auf sie zu und ballte die Fäuste.

— Ich habe dich gewarnt.

Willst du auf die Straße?

Sofort?

Ich werfe dich raus wie einen Welpen!

Das ist meine Wohnung, mein Vertrag!

— Setz dich, — sagte sie kurz.

Das war kein Rat, das war ein Befehl.

So herrisch, dass Sergej aus Überraschung stehenblieb und sich tatsächlich auf den Hocker ihr gegenüber setzte.

Anna nahm das Telefon in die Hand.

— Gestern hast du viel davon geredet, dass du ein „Mann“ und „Oberhaupt der Familie“ bist, der alles entscheidet.

Davon, dass das Geld gemeinsam ist.

Lass uns der Wahrheit ins Gesicht sehen.

Ohne Emotionen.

Nur Zahlen.

Sie drehte den Bildschirm zu ihm.

Dort war eine Übersichtstabelle in Excel geöffnet.

Sergej kniff die Augen zusammen.

— Was ist das für ein Mist?

— Das ist die Buchhaltung unserer „heiligen Familie“ für drei Jahre, — fuhr Anna mit dem Finger über den Bildschirm.

— Schau genau hin.

Blau sind meine Einzahlungen auf das Sparkonto.

Rot deine.

Siehst du den Unterschied?

Sergej schwieg.

Die blauen Balken waren dreimal so groß.

— Achtzig Prozent des Geldes auf diesem Konto sind mein Geld, Sergej.

Meine Prämien, meine Nebenjobs, das Erbe meiner Großmutter, das ich verkauft habe.

Du hast nur Kleinigkeiten beigesteuert, weil dein Gehalt für dein eigenes Auto, deine Mittagessen und deine „kleinen Freuden“ draufging.

Und ich habe die Miete dieser Wohnung, die Lebensmittel und die Haushaltschemie bezahlt.

— Du wirfst mir ein Stück Brot vor? — fuhr er auf und versuchte, die Kontrolle über die Situation zurückzuerlangen.

— Wir sind Familie!

Alles in einen Topf!

— Es gibt keinen Topf mehr, — fiel sie ihm scharf ins Wort.

— Den hast du gestern zerschlagen.

Du hast nicht „unser“ Geld gestohlen.

Du hast mein Geld gestohlen.

Du hast das Bankett deiner Schwester auf meine Kosten bezahlt.

Du wolltest ein großzügiger Herr sein?

Herzlichen Glückwunsch.

Nur hast du vergessen, dass du ein falscher Herr bist.

Du bist ein gewöhnlicher Schmarotzer, der auf Kosten seiner Frau gelebt hat.

— Halt den Mund! — schrie Sergej und schlug mit der Faust auf den Tisch.

— Ich bin ein Mann!

Ich arbeite!

— Du arbeitest für dreißigtausend, von denen du die Hälfte aufisst, — fuhr Anna mit eisigem Ton fort.

— Und jetzt hör dir das Interessanteste an.

Ich habe heute Morgen mit der Vermieterin gesprochen.

Sergej erstarrte.

Sein Gesicht begann sich langsam ungesund zu röten.

— Wozu?

— Ich habe ihr mitgeteilt, dass ich ausziehe.

Und dass ich im nächsten Monat die Miete nicht bezahlen werde.

Du hast doch geschrien, dass der Vertrag auf deinen Namen läuft?

Dass du mich rauswirfst?

Nun, ich habe es dir leichter gemacht.

Ich gehe von selbst.

Genau jetzt.

— Dann hau doch ab! — spuckte er aus.

— Glaubst du, ich gehe ohne dich unter?

Ich finde schon eine normale Frau, die mich zu schätzen weiß und nicht jeden Kopeken zählt!

— Dann finde sie, — nickte Anna.

— Aber bedenke eine Kleinigkeit.

Die Vermieterin sagte, dass du die Miete in den letzten zwei Monaten verspätet gezahlt hast.

Sie hat es nur toleriert, weil ich mit ihr gesprochen und die Differenz überwiesen habe.

Jetzt habe ich ihr den Kontoauszug gezeigt, dass wir kein Geld mehr haben.

Sie kommt heute Abend.

Mit dem Abschnittsbevollmächtigten.

Um die Zahlungsfähigkeit zu prüfen.

Sergej spürte, wie ihm kalter Schweiß über den Rücken lief.

Er hatte kein Geld.

Überhaupt keines.

Die Karte war leer – er hatte alles restlos für Lena abgehoben.

Bis zum Gehalt waren es noch zwei Wochen.

Die Miete betrug fünfundzwanzigtausend.

— Du …

du hast mir eine Falle gestellt? — flüsterte er und sah sie mit Schrecken und Hass an.

— Du wusstest doch, dass ich keinen Groschen habe!

— Ich habe dir nur das „glückliche Leben“ bereitet, das du mir gestern versprochen hast, — Anna stand auf.

— Du wolltest für deine Schwester der Held sein?

Dann sei es.

Nur bist du jetzt ein obdachloser Held.

Sie nahm ihre Tasche vom Stuhl.

Darin waren keine Sachen, nur Dokumente und ihr Laptop.

Die Sachen hatte sie zurückgelassen.

Alte Lumpen, die auf Schlussverkäufen gekauft worden waren, brauchte sie nicht mehr.

Sie begann ein neues Leben, und in diesem Leben war weder für die alte Kleidung noch für den alten Ehemann Platz.

— Und was ist mit der Hochzeit? — fragte Sergej verwirrt.

In seinem Kopf passte es nicht zusammen, dass die Welt so schnell zusammengebrochen war.

— Lena wartet …

Ich habe es ihr doch versprochen …

— Geh hin, — grinste Anna und stand in der Küchentür.

— Geh zu Fuß.

Für ein Taxi hast du kein Geld.

Und zieh deinen dreckigen Anzug an.

Das wird sehr symbolisch sein.

Edelrestaurant, High Society und du – in zerknitterten Hosen und mit leeren Taschen.

Entsprich dem Niveau, Seryoscha.

— Bleib stehen! — sprang er auf und stieß den Stuhl um.

— Anjka, mach keinen Unsinn!

Gib mir wenigstens die Karte!

Da müssten doch Reste drauf sein!

Für Essen!

Anna sah ihn zum letzten Mal an.

In ihrem Blick lag kein Mitleid.

Nur Ekel, mit dem man auf eine zerquetschte Kakerlake blickt.

— Das Essen wirst du dir verdienen.

Arme und Beine hast du ja, hast du selbst gesagt.

Sie drehte sich um und ging in den Flur.

Die Haustür schlug zu.

Das Schloss klickte und schnitt sie von ihrer Vergangenheit ab.

Sergej blieb mitten in der Küche stehen.

Die Stille kehrte zurück, doch jetzt war sie furchteinflößend.

Er war allein.

In einer fremden Wohnung, für die er kein Geld hatte.

Ohne Essen.

Ohne die Frau, die den ganzen Alltag getragen hatte.

Mit Kater und der goldenen Einladung auf dem Tisch, die jetzt wie blanker Hohn aussah.

Er griff nach dieser Einladung, zerdrückte sie in der Faust und zerknitterte das samtige Papier und die goldenen Monogramme.

— Schlampe! — brüllte er in die Leere und schleuderte den Knäuel gegen die Wand.

— Kleinliche Bestie!

Aber die Wände schwiegen.

Der Saratow-Kühlschrank brummte wie gewohnt und erinnerte ihn daran, dass drinnen nichts war.

Der Wasserhahn tropfte: tropf.

Tropf.

Das war der Klang seines neuen, eigenständigen Lebens, das er sich so sehr gewünscht hatte.

Und es begann genau jetzt …